Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Alternatives Krisenmanagement. Ausstellungsprojekte steirischer herbst 2004 (de)

Luisa Ziaja

“Today we face a very serious multidimensional crisis. This crisis affects all spheres of life. In other words, it is an economic crisis, it is a political crisis, it is a social crisis, an ecological crisis, even a cultural crisis. So the question is, is there any common thread, that is, can we find any common cause for the various aspects of the crisis. And the answer, to my mind, is yes”. Der politische Ökonom und Herausgeber des Magazins „Democracy & Nature” Takis Fotopoulos bringt es auf den Punkt: Die Krise ist umfassend und die Krise ist jetzt.

Der diesjährige steirische herbst behauptet „… Krise ist immer …“ und verweist programmatisch auf das produktive Potential krisenhafter Zustände jeglicher Ausprägung. So unspezifisch und offen ein Festivalmotto naturgemäß ist, bleiben auch dessen Interpretationen ambivalent wie sich beispielhaft anhand des Ausstellungsprogramms nachzeichnen lässt.

Im Forum Stadtpark, das seit der Re-Strukturierung das diskursorientierte Arbeiten mit Schwerpunkt auf gesellschaftsrelevante, politische Thematiken und Praxen forciert, näherte man sich der Krise gemeinsam mit Oliver Ressler, der in der Doppelfunktion als Künstler und Kurator die Ausstellung „There Must Be An Alternative“ (09.10. – 28.11.2004) konzipiert hat. Die Aneignung des neoliberalen Diktums der „Iron-Lady“ Margaret Thatcher „There Is No Alternative“, das bereits in den 1980er Jahren den Abbau des Sozialstaates im Dienste ökonomischer Markteffizienz und der Interessen transnationaler Wirtschaftseliten einläutete, macht dabei den Kontext seiner Perspektivierung klar. In einer weitgehend schlüssigen Zusammenstellung präsentiert Ressler fünf internationale Positionen, sein project-in-progress „Alternative Economics, Alternative Societies“, der sechste Beitrag, fungiert als eine inhaltliche und räumlich-formale Klammer. Kernelement dieser erstmals 2003 in Ljubljana realisierten und kontinuierlich erweiterten Installation, sind Video-Interviews, in denen AutorInnen und WissenschaftlerInnen verschiedenster Disziplinen und geo-politischer Kontexte alternative Gesellschafts- und Ökonomiemodelle vorstellen. Takis Fotopoulos beispielsweise beantwortet seine eingangs zitierte Frage nach einer gemeinsamen Ursache der gegenwärtigen Krise mit der Konzentration von Macht als Resultat der Organisationsformen Marktwirtschaft und repräsentative Demokratie. Diesen stellt er das Konzept der „Umfassenden Demokratie“ gegenüber, das auf der gleichberechtigten Verteilung politischer und wirtschaftlicher Macht sowie der Abschaffung gesellschaftlicher Herrschaftsbeziehungen basiert. Bislang hat Oliver Ressler zehn Modelle, darunter auch historische wie die Pariser Commune von 1871, zusammengetragen und präsentiert die Videos auf einzelnen Monitoren, die über Bodenmarkierungen in ein räumliches Gefüge gespannt sind. Dieses Leitsystem wird durch prägnante Zitate aus den jeweiligen Interviews um eine textuellen Ebene erweitert und bildet zudem eine Matrix für die übrigen gezeigten Arbeiten: Während Aernout Mik in seinem Video „Middlemen“ (2001) Broker nach Börsenschluss in einer beklemmenden, verstörenden Atmosphäre inszeniert und damit auf die strukturelle Prekarität des kapitalistischen Systems verweist, stehen die „Gente Armada“ des Kollektivs Etcétera vor dem realen Hintergrund der Demonstrationen um die Wirtschaftskrise in Argentinien. Als Utensilien für Straßenperformances in Buenos Aires entwickelt, referieren die Pappfiguren auf mediale stereotype Bilder zwischen Antiglobalisierungsaktivismus und Bioterrorismus, die der Kriminalisierung von Widerstandsbewegungen Vorschub leisten. In Auseinandersetzung mit der affektiven Ebene radikalisierten Protests, dem Lebensgefühl des sogenannten Black Bloc, unternimmt „Get Rid of Yourself“, ein Video der Bernadette Corporation, den Versuch einer Repräsentationskritik der Linken in dem sich deren Ambiguität spiegelt. Die berüchtigte Public-Media Performancegruppe The Yes Men hingegen setzt auf parodistische Eindeutigkeit: „The Horribly Stupid Stunt“ dokumentiert das Auftreten als vermeintliche Vertreter der WTO auf einer Konferenz in Salzburg und macht die weitreichende widerspruchslose Akzeptanz drastischer neoliberaler Ansätze sichtbar. Das französische KünstlerInnenduo Bureau d’Études, bekannt für Kartografien politischer und ökonomischer Systeme und deren vielfältiger Verstrickungen schließlich ist mit einer Auswahl aktueller Karten vertreten: Wie schon bei früheren Beispielen stellt sich auch hier die Frage inwieweit sich die komplexen Netzwerke in der notwendigen Simplifizierung einer Visualisierung entziehen, und gleichzeitig latent antisemitische Verschwörungstheorien unreflektiert reproduziert werden. Letztendlich erscheint diese Position in der ansonsten stringent konzipierten Schau entbehrlich, deren Stärke darin liegt, über einen rein proklamatorischen oder repräsentationistischen Charakter hinauszugehen.

Eva Maria Stadler nimmt das Motto des herbstes zum Anlass mit ihrer Ausstellung im Grazer Kunstverein über „Gelegenheit und Reue“ (09.10.-21.11.2004) nachzudenken, um, wie sie schreibt, „nach Möglichkeiten von Transformation und Widerstand innerhalb einer sich stets verändernden Gesellschaft“ zu fragen, „in der die Gelegenheit als Tugend gilt, sie zu ergreifen oberstes Gebot darstellt“. Den Ausgangspunkt ihrer Zusammenstellung bildet, in Referenz auf ein Renaissancegemälde Girolamo da Capris, die Strategie der allegorischen Darstellung in der zeitgenössischer Kunst. So bedienen sich Francis Alys und Rafael Ortega für ihre Aktion „Un minuto di silencio“ der Einhalt gebietenden allgemeinverständlichen Geste des Schweigens – Zeigefinger auf geschlossenen Lippen – um das geschäftige Treiben im Zentrum Panamas einen Augenblick lang still zu stellen. Zwar gelingt es ihnen nur bedingt, einen Moment des „Nicht-Tuns“ zu initiieren, doch gerade in der scheinbaren Unmöglichkeit sich dem Imperativ des ständig aktiven Individuums in einer kapitalistischen Lebenswelt zu entziehen, liegt deren widerständiges Potenzial. Wiewohl neben dieser Installation auch die bekannte fotografische Serie „Neue Soldaten“ von Collier Schorr, und ein Film Ulrike Ottingers gezeigt werden, verortet Stadler das Allegorische insbesondere in seinem tradierten Medium – der Malerei: Während Marcin Maciejowskis Werk in der Traditionslinie der Darstellungskonventionen des Sozialistischen Realismus steht, aber überzeugend eine kritische Distanz zu markieren vermag, sind speziell die Arbeiten Uwe Hennekens und Kerstin Kartschers von bemerkenswert zweifelhafter Qualität. So zielt deren Verkitschung historischen Bildvokabulars ins Leere, den eingeforderten emanzipatorischen Blick sucht man hier vergebens. Und findet ihn bei Ulrike Ottinger und ihrem Kurzfilm „Superbia – Der Stolz“ (1986). Mit Bezugnahme auf die christliche Ikonografie, die die sogenannten Todsünden von Superbia bis Voluptas immer als Frauen darstellt, inszeniert Ottinger einen opulenten Triumphzug des Bösen, dem sie in Kontrastmontage dokumentarische Sequenzen von Militäraufmärschen, Polizeieinsätzen und kriegerischen Konflikten gegenüberstellt. Ottinger macht sichtbar, dass der Stolz zuallererst ein Wahn des männlichen Herrschaftssystems ist – die allegorische Rolle des weiblichen Körpers sein Effekt und führt exemplarisch vor, wie das Verhandeln des kunsthistorischen Kanons für die Gegenwart produktiv gemacht werden kann. Die formale wie inhaltliche Dichte dieser Arbeit potenziert gleichermaßen die Bedeutungslosigkeit der erwähnten Malerei-Positionen: Gelegenheit und Reue charakterisiert wohl auch kuratorische Arbeit.

Zu den Todsünden, die spätestens seit dem Thriller „Seven“ bekannter sind als die zehn Gebote, zählt im übrigen auch die Völlerei. Und diese drängt sich angesichts des neuen Filmes von Cameron Jamie im Künstlerhaus unvermittelt auf: Mit 53 Hot Dogs in 12 Minuten hält der Japaner Takeru Kobayashi den offiziellen Weltrekord in der besonders in den USA verbreiteten Disziplin des Wett-Essens und wird damit neben der diesjährigen zur Johanna von Orleans erwählten französischen Jungfrau zum Protagonisten von „JO“ (10.10.-24.11.2004). Die Kombination der beiden Ereignisse erscheint ob der so verschiedenen Kontexte von Heiligenverehrung und Populärkultur zunächst absurd, haben doch kirchliche Prozessionen nichts mit brodelndem Fett und dem Verschlingen von Würsten gemein. Über den Pressetext hinaus, der vorschlägt die Arbeit als Auseinandersetzung mit einer katholisch geprägten europäischen Tradition zu sehen, die in pervertierter Form als amerikanische Kultur die Gegenwart bestimme, lässt sich mit Brecht auch an explizite Kapitalismuskritik denken: Vereint doch „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ Opfermythos und Kampf gegen ein ausbeuterisches Machtregime personifiziert durch den Fleischkönig Chicagos, der in einer zentralen Szene Beschwichtigung und Trost als die wesentlichen Aufgaben der Religion im kapitalistischen System formuliert. Brechts Johanna scheitert letztendlich – der Ausgang der gegenwärtigen Krise bleibt ungewiss.

Ganz und gar nicht allegorisch sind hingegen die Projekte des Medienturms zu verstehen. Mit der Multimedia-Installation „Cube“, realisiert von vier deutschen KünstlerInnen (Holger Mader, Alexander Stublic, Heike Wiermann, Thomas Troge) sowie Videoarbeiten aus der „G.S.I.L.-series“ der österreichischen Programmiererin Lia, eröffnete man den neuen Ausstellungsraum „Medienturm Zentral“. Lia konfrontiert die BetrachterInnen mit einem Stakkato abstrakter Muster, deren minimalistische Formensprache kongenial auf den Sound des portugiesischen Elektronic-Duos @c reagiert. In gleicher Kollaboration wurde zudem die BIX-Fassade des Kunsthauses mit einer über Feedbackschleifen von der Geräuschkulisse des öffentlichen Raumes getriggerten audio-visuellen Intervention bespielt. (08.10.-07.11.2004)

Der Verhandlung des öffentlichen Raumes als Ort gesellschaftlicher Kommunikation und Identitätsstiftung widmete sich schließlich „Third Places – Fußball, Video-Games und Musik-Clips“ (09.10.-07.11.2004), ein von Doris Rothauer konzipiertes Veranstaltungsprojekt im Westen von Graz. Ausdrücklich dezentral und interdisziplinär zwischen High und Low Culture angelegt, sollte es der von ökonomischen Interessen gesteuerten zunehmenden Privatisierung gemeinschaftlichen Lebensraumes Alternativen entgegensetzen, die nachhaltig und lokal wirksam werden. Ob dies gelungen ist wird sich weisen, das Aufzeigen von Handlungsoptionen jenseits konsumorientierter Eventkultur jedenfalls erscheint als ein fruchtbarer Anfang.

aus: Camera Austria 88/2004