Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Besetzte Fabriken in Venezuela (de)

Interview von Michel Reimon

Michel Reimon: Ihr zweiter Film über Venezuela hat am Freitag Premiere in Wien. Wie kam es zu diesem Projekt?

Oliver Ressler: Ich habe 2004 gemeinsam mit dem Autor und Politikwissenschafter Dario Azzellini den Film „Venezuela von unten“ realisiert, in dem unterschiedliche BasisaktivistInnen im ganzen Land nach ihrem Verhältnis zum so genannten Bolivarianischen Prozess befragt wurden und nach den Gründen, warum sie diesen unterstützen und was sich konkret für sie geändert hat. Das Nachfolgeprojekt „5 Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela“ geht auf eine Einladung des Berkeley Art Museum zurück, eine Einzelausstellung in Solidarität zu den Prozessen in Venezuela in dem kalifornischen Museum zu realisieren. Dario und ich haben daraufhin eine Rauminstallation bestehend aus 6 Videoprojektoren entwickelt, die auf in den fünf Fabriken aufgenommenen Gesprächen basiert. Dieses Material bildete nun auch den Ausgangspunkt für die nun erstmals in Wien präsentierte Ein-Kanalfassung des Filmprojekts.

Michel Reimon: Was ist so besonders an fünf Fabriken, dass man dafür ins Kino gehen sollte?

Oliver Ressler: Der Film dokumentiert aktuelle Versuche, das in Venezuela praktizierte Modell einer partizipativen und protagonistischen Demokratie auch auf das Feld der Wirtschaft zu übertragen. Die fünf von uns ausgewählten Fabriken zeigen unterschiedliche Modelle einer Arbeiterselbst- und -mitverwaltung auf. In den meisten Fällen werden, zum Teil leer stehende Unternehmen besetzt, gründen die ArbeiterInnen eine Kooperative, bewerben sich um Kredite beim Ministerium für Basisindustrien und Bergbau und nehmen die Produktion wieder auf. Dabei werden die meisten Entscheidungen auf Versammlungen von den ArbeiterInnen direkt getroffen, und nicht von der Verwaltung und Direktion, die diese nur umzusetzen haben. In vielen dieser Unternehmen verdienen alle Beschäftigen dasselbe, unabhängig von ihrer Position im Unternehmen. Eine weitere Besonderheit ist, dass sich die Unternehmen als „Unternehmen sozialer Produktion“ begreifen, und einen gewissen Prozentsatz ihrer Gewinne in soziale Projekte in ihren Communities reinvestieren. So öffnet etwa die Kakaofabrik Agroindustrial del Cacao die betriebseigene Mensa für bedürftige Kinder, die Papierfabrik Invepal verschenkt Schulhefte und gibt den Leuten aus der Umgebung die Möglichkeit, sich gratis vom Betriebsarzt behandeln zu lassen. Die große Aluminiumfabrik Alcasa unterstützt Gründungen von Unternehmen, die das produzierte Aluminium in der Region verarbeiten, um die regionale Wirtschaft zu stärken, Arbeitsplätze zu schaffen und von einer reinen Exportorientierung wegzukommen. Ich glaube, dass der Film für alle Menschen, die unzufrieden mit der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie sind, zahlreiche Ansatzpunkte für das Nachdenken über Alternativen bietet.

Michel Reimon: Basisdemokratie ist ein in der venezolanischen Verfassung verankerter Wert. Wie funktioniert das in der Praxis?

Oliver Ressler: Das zeigt sich in sehr unterschiedlichen Bereichen. In den westlichen Mainstream-Medien wurde das Referendum gegen Chávez im August 2004 etwa zumeist als Indiz mit der Unzufriedenheit mit seiner Politik gelesen. In Wirklichkeit hat die rechtsgerichtete, vor allem aus der privilegierten Oberschicht zusammengesetzte Opposition einfach eine demokratische Errungenschaft der neuen bolivarianischen Verfassung, dass man mit einer gewissen Anzahl an Stimmen auch einen gewählten Präsidenten vorzeitig abberufen kann, zu nutzen versucht. Dass die Opposition mit ihrem Referendum gescheitert ist, zeigt aber auch, wie viel Rückhalt der Prozess in Venezuela bei der Mehrheit der Bevölkerung geniest.

Will man Entscheidungen basisdemokratisch fällen, muss man sie dezentralisieren. Das ist sicher für Venezuela noch ein langer Prozess, bis das wirklich erreicht wird. Funktionieren kann Basisdemokratie nur in kleineren Organisationseinheiten, wie etwa in Unternehmen. Wenn innerhalb von Unternehmen Hierarchien und Ungleichheiten zwischen den ArbeiterInnen abgebaut werden, wie es „5 Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela“ thematisiert, zeigt das, dass sich die venezuelanische Gesellschaft auf dem richtigen Weg befindet.

Michel Reimon: Chávez polarisiert, für die meisten ist er entweder ein Guter oder ein Böser. Wie sehen Sie das?

Oliver Ressler: Die Fokussierung der einflussreichen Medien auf eine charismatische Persönlichkeit wie Hugo Chávez bedeutet leider, dass die unzähligen interessanten im Land stattfindenden Prozesse verdeckt werden. Es war daher eine ganz klare konzeptionelle Entscheidung für beide unsere Filme zu Venezuela, die ProtagonistInnen an der Basis zu Wort kommen zu lassen und den Fokus der Aufmerksamkeit dorthin zu verlegen.

Ganz gleich, wie man persönlich zu Chávez steht, man muss schlicht blind sein, wollte man die gewaltigen positiven Verbesserungen vor allem im sozialen Bereich durch den bolivarianischen Prozess abstreiten. Diese alle zu benennen, würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Herauszustreichen wären meiner Meinung nach die gestärkten Rechte für Frauen und Indigenas, Förderungsprogramme durch Kleinkredite, die Verleihung der Staatsbürgerschaft an hunderttausende kolumbianische Bürgerkriegsflüchtlinge, und die zahlreichen Gesundheits- und Bildungsprogramme. So hatte etwa vor wenigen Monaten die UNESCO bestätigt, dass Venezuela durch die „Mission Robinson“ den Analphabetismus völlig ausrotten konnte.

Michel Reimon: Und die Opposition?

Oliver Ressler: …ist nach dem gescheiterten Putsch 2002, den Sabotagen, verlorenen Wahlen und Referenden so geschwächt, dass ihr beim letzten Wahlgang zu den Parlamentswahlen im Dezember 2005 nur mehr die Möglichkeit blieb, diesen zu boykottieren, um sich eine weitere blamable Niederlage zu ersparen. Die Opposition setzt aber weiterhin darauf, in ihrer aggressiven Rhetorik die venezuelanische Regierung als undemokratisch darzustellen und das Land zu destabilisieren.

Michel Reimon: Chávez fährt gegenüber den USA einen sehr provokanten Kurs. Damit hat er also die Bevölkerung auf seiner Seite?

Oliver Ressler: Der Putsch gegen Chávez 2002 wurde von den USA mitgetragen, und die USA besaßen sogar die Frechheit, die Putschisten eines demokratisch gewählten Präsidenten innerhalb weniger Stunden anzuerkennen. Als sie damit wegen des Widerstandes der Bevölkerung Venezuelas nicht durchkamen und Chávez wieder als Präsident eingesetzt wurde, ließen die USA keine Gelegenheit ungenützt, Venezuela international zu isolieren und auf die „Achse des Bösen“ in eine Reihe mit dem Iran oder Nordkorea zu stellen. So gesehen ist die US-kritische Rhetorik von Chávez eine verständliche Reaktion, und wird von der Mehrheit der Menschen, die durch die neoliberale, mit den USA identifizierte Hinunterwirtschaftung des lateinamerikanischen Kontinents verarmt sind, positiv aufgenommen.

Michel Reimon: Wo kann man Ihren Film demnächst sehen?

Oliver Ressler: Der Film ist so neu, dass der Schnitt und die deutschsprachige Fassung erst vor wenigen Tagen fertig wurden. Neben der Präsentation bei der Normale im Cinemagic wird der Film ab 17.05.06 zumindest zwei Wochen im regulären Kinoprogramm im Lichtblick-Kino in Berlin laufen. Es sind zurzeit zahlreiche weitere Präsentationen des Films in Europa im Gespräch.

Unveröffentlichtes Interview für den online-Standard, das am 11. oder 12. Juni 2006 erscheinen hätte sollen.