Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Alternative Economics, Alternative Societies

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Nach dem Verlust eines Gegenmodells zum Kapitalismus – wie der real existierende Sozialismus bis zu dessen Zusammenbruch eines bildete – haben es zu Beginn des 21. Jahrhunderts alternative Konzepte einer ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung schwer. “Alternativen” werden in den Industriestaaten nämlich nur dann breiter diskutiert, wenn sie die bestehenden Machtverhältnisse im kapitalistischen System und in den repräsentativen Demokratien nicht in Frage stellen. Andere sozio-ökonomische Ansätze werden hingegen als utopisch bezeichnet, abgewertet und von einer ernsthaften Auseinandersetzung ausgeschlossen, so sie überhaupt wahrgenommen werden.

Die themenspezifische Installation “Alternative Economics, Alternative Societies” fokussiert unterschiedliche Konzepte und Modelle für alternative Ökonomien und Gesellschaften, deren Gemeinsamkeit die Zurückweisung des kapitalistischen Herrschaftssystems ist. Zu jedem Konzept wurde ein Interview geführt, aus dem im Rahmen des Projekts jeweils ein Video in englischer Sprache produziert wurde. Diese 20 bis 37 Minuten langen Einkanalvideos werden in der Ausstellung auf getrennten Monitoren gezeigt und bilden die zentralen Elemente der künstlerischen Installation.

Im Rahmen des Projekts werden alternative Gesellschafts- und Ökonomiemodelle wie “Inclusive Democracy” von Takis Fotopoulos (GB/GR), “Participatory Economy” von Michael Albert (USA) und die anarchistische Konsensdemokratie von Ralf Burnicki (D) vorgestellt.

Chaia Heller (U.S.A.) spricht über “Libertarian Municipalism”, Paul Cockshott (GB) über “Towards a New Socialism”, Heinz Dieterich (MX) über “The Socialism of the 21st Century”, Marge Piercy (USA) über die feministisch-anarchistischen Utopien ihrer Social Fantasies, der Underground-Autor p.m. (CH) über sein Konzept “bolo’bolo”.

Weitere Videos fokussieren bestimmte Prinzipien, die von Bedeutung sein könnten, wenn wir über alternative Ökonomien und Gesellschaften diskutieren: Nancy Folbre (USA) spricht über “Caring Labor”, Christoph Spehr (D) über “Freie Kooperation”, Maria Mies (D) über die Subsistenzperspektive und John Holloway (MEX/IE) über seine Vorstellungen, die Welt zu verändern ohne die Macht zu übernehmen.

Als interessante historische Modelle werden von Todor Kuljic (SCG) die Arbeiterselbstverwaltung im Jugoslawien der 60er und 70er Jahre, von Salomé Moltó (E) die Arbeiterkollektive während der Spanischen Revolution (1936-38) und von Alain Dalotel (F) die Pariser Commune von 1871 thematisiert. Ein direktdemokratisches Selbstverwaltungsnetzwerk, das in einigen ländlichen Gebieten in Chiapas/Mexiko existiert, ist die in einem Video diskutierte zapatistische Versammlung der guten Regierung.

Aus jedem der 16 Videos wird ein für das jeweilige alternative Modell signifikantes Zitat ausgewählt und als mehrere Meter lange Textarbeit direkt auf dem Boden des Ausstellungsraumes angebracht. Diese mit Klebefolien ausgeführten Bodenbeschriftungen führen die AusstellungsbesucherInnen direkt zu den entsprechenden Videos, und stellen so eine Orientierungshilfe innerhalb dieses unhierarchisch gegliederten Pools von Videos dar. Diese Videos bieten Anregungen und Vorschläge zum Nachdenken über gesellschaftliche Alternativen und Handlungsmöglichkeiten.

Bei der ersten Präsentation in Ljubljana 2003 bestand das Ausstellungsprojekt aus fünf Videos. Inzwischen ist die Installation auf 16 Videos mit einer Gesamtlänge von über sieben Stunden angewachsen. Das Projekt wird auch in den kommenden Jahren um weitere ökonomische und gesellschaftliche Konzepte erweitert.

Die Installation “Alternative Economics, Alternative Societies” wurde in den folgenden Ausstellungen realisiert:

 

“Alternative Economics, Alternative Societies” erhielt eine Startförderung von republicart und der BKA-Kunstsektion.

Deutsche Transkriptionen der Videos von “Alternative Economics, Alternative Societies”:

Für Videotranskriptionen auf spanisch, portugisisch und serbisch gehen Sie bitte auf republicart

Online video “Inclusive Democracy” mit Takis Fotopoulos