Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Alternative Economics, Alternative Societies

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Nach dem Verlust eines Gegenmodells zum Kapitalismus – wie der real existierende Sozialismus bis zu dessen Zusammenbruch eines bildete – haben es zu Beginn des 21. Jahrhunderts alternative Konzepte einer ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung schwer. “Alternativen” werden in den Industriestaaten nämlich nur dann breiter diskutiert, wenn sie die bestehenden Machtverhältnisse im kapitalistischen System und in den repräsentativen Demokratien nicht in Frage stellen. Andere sozio-ökonomische Ansätze werden hingegen als utopisch bezeichnet, abgewertet und von einer ernsthaften Auseinandersetzung ausgeschlossen, so sie überhaupt wahrgenommen werden.

Die Idee hinter der Plakatserie „Alternative Economics, Alternative Societies” ist es, Vorschläge für die Diskussion über Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System zu machen. Eine solche Gesellschaft sollte anti-hierarchisch sein, auf direkter Demokratie aufbauen und möglichst viele Menschen in Entscheidungsprozesse einbinden. Im Bereich der Ökonomie würde dies zu einer Palette unterschiedlicher Modelle von ArbeiterInnenselbstverwaltung führen.

Die Plakatserie, die bisher an öffentlichen Orten urbaner Zentren Europas und Lateinamerikas gezeigt wurde, bietet Ideen für Menschen, die über eine zukünftige Gesellschaft nachdenken. Die Plakate funktionieren als Denkanstoß und Ausgangspunkt für Diskussionen in einer Zeit, in der die Strategien für Alternativen nicht klar sind. Es gilt deutlich zu machen, dass eine wünschenswerte Gesellschaft von den Menschen aufgebaut und gestaltet werden muss, die in ihr leben. Ein Modell, das jeden Aspekt dieser zukünftigen Gesellschaft planen und vorschreiben will, muss scheitern.

Die Poster und Plakattexte mit ihren großen und deutlich sichtbaren Schriftsätzen haben die Form von Aufrufen, die dominante Machtverhältnisse in Frage stellen und Alternativen zum kapitalistischen Herrschaftssystem zeigen. Einige dieser Ideen wurden von Michael Albert („Participatory Economy”) und Takis Fotopoulos („Inclusive Democracy”) erarbeitet, sind Vorschläge für eine anarchistische Konsensdemokratie von Ralf Burnicki oder basieren auf Überlegungen des Theoretikers John Holloway („Change the World Without Taking Power”). Das Projekt verwendet das Poster- und Plakatformat als Arena der Imaginationen. „Die Vorstellungskraft ist eine sehr mächtige Befreiungsmaschinerie. Wenn man sich nichts anderes vorstellen kann, dann kann man auch nicht dafür arbeiten, dass sich etwas ändert”, erklärt Marge Piercy in einem Videointerview aus dem gleichnamigen Ausstellungsprojekt „”.

Die erste Präsentation fand als Posterserie im Rahmen des Projekts „Quicksand in De Pijp” (SKOR und Combiwel, kuratiert von Amiel Grumberg) in Amsterdam 2004 statt. Seither wurden die Poster, Plakate und Transparente in mehreren Städten, jeweils in der Landessprache gezeigt. In einigen Fällen waren sie mit dem Ausstellungsprojekt „Alternative Economics, Alternative Societies” verbunden, so etwa in Rijeka, Karlsruhe und Lima. Während in Amsterdam rund 2000 Poster über mehrere Monate illegal plakatiert wurden, hingen in Bratislava großformatige Plakate an den kommerziellen städtischen Plakatwänden, die der Billboartgallery Europe gratis überlassen und so für KünstlerInnen zugänglich wurden. In anderen Präsentationen wurden die Hausfassaden von Kunstinstitutionen für die öffentlichen Interventionen genutzt.