Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Arbeiterkollektive während der Spanischen Revolution

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Alcoy, Spanien, 22 Min., 2004

Mein Name ist Salomé Moltó. Ich bin seit 1977 Mitglied der nationalen Konföderation der Arbeiter, engagiere mich auch heute noch für die Gewerkschaft und bin dort für verschiedene Bereiche verantwortlich.

Am 14. April 1931 wurde in Spanien die Republik ausgerufen. Der König dankte ab und es begannen gesellschaftliche Veränderungen, die die SpanierInnen nie zuvor erlebt hatten. Es folgten die so genannten „zwei schwarzen Jahre”, in denen die Rechte die Regierung stellte, danach gab es wieder eine linke Regierung: 1936, als die SpanierInnen mehrheitlich für den „Frente Popular”, die Volksfront, stimmten, übernahmen die Linksparteien die Regierung, es kam zu Militärrevolten und Aufständen, die am 18. Juli 1936 begannen. Die Wirtschaftslage war zunächst recht gut, wurde jedoch später von der Rechten boykottiert. Daher waren die Produktionskapazitäten nicht ausgelastet, die Wirtschaft schrumpfte, es gab weniger Arbeit und die Löhne sanken. Diese Entwicklung begann 1936 mit der Republik der Linken (wie es in Spanien genannt wird), als die Volksfront an die Regierung kam; aber der Bevölkerung ging es weiterhin ziemlich schlecht.

1984 habe ich eine Studie über ArbeiterInnenkollektive und Verstaatlichung in Alcoy durchgeführt. Es war eine journalistische Arbeit, für die ich verschiedene Leute über ihre Erfahrungen befragt habe, um mir Aufschluss über diese Zeit zu verschaffen. Am 18. Juli wurde ein Generalstreik ausgerufen und eine Kontrollkommission eingesetzt. Diese Kommission war von der Gewerkschaft CNT organisiert, die in Alcoy die Mehrheit hatte; ebenfalls beteiligt an der so genannten „Control” war die UGT, jedoch war ihr Anteil, in Prozenten ausgedrückt, viel kleiner. Die Control war eine Art Komitee, in dem alle Gewerkschaften zusammengeschlossen waren und das die Kontrolle über die Wirtschaft übernahm. Sie kollektivierten das Transportwesen, die Metall-, Textil- und Papierindustrie. Von diesem Zeitpunkt an regierte in Alcoy die Control.

Die Wirtschaft wurde ab sofort in Kollektiven zusammengefasst. Das betraf das Transportsystem, die Banken und sogar Friseursalons. Alle BürgerInnen bekamen einen Arbeitsplatz und erhielt 10 Peseten pro Tag – genauso viel erhielt ein freiwilliger Soldat, der gegen die faschistische Bewegung kämpfte. Alcoy erlebte auch einen sehr dramatischen Moment: Es gab dort eine Kaserne, voll besetzt mit Soldaten. Diese Soldaten waren die Söhne der Männer, die vor der Kaserne standen und auf die Entscheidung der Armee warteten – ob sie den faschistischen Aufstand unterstützen würden oder ob die Nation zusammenstehen würde. Nach langen Verhandlungen öffneten sich schließlich die Tore der Kaserne, und Väter und Söhne konnten einander in die Arme schließen. Es wäre sicher zu sehr dramatischen Szenen gekommen, wenn dort Blut geflossen wäre. Aber Alcoy blieb republikanisch und viele Freiwillige schlossen sich im Kampf gegen den Faschismus zusammen.

In Spanien gab es viele verstaatlichte Bereiche. Katalonien war fast zur Gänze kollektiviert, auch viele Provinzen in Aragón und insbesondere Alcoy. Diese Stadt ist ein Symbol aufgrund der Art und Weise, in der die Kommunistische Partei die Kollektive überall zu zerstören versuchte: In Alcoy gelang es ihr nicht. Die SIM – eine Spezialtruppe des Heeres – erhielt den Befehl, die Kollektive aufzulösen, doch sie scheiterte aus zwei Gründen: Erstens, weil die Metall verarbeitende Industrie Kriegsmaterial herstellte, das musste respektiert werden, da die Beschäftigten in Alcoy ansonsten die gesamte Produktion sabotiert hätten. Der zweite Grund war die Textilindustrie, die Bekleidung für das Militär produzierte. Die Kontrollkommission wandte sich direkt an das Kriegsministerium in Madrid und ersuchte um Genehmigung, für die Republik Waffen herstellen zu dürfen. Dies wurde bewilligt, und so konnten die Leute in Alcoy rund um die Uhr in 8-Stunden-Schichten arbeiten. Alle begannen zu arbeiten; die Leute kamen zum Teil von weit her, es herrschte ja ein Mangel ein Arbeitskräften, weil viele Männer an die Front gegangen waren, um zu kämpfen. Wie sah die Durchsetzung der Kollektivierung nun konkret aus? – Zunächst einmal wurde die Produktion unterteilt in jene Bereiche, die notwendige, und solche, die zusätzlich erwünschte Produkte herstellten. Die Lohnverteilung sah vor, dass einfache Tätigkeiten und solche, die mehr Fachkenntnisse und Verantwortung erforderten, gleich entlohnt wurden. Ein Betroffener, der in diesem System als Techniker in der Bombenproduktion arbeitete, erzählte mir in einem Interview, dass sein Chef, der ein Ingenieur war und dem die Fabrik gehörte, denselben Status wie die anderen ArbeiterInnen hatte.
Die Kollektive in Alcoy umfassten alle Bereiche, die ganze Metall verarbeitende Industrie, die Textilindustrie, die Frisiersalons, Cafés und Banken – alles war zusammengeschlossen. Jeder führte seine Arbeit aus, und die Versammlung bestimmte, was jeweils zu tun war.

Die Wirtschaft war zu dieser Zeit nicht auf persönliche Bereicherung ausgerichtet. Die Menschen erhielten ihren Lohn, der praktisch für alle gleich war. Von unten nach oben konnte das Einkommen bis zu einem gewissen Maß steigen, das war vom Krieg abhängig. Viele Leute waren Tagelöhner und verdienten zehn Peseten am Tag, was nicht schlecht war, und das blieb auch so während der ganzen Zeit. Es gab Geschäfte, wo die Bevölkerung ihren Bedarf an materiellen Gütern decken konnte. Des Weiteren gab es einen lokalen und nationalen Handel: Alcoy lieferte beispielsweise Maschinen für die Ölproduktion und ähnliche Geräte. Im Austausch dafür erhielt die Stadt Gemüse, Fleisch und andere lebensnotwendige Produkte aus den Ortschaften der Umgebung.

Niemand wurde gezwungen, sich den Kollektiven anzuschließen, aber jeder war froh, mitmachen zu können, denn es bedeutete ein höheres Einkommen und die Sicherheit, den persönlichen Bedarf decken zu können. Wenn ein solches System einmal eingeführt ist, wird es automatisch nicht nur von einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung sondern von 99 Prozent der Nation unterstützt. Die Firmeninhaber waren zum Teil an der Front, verschwunden oder blieben zu Hause. Die CNT suchte sie daheim auf, gab ihnen einen Ausweis und einen Job. Es gab in Alcoy kein großes Blutvergießen, die Repression war sehr begrenzt. So wurde beispielsweise der Manager eines Unternehmens entlassen, um am nächsten Tag in einer anderen Position in derselben Firma wieder angestellt zu werden.
Wichtig ist vor allem, wie sich diese Leute organisierten. Bei der Übernahme eines Unternehmens wurde zunächst das Produkt bestimmt: Kriegsmaterial oder Maschinen. Bevor in Alcoy Kriegsausrüstung produziert wurde, hatte man Wein- und Ölpressen für den Export hergestellt. Das änderte sich total: Nachdem kein Öl mehr fabriziert wurde, war auch die Herstellung von Pressen in Alcoy nicht mehr sinnvoll. In der Folge ging man zur Rüstungsindustrie über. Was die Leute verband, war der Auftrag. Sie erhielten die Anweisung, eine bestimmte Menge von Kriegsmaterial zu produzieren, zum Beispiel Busse oder Granaten. Daraufhin gingen die Beschäftigten an die Arbeit und bauten die bestehenden Maschinen dergestalt um, dass damit neue – angeforderte – Waren fabriziert werden konnten. Jeder hatte für seinen jeweiligen Job die Verantwortung zu tragen. Das Ungewöhnliche dabei war, dass es sich um keine permanenten Jobs handelte; jeder konnte die Leitung innehaben oder unter der Führung eines anderen arbeiten. Normalerweise meldete man sich freiwillig für eine bestimmte Aufgabe. Gab es für eine Stelle keine Freiwilligen, wurden die Leute aufgefordert, doch Verantwortung zu übernehmen. Diese Positionen konnten aber jederzeit wieder entzogen werden. Wer den Erwartungen nicht entsprach, räumte sofort seinen Posten und begann in einer anderen Funktion. Die ArbeiterInnen waren aus diesem Grund sehr vielseitig, sie konnten in jeder Funktion arbeiten, und das war wichtig. Auf diese Weise waren die ArbeiterInnen nicht nur auf ihren jeweiligen Job konzentriert, sondern konnten auch leicht auf neue Tätigkeiten umlernen, um die gewünschten Produkte herzustellen. Vergleicht man unsere heutige Gesellschaft mit dieser Struktur, treten die Unterschiede sofort hervor. Zunächst einmal wird dem Einzelnen heutzutage nicht mehr derselbe Wert beigemessen. Wir haben einige wenige SpezialistInnen, aber die Mehrheit der Menschen ist proletarisiert. Anders ausgedrückt, die ArbeiterInnen sind zu reinen Automaten geworden, sie verstehen weder, warum sie ihre jeweilige Arbeit tun, noch den Mechanismus, der dahintersteckt. In der kollektivierten Wirtschaft Spaniens verstanden die Leute nicht nur ihren eigenen Job, sondern auch den ihrer KollegInnen. Sie konnten deshalb jederzeit die Position wechseln und problemlos verschiedene Funktionen ausüben. So war damals die Wirtschaft in den Betrieben strukturiert. Und was Probleme betrifft: Es gibt immer ein paar Leute, die etwas gegeneinander haben, und andere, die miteinander kooperieren, aber wenn man die Bedeutung der Arbeit versteht, wird man automatisch auch einen Gegner aufnehmen und zusammenarbeiten, sodass man letzten Endes gemeinsam zu einem positiven Ergebnis kommt. Dieser Punkt, dass die ArbeiterInnen die Wichtigkeit und Notwendigkeit jeder Aufgabe und damit jedes Kollegen/jeder Kollegin anerkannten, ist enorm zentral und machte die Stärke der Kollektive aus.
Wichtig war auch, dass jede Sektion der Kontrollkommission über eine entsprechende Repräsentation verfügte und für die Verwaltung der gesamten Gesellschaft verantwortlich war. Es gab die Metall verarbeitende Industrie, die Rüstung produzierte, die Textil- und die Papierindustrie. Wir stehen hier vor einem symbolträchtigen Gebäude, in welchem in den 1930er Jahren Papier – unter anderem das bekannte Zigarettenpapier „Bambú” – hergestellt wurde. Während der gesamten drei Kriegsjahre konnte der Betrieb aufrechterhalten werden. Dadurch wurde nicht nur für viele Leute der Lebensunterhalt gesichert; sondern am Ende des Krieges hatte das Unternehmen einen Gewinn von fünf Milliarden Peseten auf der Bank zurückgelegt. Das sagt viel aus. Außerdem waren die Werkshallen komplett renoviert und die Maschinen in bestem Zustand. Als die Inhaber wieder in ihre Betriebe zurückkamen, konnten sie die Türen der Safes kaum schließen, so gefüllt mit Geldscheinen waren sie.
Veränderungen gab es auch in Bezug auf die Situation der Frauen – ihrer untergeordneten Position in der Gesellschaft. Durch die Revolution gewannen die Frauen ein Bewusstsein ihrer Lage, sie wurden unabhängiger und aktiver, nicht nur in den Fabriken, wo Waffen produziert wurden, auch in anderen Kollektiven, wie etwa in der Verwaltung oder der Kinderbetreuung. Es gab große Vorhaben, große Änderungen wurden in Angriff genommen. Zu jener Zeit war Federica Montseny Gesundheitsministerin. Die Frauen erkämpften ein neues Scheidungsrecht, die Abtreibung wurde legalisiert, und viele andere Projekte wurden durchgeführt, um die enorme Benachteiligung, mit der die Frauen bis dahin leben mussten, zu beseitigen. Erst durch den Krieg änderte sich ihre Situation grundlegend, vorher hatte sich die Republik nicht wirklich um sie gekümmert.

Solidarität, Gleichberechtigung und gegenseitiger Respekt – das sind für mich die wichtigsten Faktoren in einer alternativen Gesellschaft. Damit würden die Rivalität, die Vereinzelung und die Konkurrenz unter den ArbeiterInnen ein Ende haben. Die Menschen sind verschieden und vielfältig, und diese Pluralität muss sich in gegenseitigem Respekt, Unterstützung und Solidarität konsolidieren – sonst wird das Zusammenleben in der Gesellschaft praktisch unerträglich. In der Realität ist das Leben weiterhin von Egoismus bestimmt, mit den negativen Konsequenzen, die uns allen bekannt sind. In einer von Solidarität geprägten Gesellschaft hilft eine Person, die eine bestimmte Fertigkeit gut beherrscht, jemand anderem dabei und gibt so sein Wissen solidarisch weiter. Auf diese Weise würden sich Schritt für Schritt Egoismus, Neid und Unruhe abbauen lassen, von denen die heutige Gesellschaft beherrscht wird und die zu Auseinandersetzungen bis hin zu Gewalt und gegenseitiger Zerstörung führen. Ich setze auf eine Gesellschaft, die friedlich und progressiv, voll Rücksicht und Respekt ist.

Wie würden wir eine neue, anarchistische Gesellschaft strukturieren? Zunächst einmal wäre es wichtig, die Verhältnisse zu analysieren, das Territorium, das Klima, zu sehen, was man dort produzieren und wie viele Menschen diese Region erhalten kann. Zur Verwaltung dieses Gebiets und ihrer Wirtschaftskraft brauchen die Männer und Frauen, die dort leben, das nötige Management und Know-how, nicht nur um Gewinn zu erwirtschaften, sondern auch für die Verwaltung. In politischer Hinsicht würde es Föderationen geben, Zusammenschlüsse von Regionen. Die Gewerkschaft wäre folgendermaßen organisiert: Jeder Arbeitsbereich ist in Sektionen unterteilt, und jede Sektion hat wiederum ihren eigenen Bereich, für den sie verantwortlich ist. Auf diese Weise müsste jede Region wirklich die Verantwortung für ihre eigene Realität übernehmen und ihre eigenen Probleme lösen. Wäre sie dazu nicht in der Lage, müsste sie eine andere Region bitten, sie bei der Bewältigung der Krise zu unterstützen. So könnten die jeweiligen Defizite kompensiert werden.

Die Zeit, um die es hier geht – die Jahre von 1936 bis 1939 -, war definitiv eine Periode der Gewalt, es herrschte Krieg. Aber die Menschen, die die Kollektive führten, waren nicht gewalttätig. Sie lenkten die Betriebe ohne Gewalt und bewiesen damit, dass man mit einer guten Organisation, mit moralischen und ethischen Werten wie Solidarität, dasselbe oder sogar mehr erreichen kann als mit Waffen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich kleine Gruppen zu Gemeinschaften zusammenfinden sollen, um untereinander dieselben Rechte und Pflichten zu genießen und durch Solidarität verbunden zu sein. Dieses Modell steht im eindeutigen Gegensatz zur bestehenden Gesellschaftsordnung, in der die Menschen voneinander isoliert sind.