Gegen-Globalisierungs Handbücher
Interview von Marina GrzinicMarina Grzinic: Beginnen wir mit einer allgemeinen Frage: Warum ist es wichtig, Kunst mit Ökonomie in Beziehung zu setzen? Was an deiner Kunst interessant ist, ist nicht nur eine Frage der Kunst, sondern eine Frage nach der Art und Weise, in der Gesellschaft im Allgemeinen strukturiert ist und wie sie funktioniert. Ich erinnere mich an Bücher über Kapitalismus und Globalisierung, wo all diese Fragen über Identität angeschnitten werden, aber in diesen philosophischen Büchern geht es nur sehr wenig um den Einfluss des kapitalistischen Marktes auf die Struktur der Gesellschaft. Mit einem Blick auf deine Ausstellung “The global 500“: Warum ist die Formierung der Ökonomie in deiner Kunst wichtig?
Oliver Ressler: Wirtschaft ist eines der zentralen Gebiete, die unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen beeinflusst. Ich versuche, Arbeiten zu Fragen zu machen, die ich für zentral halte, deshalb wurde Ökonomie zu einem meiner Hauptthemen. Ich hoffe, dass jene Dinge, die mir wichtig sind, auch für andere relevant sind. Ich führe meine Arbeit als Künstler aus, weil ich glaube, dass Kunst ein mögliches Mittel ist, um einige der Einflüsse zu diskutieren, die die Wirtschaft auf die heutige Gesellschaft hat. Viele Kunstinstitutionen sind noch immer Räume, in denen es möglich ist, Fragen aus einer Perspektive zu diskutieren, die nicht dem medialen Mainstream entspricht. Das macht Kunst für mich interessant, aber es gibt auch einen anderen Grund, solche Arbeiten im Feld der Kunst zu realisieren: Wenn ich themenspezifische Installationen für öffentliche Innenstadträume herstelle, verweisen die fertiggestellten Arbeiten nicht zu stark auf ihren Kunstcharakter. Aber ich setze die Kunsteigenschaft meiner Arbeit strategisch ein, wenn ich mit Stadtverwaltungen verhandle, um die Erlaubnis und den Raum für Plakatflächen oder Lichtinstallationen zu kriegen. Wenn diese Arbeit dann in öffentlichen Räumen präsentiert wird, setze ich sie letztlich eher als ein Werkzeug der Analyse und Kritik ein, oder um bestimmte Positionen zu stärken. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das hängt von der Arbeit ab. Ich bin kein Künstler, der versucht, eine Struktur oder ein Verfahren zur Verwirklichung einer Arbeit zu erfinden, um diese dann jahrelang in verschiedenen Projekten anzuwenden. Ich bin mehr die Art von Künstler, der versucht, für jedes Projekt eine neue adäquate Struktur und ästhetische Lösung zu finden.
M.G.: Was ich auch sehr interessant finde, ist dein Umgang mit Text. Oft nimmst du eine Art Faktum, Aussagen über die Ökonomie oder das Funktionieren der Gesellschaft, aber aus diesem Originaltext ist die darin ausgedrückte Haltung meist nicht ersichtlich. Was du tust, ist, auf die Tatsache hinzuweisen, dass jeder Text aus einer bestimmten Interessensposition heraus formuliert wird. Du betonst also den ideologischen Hintergrund jeder Aussage. Wie zum Beispiel hast du die SprecherInnen für das Video “The global 500″ ausgewählt?
O.R.: Normalerweise beginne ich mit Recherchen über eine Frage, dann entwickelt sich eine Idee und dann die Struktur der Arbeit. Im nächsten Schritt entscheide ich mich für InterviewpartnerInnen, so füllt sich die Struktur des von mir angedachten Projekts mit Inhalten. Im Fall dieses Projekts “The global 500″ habe ich Leute ausgewählt, die mit dem ökonomischen Feld in enger Beziehung stehen und klar gegen das bestehende ökonomische Modell argumentieren. Ich habe versucht, ein breites Spektrum von Meinungen in dem Projekt zu versammeln, ich habe also eine Ökonomin, zwei Gewerkschafter, einen NGO-Mitarbeiter, Kultur- und Medientheoretiker ausgewählt, die durch dieses Projekt zum ersten Mal in einen Zusammenhang gestellt werden. Aber nicht alle meine Arbeiten basieren auf Interviews, z. B. die Plakat- und Bannerserie, die ich gemeinsam mit dem US-Künstler David Thorne im Rahmen des Projekts “Boom!” realisiere.
M.G.: Interessant ist, dass du diese populären Formen wie Plakate oder Banner benutzt, aber es gibt da eine Diskrepanz, weil du sehr viel Text einsetzt. Normalerweise werden diese Formen für sehr einfache, schnelle Botschaften verwendet. Aber du verwendest so viel Text! Im Fall von “Boom!” stellt dieser seltsame Intellektualismus der Texte das populistische Format auf den Kopf. Die Bedeutung erschließt sich nicht auf den ersten Blick, aber es gibt jede Menge weiterer Bedeutungsebenen. Wie interpretierst du diesen Zusammenprall der Form mit der enormen Textmenge?
O.R.: Ich habe es noch nie geschafft, eine Arbeit ohne Text zu machen, weil es für mich essentiell ist, eine Art Botschaft auszudrücken. In der Regel ist es mir wichtig, dass diese Botschaft relativ klar ist. Ich bin kein Künstler, der einfach ein Stück Kunst abliefert und die Interpretation völlig dem Publikum überlässt. Und ich mag textlastige Strategien. Meine ersten zwei Projekte im öffentlichen Raum Mitte der 90er Jahre, waren ausschließlich aus Text bestehende Plakate und Installationen aus Leuchtkästen, die teilweise deshalb interessant waren, weil sie keine Bilder einsetzten, wie das bei Großplakaten im öffentlichen Raum üblich ist. Wenn man sich für eine solche Strategie entscheidet, muss man aber auch ans Publikum denken. Deshalb wurden diese Projekte oft in Bushaltestellen und in der U-Bahn realisiert, wo Leute warten und Zeit haben, Dinge zu lesen. Die Person, die ein Plakat liest, muss zumindest die Chance haben, einen Text zweimal zu lesen, um ihn zu verstehen und darüber nachzudenken.
M.G.: Diese Textebenen lassen mich auch an die Funktion von Text denken. Im Fall von “Boom!” ist die Visualität des Texts mit dem Namen der Quelle verbunden, mit dem Internet selbst. Es gibt einen Zusammenprall zwischen Text und Bild. Sie decken sich nicht, beschreiben einander nicht, sondern die Bedeutung erschließt sich aus dem Zusammenprall. Die url terror.gov verbindet Terrorismus mit dem Staat, der den Terror produziert.
O.R.: Die terror.gov Fensterinstallation wurde als Teil der “Boom!”-Serie in Los Angeles realisiert. Die ursprüngliche Idee von “Boom!” war, nicht funktionierende Webadressen über die zentralen Widersprüche des Kapitalismus zu realisieren, und wir verwendeten die Symbole der gescheiterten dot.com Ökonomie als Symptom für das Versagen der kapitalistischen Ökonomie im Allgemeinen. An einem bestimmten Punkt entschieden David und ich, eine dieser url-Texte über die politischen Repräsentanten, die US-Regierung, zu schreiben, die diesen Diskurs des Terrors nach 911 in den USA produziert hat.
M.G.: Was ist also die Bombe in “Boom!”?
O.R.: Der Titel bezieht sich gleichzeitig auf eine Explosion und die boomende Wirtschaft. Auch wenn die Wirtschaft zu boomen scheint, kann sie leicht crashen, was zu einem Ausmaß an Zerstörung führen kann, das einer Explosion ähnelt. Und die dot.com Wirtschaft ist ein bekanntes Symbol für diesen Zusammenhang.
M.G.: In deiner Arbeit verbindest du mehrere Ebenen: Nicht nur Visuelles, sondern Recherche und sehr interessanten Journalismus. Im Fall deines Videos “This is what democracy looks like!” werden die DemonstrantInnen auf ganz andere Weise dargestellt als in den Medien. In den Medien wurde uns erzählt, dass die Polizeirepression notwendig war, weil die DemonstrantInnen so gewalttätig waren und die Polizei angriffen. Deine Arbeit setzt die Form des Dokumentarischen sehr präzise ein. Es geht um die globalisierungskritische Bewegung, es ist also ein wichtiges Dokument, aber es ist eigentlich eine anti-dokumentarische Form. Da gibt es nicht das objektive Auge, das in den Medien existiert, das eine Position präsentiert, dann die andere, sondern du stellst wirklich eine Analyse vor. Du stellst dich auf die Seite der DemonstrantInnen und gibst uns die Möglichkeit, etwas über diese andere Seite herauszufinden, über andere Perspektiven.
O.R.: Wie du erwähnt hast, ein Tag nach der Einkesselung der 919 DemonstrantInnen in Salzburg gab es einen Bericht des österreichischen Staatsfernsehens, der verschiedene Quellen von Videomaterial über die Demonstration an ganz verschiedenen Orten und Zeiten zusammen montierte, um das Bild von gewalttätigen Demonstrationen zu bestätigen, das die Medien schon vor Beginn der Demonstrationen im Kopf hatten. Es zeigte die Demonstrationen und die Vorgänge in einer Art und Weise, die sich komplett von derjenigen der TeilnehmerInnen unterschied. Diese tendenziösen Mediendarstellungen bestärkten mich in meinem Entschluss, mich mit dem Aufzeichnungsmaterial zu beschäftigen, das ich und andere DemoteilnehmerInnen mit unseren Camcordern aufgenommen haben, und mich für eine Struktur zu entscheiden, in der nur die Stimmen von TeilnehmerInnen vorkommen. Mein Ziel bei dieser Arbeit war auch mit dem Wunsch verbunden, die politische Position dieser Leute in der globalisierungskritischen Bewegung in Österreich zu stärken.
M.G.: Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass du dich für eine sehr klare Position entschieden hast, dass du klar auf Seite der DemonstrantInnen bist. Es ist auch wichtig, dass dieses Ereignis im Zentrum des kapitalistischen Systems stattfindet. Manchmal, wenn ich das Video zeige, glauben die Leute, es sei manipuliert, weil es so brutal ist. Sie können nicht glauben, dass es wahr ist. Es gibt in dem Video eine solche Intensität, wenn man sieht, wie die Körper eingekreist werden. Es gibt diesen Augenblick der Macht. Ein anderes wichtiges Thema deiner Videoarbeit ist diese Idee der Biopolitik, die zur Zeit in Europa stattfindet, die in deinem Video “Disobbedienti” thematisiert wird.
O.R.: Während ich an “This is what democracy looks like!” arbeitete, fand ich es zu einem gewissen Maß problematisch, dass diese DemonstrantInnen in meinem Video in diesem Polizeikessel repräsentiert werden, gezwungen werden, auf die Polizeitaktiken und -repressionen zu reagieren. Also habe ich mich recht früh entschieden, dass das nicht mein einziges Video zur globalisierungskritischen Bewegung sein sollte. Ich begann Recherchen über eine Gruppe in dieser Bewegung, die ich am interessantesten fand, die Disobbedienti, die zu dieser Zeit noch Tute Bianche hießen. Die Tute Bianche waren diese italienischen AktivistInnen in weißen Overalls, die mit einer speziellen Form des zivilen Ungehorsams arbeiteten, ihre Körper mit Reifen, Gasmasken und Helmen schützten. Für das Video “Disobbedienti” habe ich gemeinsam mit dem italienischen Autor Dario Azzellini Interviews mit den AktivistInnen über ihre Aktionen, Geschichte und theoretischen Background gemacht.
M.G.: Diese Arbeit anzuschauen, ist, wie ein Buch zu lesen. Es ist nicht bloß eine Frage der Visualisierung, sondern auch, wie elektronische Medien die Rolle eines sehr wichtigen Archivs übernehmen können. Aber das Video ist auch ein Essay als politisches Werkzeug, eine Art Handbuch. Es zeigt, dass andere Formen des Gesprächs existieren, andere Formen der Veranschaulichung, andere Formen der Schaffung von Widerstand und der Analyse. Es ist nicht notwendig, ein Buch zu schreiben, die Leute können sich auch eine Stunde lang ein Video anschauen. Wie würdest du das Ergebnis beschreiben, was ist die Strategie dieser Arbeit, gibt es eine Schlussfolgerung?
O.R.: Italien ist eines der wenigen europäischen Länder, wo große Mobilisierungen gegen den Kapitalismus und die rechte Regierung stattfinden, und für mich sind die Disobbedienti die interessanteste Gruppe innerhalb dieses größeren Widerstandskontexts. Es gibt nicht viele Gruppen, die es geschafft haben, Internierungslager für Flüchtlinge zu stürmen, wie es die Disobbedienti ein paar Mal vorgezeigt haben, und auch das Niveau ihrer theoretischen Überlegungen ist extrem hoch. Ein Video wie “Disobbedienti” kann mithelfen, diese Erfahrungen mit Leuten außerhalb Italiens zu teilen, die nicht so viele Informationen über diese Praxen des Widerstands haben.
Es ist offensichtlich, dass in dem Video eine Menge hochkomplexer Informationen von den ProtagonistInnen in hoher Geschwindigkeit präsentiert wird – die haben wirklich was zu sagen! Nach längeren Diskussionen haben Dario und ich uns entschieden, das Video in Anlehnung an jene Weise zu schneiden, in der sich diese Leute ausdrücken: In einer hohen Dichte, ohne viele Unterbrechungen, um den Fluss ihrer exzellenten Analysen nicht zu unterbrechen.
Dieses Interview basiert auf einem öffentlichen Gespräch, das Oliver Ressler und Marina Grzinic am 14.11.2003 in der Galerija Skuc in Ljubljana in englischer Sprache führten.
Malmoe 19/2004