Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Die gute Regierung der Zapatistas

Transkription eines Videos von Oliver Ressler & Tom Waibel, aufgenommen in Chiapas, Mexiko, 31 Min., 2006

Comandanta Esther

Wir als indigene Frauen kämpfen gegen die dreifache Ausbeutung, die wir erleiden: als Frauen, als Indigene und als Arme. Als Frauen werden wir nicht beachtet, wir werden erniedrigt und gering geschätzt. Als Indigene werden wir aufgrund unserer Kleidung, Farbe, Sprache und Kultur diskriminiert. Als Arme haben wir kein Recht auf Gesundheit und Erziehung – man hat uns vergessen. Deshalb haben wir beschlossen, uns zu organisieren und gemeinsam zu kämpfen, um aus dieser Situation herauszukommen. Wir fürchten weder Verfolgung, noch Gefängnis oder Entführung, nicht einmal den Tod, wenn er notwendig ist. Trotz alledem sind wir hier und werden weiterkämpfen. Wir werden uns weder ergeben, noch für die Almosen verkaufen, die die schlechte Regierung hergibt. Auf keinen Fall übernehmen wir irgendein Regierungsamt.

Coni Suarez Aguilar (Frauen-/Menschenrechtsaktivistin)

Was war eine der wichtigsten Forderungen der Frauen im zapatistischen Gebiet, die nicht berücksichtigt worden ist? Die Gewalt gegen Frauen. Nehmen wir zum Beispiel die Politik der EZLN (Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung), den Konsum, den Verkauf und die Einfuhr von Alkohol in den Gemeinden zu verbieten. Das hat eine der Forderungen der Frauen beantwortet, die angenommen und als Gesetz und Regel in den Gemeinden eingeführt wurde. Niemand kann dort Alkohol verkaufen, kaufen oder konsumieren. Das war die Politik oder Strategie der EZLN, um die Gewalt gegen Frauen einzuschränken. Bis zu einem gewissen Grad haben diese Maßnahmen funktioniert, aber die Gewalt konnte auf diese Weise nicht völlig abgeschafft werden. Das grundsätzliche Problem wurde nämlich nicht beachtet: Frauen müssen als Menschen und Rechtspersonen statt als Besitzobjekte der Männer anerkannt werden.

Comandanta Esther

Wir müssen als Frauen weiterkämpfen, um unsere Rechte zu verteidigen, denn die schlechten Regierenden und die Mächtigen verweigern uns seit mehr als 500 Jahren die Rechte und den Platz, die uns in der Gesellschaft zustehen. Sie haben uns wie Objekte behandelt und dasselbe unseren Vätern und Großvätern aufgezwungen. Darum behaupten heute manche unserer Väter, Brüder und Ehemänner, dass wir unbrauchbar sind und nur die Kinder und das Haus hüten können, dass wir schwach sind, nicht vernünftig denken und keine Entscheidungen treffen können. Von diesen schlechten Ideen werden wir alle beherrscht, die Frauen auf dem Land und in den Städten. Doch diese Vorstellungen sind falsch. Wir Frauen können uns organisieren, Ämter übernehmen und Entscheidungen treffen, ebenso wie die Männer. Deshalb sagen wir, dass wir gemeinsam weiterkämpfen müssen, um die Rechte zu verteidigen, die wir als Frauen und als Menschen verdienen.

Coni Suarez Aguilar

Ein besonderes Problem besteht darin, manchmal nicht zu wissen, wie diese Themen zur Sprache gebracht werden können, ohne als Konfrontation missverstanden zu werden. Wenn wir anfangen, über die Rechte der Frauen zu sprechen, entsteht häufig die falsche Vorstellung, dass die Familien auseinandergehen, ebenso die Gemeinden und schließlich auch die politische Organisation. Deshalb wird die Tatsache, dass Frauen ihre Rechte einfordern, als Bedrohung für die Organisation angesehen. Möglicherweise fehlt hier ein selbstkritischer Standpunkt, den es nur bis zu einem gewissen Grad gibt. Es wird anerkannt, dass die Organisation weder über die richtigen noch die ausreichenden Strategien verfügt, um dieses Problem anzugehen. Aber es müssen für die Frauen auch Türen geöffnet und die Möglichkeiten geschaffen werden, miteinander zu kommunizieren und ihre Probleme in der eigenen Sprache darzulegen. Das soll nicht nur für Frauen in Führungspositionen gelten. Die Kommandantinnen können ihre Forderungen meist sehr klar ausdrücken, aber jene Frauen, die die alltägliche Unterstützung leisten, die keine Ämter innehaben, nicht als Milizionärinnen ausgebildet und keine Aufständischen sind, verfügen oftmals nicht über solche Ausdrucksmöglichkeiten. Diese Aktivistinnen haben bis heute keinen Zugang zu Erziehung und Gesundheit, sie besitzen nichts, das ihnen Wertschätzung und Eigenmächtigkeit verschaffen würde. Sie verteidigen und leben zwar ihre politische Identität als Zapatistinnen, werden aber als solche noch nicht in ihrer Besonderheit anerkannt, und ihren Forderungen wird kein Gehör gegeben.

Versammlung der guten Regierung, La Garrucha

Wir als Compañeras haben ebenso das Recht, hier mit der Versammlung der guten Regierung zu arbeiten, denn in unserem Kampf haben wir gemeinsam mit den Männern, Frauen und Kindern alles kennengelernt. Wir haben auch einen gewissen Einfluss; wir haben in den Gemeinden den Alkohol verboten, den uns die schlechte Regierung gab. Wir wollen ihn nicht. Als Zapatistinnen ist es unser Ziel, mit allen Dörfern und allen Menschen, die aus anderen Gemeinden, Ländern und Nationen gekommen sind, gemeinsam einen Schritt vorwärts zu gehen. Wir wollen, dass es zwischen allen Frieden gibt.

Comandanta Esther

Wir danken dem Kampf, der uns diese Möglichkeit gab, mitzumachen und unsere Kräfte zu vereinen, damit wir gemeinsam kämpfen – Männer und Frauen. Denn ohne Männer oder ohne Frauen kommt der Kampf nicht voran. Darum ist die Teilnahme aller Menschen so wichtig, ohne Unterschied von Ethnie und Farbe. Zum Schluss rufen wir euch zur Vereinigung unserer Kräfte auf, um Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle zu erreichen.

Comandante Tacho

Compañeras und Compañeros, nach diesen beinahe 11 Jahren im Kampf gegen das Vergessen, gegen die Marginalisierung und gegen die Ausrottung, möchten wir euch sagen: Wir sind hier. Wir haben nicht aufgegeben und uns nicht verkauft. Wir werden uns nicht verkaufen und nicht aufgeben, weil wir fest davon überzeugt sind, dass unser Kampf für die Armen von Mexiko und die Armen der Welt gerecht ist. Wir sind Arbeiter auf dem Land und in der Stadt, wir haben die physischen Möglichkeiten und die Kenntnisse, all das zu fabrizieren und zu produzieren, was unsere Gesellschaft braucht. Angesichts dieser enormen Fähigkeiten der Männer und Frauen sind wir imstande, Reichtümer hervorzubringen, die unser Land aufrechterhalten. Darum glauben wir, dass die Lösung für diese große Ungerechtigkeit, die wir erleiden, in unseren Händen liegt. Wir haben längst erkannt, dass wir von der Regierung nichts Gutes erwarten können.

Coni Suarez Aguilar

Die Autonomien haben bisher über eine territoriale Struktur funktioniert. Es gibt dabei verschiedene Niveaus: die autonomen Bezirke, die Gemeinden mit ihren eigenen Autoritäten und die Versammlungen der guten Regierung, die die Verwaltung unterstützen und die Arbeiten auf regionalem Niveau koordinieren. In diesen Versammlungen werden viele Themen besprochen, sie sind der Ort, an dem Anfragen entgegengenommen werden, die von der Rechtsprechung bis zur Erziehung reichen, von der Gesundheit und der inneren Organisation der Gemeinden bis hin zu Feiern, die eher traditionellen Charakter haben. Diese Versammlungen sind nicht permanent, und sie haben keine einheitlich definierten Zeitperioden. In jeder Region, in jedem Caracol werden eigene Beschlüsse darüber getroffen, wie lange jede Versammlung der guten Regierung im ihrem Amt bleibt.

Versammlung der guten Regierung, La Garrucha

In den Versammlungen sind die Leute für bestimmte Arbeiten ausgewählt worden, und sie müssen wirklich jene Aufgaben erfüllen, für die sie in ihre Ämter gewählt worden sind. Wenn irgendeine Person Fehler begeht, dann muss die Versammlung die Autoritäten neu bestimmen. Die Arbeit ist rotativ und die Tätigkeiten werden kollektiv ausgeführt.

Diese Versammlung der guten Regierung hat kollektiv beschlossen, unsere Fragen schriftlich zu beantworten und von einem Compañero verlesen zu lassen.

Die Autoritäten müssen hinausgehen und in die Dörfer fahren, um in den Gemeinden die Bedürfnisse der Bevölkerung anzuhören. Sie können nicht nur in einem Büro sitzen, sondern müssen sich aufmachen und nachfragen. Das Volk befiehlt und die Regierung gehorcht; so ist die Arbeit. Wenn man in der Versammlung gewählt wird, muss man in die Gemeinden gehen, um zu sehen, welche Bedürfnisse es in jedem Dorf gibt. Um Probleme zu lösen und selbst Lösungen zu finden, einer für den anderen, wir als Bauern und Indigene.

Von der schlechten Regierung wird nichts angenommen, weil sie uns nur Versprechungen macht, die sie niemals einhält. Darum organisieren wir uns selbst in kollektiver Weise, um Formen zu finden, den Bedürfnissen nachzukommen, die es in den Dörfern gibt: Erziehung, Gesundheit und Wasser. Ich glaube, Wasser ist das Wichtigste, denn es gibt Gemeinden, in denen wir nicht genügend von dieser lebensnotwendigen Flüssigkeit haben. Für diese Orte ohne Wasser müssen wir Wege finden, wie die Compañeros im Widerstand überleben können.

Der Erfolg, den wir in unserer Autonomie sehen, liegt darin, dass in verschiedenen Gemeinden Kliniken eingerichtet werden. Unserer Entwicklung entsprechend können wir Gesundheitszentren und autonome Schulen in den Dörfern und den Caracoles aufbauen.

Die Dörfer bestimmen selbst, wer die Erziehung und Bildung bereitstellen wird. Wir sind im Widerstand und akzeptieren die Erziehung der schlechten Regierung nicht mehr, die uns keine autonome Bildung zugestehen will. Aus diesem Grund werden die ErzieherInnen von den Gemeinden selbst bestimmt, damit sie unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Tradition nicht vergessen.

Hier verlangen wir keinen Peso und es gibt kein Interesse daran, dass jemand etwas für Geld tut, so wie es die schlechte Regierung macht. Hier werden Lösungen gefunden, die Verfahren verlangen, aber niemand kommt ins Gefängnis oder wird bestraft.

Nach dem Dienst in der Versammlung gehen sie in ihre Gemeinden zurück, um mit der bäuerlichen Arbeit weiterzumachen, denn die Landwirtschaft ist die Grundlage unseres Überlebens.

Die Dorfbevölkerung unterstützt den Compañero, wenn er seiner Verpflichtung nachkommt. Die Arbeit ist kollektiv, einer unterstützt den anderen, es gibt Einigkeit und Gleichheit.

Coni Suarez Aguilar

Die allen Caracoles gemeinsame Charakteristik ist die Rotation. Es hat Zeiten gegeben, in denen die Versammlungen lediglich eine Woche dauerten. Andere Male hielten sie einen Monat – je nach den Übereinkünften, die getroffen wurden. Das hat einer großen Zahl von Leuten erlaubt, an der Ausübung der öffentlichen Verwaltung teilzunehmen, an der Praxis der Rechtssprechung, an der Anhörung der Forderungen und der Koordination von Aktionen. Das ist ein Vorteil, aber es gibt auch eine nachteilige Seite, die im Folgenden besteht: Sagen wir, ich komme heute zur Versammlung der guten Regierung an einem Mittwoch und ich bringe ein Problem vor, dessen Lösung für mich dringlich, tiefgreifend und schmerzhaft ist, und das mich in eine verletzliche Lage bringt. Ich gehe in die Versammlung auf der Suche nach Gerechtigkeit und Lösung. Dort werde ich angehört, mein Problem wird erörtert, aber wenn es in diesem Moment nicht möglich ist, den Sachverhalt zu lösen, wird ein neuer Termin festgelegt. Wenn nun diese Versammlung, die mich angehört hat, ihr Amt am Samstag zurücklegt und ich am Dienstag wiederkomme, dann muss ich wieder von Null beginnen. Alles ist neu aufzurollen und die Details der Situation sind nochmals zu erklären, damit die, die jetzt im Amt sind, Klarheit erlangen können, um etwas zu lösen. Für die Durchführbarkeit ist das etwas lästig, es verlangsamt die Dinge und beinhaltet das Risiko, dass die Leute ihre Vorstellungen nicht eingelöst sehen.

Comandante Moises

Ich spreche im Namen meiner Compañeros und Compañeras für den politisch-militärischen Teil. Die Compañeros und Compañeras, Kommandanten und Kommandantinnen, sind der politisch-organisatorische Teil und sie leiten uns auf unserem Weg des Kampfes. Wir sind die Soldaten der Bevölkerung und wir haben unsere Väter und Mütter und alle zurückgelassen. Es gibt aufständische Compañeros und Compañeras, die bereits für immer ihre Familien verlassen haben, weil sie kämpfend gefallen sind, als sie ihre Pflicht erfüllten. Wir, die wir weiterleben, schlagen auf die schlechte Regierung der Ausbeuter ein, und wir werden nicht aufhören, diese schlechten und ausbeuterischen Regierungen anzugreifen. Wir Aufständische sind hier aufgrund unseres Gewissens. Der große Lohn, den wir eines Tages erhalten werden, wird es sein, dieses Volk, das sich Mexiko nennt, irgendwann frei zu sehen. Darum sind wir ein politisch-militärisches Heer, wir haben die Waffen ergriffen, um die Compañeros und Compañeras der kämpfenden Bevölkerung zu beschützen und zu verteidigen.

Ihr habt bereits gesehen, dass die Unterdrückung kommt, wenn wir kämpfen, wenn wir wahrhaftig und klar darüber sprechen, wie wir ausgebeutet und erniedrigt werden, wenn wir uns dagegen organisieren und gegen die Repression kämpfen.

Coni Suarez Aguilar

Die Antwort der Regierung auf die bewaffnete Bewegung war sehr zwiespältig. Auf der Diskursebene gab es eine Haltung der Schaffung von politischen Programmen und eine Haltung in der Außenpolitik, die anerkannte, dass es einen Rückstand der indigenen Völker gibt. Es wurde gesagt, dass sie im politischen Leben des Landes willkommen sind, ihre Forderungen gerecht und dass der Staat die Notwendigkeit anerkennt, sie anzuhören. Parallel dazu wurde jedoch eine Serie von Angriffen entwickelt, die vom militärischen und paramilitärischen Einmarsch bis hin zu Programmen reichen, die in den Gemeinden implementiert werden, um sie zu spalten: Programme zur Beglaubigung des Landbesitzes, zur Schenkung öffentlicher Dienstleistungen bis hin zur schamlosen Geldverteilung. Daher haben wir hier von einem Krieg niedriger Intensität gesprochen, einem nicht erklärten Krieg, der von den staatlichen Institutionen ausgerüstet und nach seinen Möglichkeiten ausgeführt wird. Auf dem Weg der Veränderungen, die das zapatistische Heer durchmacht, wird zuerst der bewaffnete Kampf verlassen und ein Weg politischer Arbeit beschritten. Die autonomen Bezirke beginnen sich zu formieren und die organisatorischen Strukturen in den Gemeinden werden verstärkt. Angesichts dieser neuerlichen Veränderung, dieser neuen Form der zapatistischen Armee, sich zu organisieren und zu handeln, ändert auch die Regierung ihre Angriffsstrategien, und die paramilitärischen Gruppen werden vollständig entfesselt. Seit 1996 gibt es viele Angriffe, vor allem im Norden, besonders im Bezirk von Tila gibt es eine Reihe von Toten und Entführten.

Comandante Moises

Sie wollen nicht, dass wir neue Politiken und eine andere Art Politik zu machen lernen. Darum sind wir die Verteidiger unserer organisierten Völker, die politisch kämpfen. Es ist genau das, was wir jetzt mit den Leuten machen werden: Wir wollen politisch und friedlich kämpfen. Wir sind kein militaristisches Heer, wir brauchen die Waffen, um uns zu verteidigen und die Freiheit, die Gerechtigkeit und die Demokratie zu erobern. Die Demokratie muss für alle Gruppen der mexikanischen Bevölkerung gelten. Wir fordern deren Durchsetzung, dafür organisieren wir uns. Wir mussten ein Volksheer gründen, damit sich die Demokratie tatsächlich realisieren kann und wirklich von den Menschen ausgeübt wird. Wir sind ganz anders, wir sind eine andere Art Heer: verrückt, aber gut und gesund für die Bevölkerung. Wir sind bereit, bis zum Äußersten zu gehen, wir sind bereit, für die mexikanische Bevölkerung zu sterben, wenn es notwendig ist. Die EZLN praktiziert die Demokratie mit ihren Völkern und in seinen Regionen derart, dass sie die Bevölkerung über ihre kriegerischen Initiativen befragt. So wurde 1993 über den Beginn des Kampfes diskutiert und abgestimmt. Bei der 6. Erklärung gab es dasselbe Prozedere und die große Mehrheit unserer Bevölkerung hat mit „Ja” geantwortet. Es ist einfach, einen Befehl zu erteilen, aber das haben wir nicht getan, weil es undemokratisch wäre. Die betroffenen Menschen wurden befragt, ob sie mit der Initiative einverstanden sind. Die Aufgabe der Avantgarde zur Auskundschaftung des Terrains für die Andere Kampagne trifft den Aufständischen Compañero Subcomandante Marcos.

Subcomandante Marcos

Lacht Compañeros, es ist gut zu lachen! Man muss lachen, denn was wir tun werden, ist sehr ernst. Wir werden gemeinsam dieses Land von unten her durchschütteln, aufrütteln, auf den Kopf stellen, damit sich endlich alle Räubereien zeigen, alle Verachtungen und alle Ausbeutungen. Wir werden es durchschütteln und vielleicht entdecken, dass es nicht im Sterben lag und dass es nicht so sein sollte. Dann werden wir es von Neuem ausbreiten, ohne oben und ohne unten, außer seinen Bergen, seinen Tälern, seinen Flüssen und Lagunen. Wir werden es neu ausbreiten zwischen Pazifik und Atlantik, zwischen dem Rio Bravo und dem Suchiaté, und dann müssen wir anfangen zu gehen. Was wir aufbauen müssen, darf sich nicht auf den Tribünen entscheiden, im Charisma, in den Stärken oder Schwächen der Beredsamkeit. Es soll unten diskutiert, unten entschieden und unten erarbeitet werden. Die Tribüne soll nur dazu dienen, ein Wort in vielen Ohren zu konzentrieren. Ihr Platz muss zweitrangig sein, weil sie an sich bereits eine Auswahl und einen Ausschluss bedeutet. Misstrauen wir den Rednern! Die Andere Kampagne soll darum unsere Gefangenen benennen, unsere Verschwundenen, aber auch unsere Toten. Wenn wir diese Arbeit erledigen, sollten wir nicht in die Zukunft schauen, oder doch, aber machen wir es umgekehrt: indem wir auf unsere Vergangenheit blicken, auf unsere Toten. Wenn wir nur nach vorne schauen, kommen die Alibis, der Realismus: „Man muss reif sein, vernünftig, man muss daran denken, was passieren kann, wir sollten dies nicht tun und das nicht tun.“ Legen wir uns daher Rechenschaft ab über die Pflichten und Schulden, die wir angehäuft haben, und kämpfen wir für sie, für unsere Toten und für uns selbst – dann wird der Morgen aus eigener Kraft kommen, und er wird ohne Zweifel anders sein. Wenn wir in die Zukunft schauen und vergessen, woher wir gekommen sind, dann kommen die Zwänge, die Besonnenheit, die Vernünftigkeit, die Angst, die Kapitulation und der schlimmste Verrat, das heißt, der Verrat an uns selbst. Wenn wir uns bemühen, den kommenden Generationen Freiheiten zu vererben, vererben wir ihnen Ketten und Ballast. Lassen wir zu, dass sie selbst ihr eigenes Schicksal bestimmen, denn das und nichts anderes heißt es, frei zu sein. So wird die Welt ein wenig besser, und andere werden ihr Form und Richtung geben, den Schritt, die Geschwindigkeit und das Schicksal. Denn man darf nicht vergessen, dass immer fehlt, was fehlt. In die Andere Kampagne und in die 6. Erklärung des lakandonischen Regenwaldes legt die EZLN ihr Leben, ihr Überleben als Organisation, ihre moralische Autorität, die bescheidenen Fortschritte, die erreicht worden sind – kurzum alles, was wir haben. Im Tausch dafür fordern wir: für alle alles, nichts für uns. Jeder soll sich selbst sagen, wie viel er in diese Anstrengung einbringt und wozu er bereit ist. Dementsprechend soll er seine Verpflichtung eingehen und erwägen, was er im Tausch dafür erwartet. Es geht darum, dass der Niemand, der wir sind, seinen Platz und seinen Weg verteidigt, seinen Schritt und sein Schicksal und vor allem die Vielfältigkeit der Füße und der Formen des Gehens in dieser Anderen Kampagne. Lassen wir in all dem Platz für die Fantasie – denn, Compañeros und Compañeras, was passieren kann, wird bestimmt in keiner Weise dem ähnlich sein, was wir erwarten. Hoffentlich wird es besser und nicht vom Ballast beschwert, den wir vererben könnten: Möge es auch frei von uns selbst sein.

Die Comandantes wurden von Roberto Chan Kin Ortega und Rogelio Rodriguez Luna bei Versammlungen zur 6. Erklärung am 16. September 2005 in La Garrucha aufgenommen.

Weitere Informationen: http://www.ezln.org