Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Die Pariser Commune 1871

Transkription eines Videos von O. Ressler in Zusammenarbeit mit Rebond pour la Commune, aufgenommen in Paris, Frankreich, 25 Min., 2004

Mein Name ist Alain Dalotel. Als Historiker arbeite ich auf dem Gebiet der Sozialgeschichte, wobei mein besonderes Interesse all jenen Fragen gilt, die mit Brüchen zu tun haben: Kriegen, Revolutionen, Streiks, dem Feminismus, der ja auch Brüche impliziert, und insbesondere der Pariser Commune, über die ich auch mein letztes Buch geschrieben habe.

Wir befinden uns vor der Mur des Fédérés, wo viele Kommunarden begraben sind.

Die Frage nach den Ursprüngen der Commune gibt immer Anlass zu Debatten. Manche meinen, dass verschiedene Umstände dabei zusammenwirkten: zum einen der Krieg von 1870 zwischen dem französischen Kaisertum und Preußen; für andere wieder liegt die Antwort in der revolutionären Bewegung, die sicherlich auch von Bedeutung war, da die Erste Internationale bereits 1864 in London von Karl Marx und anderen gegründet worden war. Außerdem entstand in Paris während der letzten Jahre des Kaisertums eine sehr starke revolutionäre Bewegung, weil das liberale Kaisertum öffentliche Versammlungen erlaubte. Verschiedenen revolutionären Gruppen gelang es dann, diese freie öffentliche Rede unter ihre Kontrolle zu bringen, und zwar lange vor der Commune, denn diese Tausenden von öffentlichen Versammlungen fanden bereits zwischen 1868 und 1870 statt. Dann brach der Krieg aus, und die Bewegung der demokratischen und freien Rede ging während der Belagerung von Paris weiter: Es entstanden die so genannten „Roten Clubs” als direkte Nachfolger der öffentlichen Versammlungen, die man schließlich verboten hatte. Während der Belagerung kam es zu einem ungeheuren demokratischen Aufbruch, der verschiedene individuelle Freiheiten betraf. Das Besondere an der Belagerung von Paris war, dass neben den regulären Truppen auch die Bevölkerung von Paris in der Nationalgarde bewaffnet war: Etwa 300.000 Männer wurden dafür rekrutiert und mit Feuerwaffen, Chassepot-Gewehren und Kanonen bewaffnet. Das führte bald zu Volksaufständen, da man die so genannte „Regierung der Nationalen Verteidigung” der Kapitulation und des Verrats beschuldigte. Hierin liegen also noch weitere Ursachen. Manche der Gründe sind militärisch, andere sozial oder revolutionär. Die Situation verschlechterte sich rapide unter den harten Bedingungen der Belagerung, die für weite Bevölkerungsschichten Hunger und Elend brachte und vor allem zur Schmach der Kapitulation Ende Januar 1871 führte. In diese Zeit fällt auch die Schaffung einer neuen Organisation, der Föderation der Nationalgarden, und das führt zu einem neuerlichen Aufstand am 18. März 1871.

Die Commune beginnt am 18. März 1871, dem Tag als die Fédérés (die Nationalgarde) und Anhänger Blanquis die Macht ergreifen, und endet am 28. Mai 1871 – 72 Tage, eine doch sehr kurze Zeit für eine Revolution. Die Commune traf einige sozialpolitische Maßnahmen, die alle dasselbe hohe Ziel verfolgten: Maßnahmen für Kinder, Lohnerhöhungen etc., alles ging in dieselbe Richtung. Die interessanteste sozialpolitische Maßnahme und gleichzeitig diejenige, die der Bourgeoisie am meisten Angst machte, war das Dekret vom 16. April betreffend die Betriebe und Werkstätten, deren Inhaber geflohen waren. Diese Werkstätten sollten an die Komitees der Arbeitergewerkschaften übergeben werden. Das flößte den Menschen wirklich Furcht ein, denn diese Maßnahme der Commune war eindeutig sozialistisch ausgerichtet. Es erklärt das Ausmaß der Unterdrückung, die folgte. – Andererseits muss man auch bedenken, dass ein Bürgerkrieg herrschte. Manche Gewerkschafter, die in den Reihen der Fédérés kämpften, waren gegen die Errichtung eines sozialistischen Systems, da sie glaubten, die Zeit sei noch nicht reif dafür. Für sie zählte der Kampf gegen Versailles. Man darf nicht vergessen, dass im Westen von Paris, außerhalb der Stadtmauern, gekämpft wurde – gegen eine Versailler Armee, die rasch ihre Truppen verstärkte, bald auch mit der Unterstützung Preußens.

Die Commune wird oftmals mit der Idee einer direkten Demokratie in Verbindung gebracht. Was bedeutet das konkret?

Es gab sehr viele Wahlen, praktisch ständig und überall – beinahe zu viele. Und aus allen möglichen Gründen, innerhalb der Nationalgarde zum Beispiel, um unbeliebte Führer abzusetzen. Diese direkte Demokratie war mit dem sofort widerrufbaren Mandat verbunden. Die zentrale Idee war das imperative Mandat: Ein Programm wird definiert und dann wird jemand beauftragt, es umzusetzen; tut er das nicht, muss er damit rechnen, seine Position zu verlieren. – Aber zurück zum Thema. Am 26. März fanden also die Wahlen zur Commune statt, mit dem Ergebnis, dass eine Anzahl von RevolutionärInnen ins Hôtel de Ville einzog. Diejenigen, die keine waren, legten ihr Mandat bald nieder. Und dann begannen die Debatten. Wir sprechen zwar von Debatten – diese bestanden jedoch zumeist nur aus gegenseitigen Beschimpfungen. Woche um Woche wurde heftig gestritten. Außerdem herrschte, wie es scheint, keineswegs Harmonie in der Beziehung zwischen der lokalen Bevölkerung und den gewählten Mitgliedern: Immer wieder gab es Klagen über deren mangelnden Einsatz. Bald begann der Volkszorn zu kochen, Kirchen wurden besetzt und „Rote Clubs” organisiert, wo die Menschen ihre eigenen Programme präsentierten und ihre Kritik vorbrachten. Unter diesen Umständen wurde die Situation immer schwieriger. Niemand hörte auf die Anweisungen anderer. Gegen Ende der Commune schien die Kluft zwischen den RepräsentantInnen und ihrer Wählerschaft immer tiefer geworden zu sein. Dies ging soweit, dass einige KommunardInnen sogar Selbstmord begingen. Die direkte Demokratie führte also am Ende zu einer sehr dramatischen Situation.

Man muss sehr vorsichtig sein: Manche sind zwar mit Karl Marx der Meinung, dass die Commune den Staat abgeschafft habe, aber ich glaube nicht, dass dies wirklich der Fall war. Die Commune hatte eine schwache Regierung, die auf der Basis von Kommissionen funktionierte, die so genannte Commission Exécutive. Später, nach den militärischen Rückschlägen, griff man auf alte Modelle wie das Komitee für Öffentliche Sicherheit zurück, von denen zwei tatsächlich realisiert wurden, aber nie funktionierten. Bei der staatskritischen Beurteilung der Commune ist also wirklich Vorsicht geboten: Dort wurde keine Gesellschaft ohne Regierung realisiert, diese war lediglich sehr schwach – und zwar aufgrund der permanenten Diskussionen, Konflikte und Debatten. Es war völlig unklar, in welche Richtung die Commune gehen würde. Es gab eine starke Stimmung unter den einfachen Leute, die eben nicht von oben regiert werden wollten. Wenn auch das Wort Anarchist noch nicht existierte oder zu dieser Zeit eine andere Bedeutung hatte, so hatte die Commune doch einen sehr starken libertären Aspekt. Marx zeichnet in seiner Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich” in der Tat ein beinahe anarchistisches Bild – was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Im Hôtel de Ville gab es mehr Traditionelles als die meisten glauben. Des Weiteren war ein starkes jakobinisches Element vorhanden, das die Notwendigkeit einer Regierung – ja sogar einer Diktatur – postulierte. Und die Debatte zwischen Mehrheit und Minderheit zeigte, dass manche Leute anstelle der anderen entscheiden wollten. Aber im Unterschied zur Vergangenheit funktionierte das während der Commune plötzlich nicht mehr. Das war etwas ganz Neues auf politischer Ebene.

Ein Großteil der Staatsbeamten war nach Versailles geflohen. Damit stand zum Beispiel der Postdienst vor einem großen Problem: Alles musste neu organisiert werden, man musste Leute finden, die die Organisation wieder aufbauen und führen konnten. Der Commune gelang es, all das zu tun und die geflohenen Beamten zu ersetzen. Auch die Polizeikräfte, die gegen Ende des Kaisertums und während der Belagerung sehr unbeliebt gewesen waren, hatten Paris verlassen. Es war völlig undenkbar, dass auch nur ein einziger Polizist in der Stadt geblieben wäre. Um bei diesem Beispiel zu bleiben – die Kommunarden schafften die Polizei ab, das Gebäude der Polizeiverwaltung wurde in „Ex-Polizeipräsidium” umbenannt. Polizeibeamte wurden durch Nationalgardisten ersetzt. Es gelang, das nötige Personal für die Verwaltung der Stadt zu finden und Dienste wie Kanalisation etc. zu gewährleisten. Das ist freilich kein spezifisch revolutionäres Charakteristikum. Man kann nur sagen, dass die Pariser ArbeiterInnenklasse ihre Fähigkeit bewies, das öffentliche Leben selbst zu organisieren. Aber noch einmal: Der revolutionärste Aspekt der Commune lag nicht in ihrer administrativen Stärke. Sie kamen damit gut zurande, doch ihre Aufgaben gingen freilich weit darüber hinaus. Dennoch soll hervorgehoben werden, dass die Commune alle Anstrengungen unternahm, die ArbeiterInnenklasse in die Verwaltung der Stadt mit einzubeziehen.

Für manche – Marx war zum Beispiel dieser Ansicht – stellte die Commune eine Regierung der ArbeiterInnenklasse dar; Engels sprach von der Diktatur des Proletariats. Und die ArbeiterInnen spielten ohne Zweifel eine zentrale Rolle in dieser revolutionären Episode, aber zu glauben, dass die Commune zu einer allgemeinen ökonomischen Selbstverwaltung führte, ist doch etwas weit hergeholt. Schon während des Kaisertums und der Belagerung gab es Versuche, Kooperativen zu entwickeln; diese wurden während der Commune in größerem Maßstab und in einer optimistischeren Umgebung weitergeführt. Das Problem blieb jedoch dasselbe – die Finanzierung, was bedeutete, dass man sich mit den Banken verständigen musste. Außerdem wurde während der Commune nicht die gesamte Wirtschaft auf eine sozialistische Grundlage gestellt, davon war man weit entfernt. Von den Arbeitgebern und Unternehmern blieben viele in Paris. Die Großen der Industrie und des Finanzwesens flüchteten jedoch nach Versailles. Von der Banque de France blieben viele Leute vor Ort – und sie kamen mit manchen gewählten Mitgliedern der Commune, wie zum Beispiel Charles Beslay, ganz gut aus. Die Banque de France wurde zwar von einigen revolutionären Bataillonen bedroht, die KommunardInnen übernahmen aber nie die Kontrolle über die Bank. Hätte die Commune etwas länger bestanden, wäre das wahrscheinlich geschehen. Jedenfalls wurde für die Sicherheit der Bank gesorgt. Die wirtschaftliche Lage der Commune war vom Bürgerkrieg bestimmt, daher wurden mit den Arbeitgebern und Unternehmern, die in Paris geblieben waren, viele Verträge erneuert. Es gab auf der anderen Seite einige wichtige Beispiele, wo es tatsächlich zur Selbstverwaltung kam, wie im Louvre oder in manchen Vierteln, in denen man Werkstätten und Betriebe übernahm, deren Inhaber geflohen waren. Gewerkschafter und Internationalisten waren bemüht, diese selbstverwalteten Betriebe in einer radikaldemokratischen Umgebung zu führen, was nicht immer sehr produktiv war. Aus einem Bericht von Avrial, einem gewählten Mitglied für den elften Bezirk, an Rossel, einen Militär, der die Truppen der Commune führte, wissen wir, dass sich die Verwirklichung dieser neuen sozialistischen Ökonomie als sehr schwierig erwies. Ein Grund, warum sie nicht besonders gut funktionierte, war auch, dass diese Frage sehr umstritten war. Ich schrieb einmal einen Artikel für ein populäres Magazin, mit dem Titel „Le piège coopératif” („Die kooperative Falle”). Diese Frage war tatsächlich Gegenstand heftiger Debatten zwischen den RevolutionärInnen, die sofort die politische Macht übernehmen, die politische Arena besetzen und dann eine sozialistische Revolution herbeiführen wollten, und jenen, die dachten, man könne allmählich Boden gewinnen durch eine wirtschaftliche Revolution und die Entwicklung dieser Kooperativen. Das finanzielle Problem und die Organisationsfrage blieben jedoch ungelöst. Zudem erhoben einige RevolutionärInnen gegenüber den Kooperativen den Vorwurf, dort würden von Neuem ausbeuterische Beziehungen geschaffen, zwischen den eigentlichen ArbeiterInnen der Kooperative und – zumeist jüngeren und schlechter bezahlten – Hilfskräften. Darum ging es im Grunde bei der Debatte, die während des ganzen 20. Jahrhunderts geführt wurde und auch heute noch andauert.

Einer der interessantesten Aspekte der Commune ist die Entwicklung einer starken Frauenbewegung. Die Frauen waren aus verschiedenen Gründen in das Geschehen involviert. Eine historische Niederlage – die man besser aus der Erinnerung streicht – erlitten die Frauen während der Französischen Revolution, wo ihre Emanzipationsbewegung von den Jakobinern unterdrückt wurde. Während der Commune zeigten die Frauen erneut ihre Stärke, inmitten einer sehr patriarchalisch geprägten revolutionären Welt. Die Soldaten der Commune waren nicht gerade begeistert von der Vorstellung, dass sich Frauen an dem bewaffneten Kampf gegen Versailles beteiligen wollten. Schließlich erhielten die Frauen, zumindest manche von ihnen, erst ganz am Ende Waffen, in der „semaine sanglante”, der blutigen Woche, zur Verteidigung des Montmartre. Dieses Ereignis war wirklich unglaublich: Sie ließen eine Gruppe von nur 50 Frauen die Commune retten, mit der Verteidigung des Montmartre, jenes Ortes, wo die Commune geboren wurde und die ihr Symbol war. Die Frauen errichteten Barrikaden und kämpften gegen die Feinde der neuen Ordnung; viele kamen um, manche konnten auch entkommen und von dem Geschehen Zeugnis ablegen.

Nach dem Fall der Commune oder ihrem „Scheitern” ging die revolutionäre Bewegung einen anderen Weg und folgte einer anderen Logik: Ziel war die Gründung einer organisierten Partei der ArbeiterInnenklasse. Das führte zur Gründung der Bolschewistischen Partei und anderen. Die Commune hatte man zwar nicht vergessen, doch sie wurde zur Negativreferenz – zu einem Beispiel, wie man es nicht machen soll. Und jetzt, wo alle diese Parteien und Staaten mit der Etablierung des Sozialismus gescheitert sind, richten viele Menschen in der ganzen Welt wieder ihren Blick auf die Pariser Commune von 1871 und versuchen, ihr auf den Grund zu gehen.

Was machte ihre Stärke aus, wo lagen ihre Schwächen?

Meiner Meinung nach ist ihre Stärke Teil ihrer Schwächen, und ihre Schwächen sind Teil ihrer Stärke – das ist direkte Demokratie, diese Art der freien Meinungsäußerung und der öffentlichen Diskussion. Angesichts der Umstände – man befand sich mitten in einem Bürgerkrieg – war die Zeit nicht eben ideal für die Austragung von Debatten und hitzigen Disputen. Das bedeutet aber auch, dass wir von einer Commune träumen, die nie existiert hat.

Auf militärischer Ebene war die Situation natürlich sehr kompliziert, da weder die gewählten Mitglieder der Commune noch die Führung der Nationalgarde irgendwelchen Anordnungen Folge leisteten. Die Minister oder Kriegsdelegierten wurden vollkommen ignoriert. Tatsächlich konnte sich in diesen Positionen niemand lange halten. Es muss also gesagt werden, dass die KommunardInnen jede Form von Hierarchie strikt ablehnten. Wurde doch jemand für eine leitende Position nominiert, dann nur, um seine Anweisungen zu missachten. Auch hier findet sich also wieder das libertäre Element – wenn auch der Begriff damals noch nicht existierte -, das die Commune auszeichnet und für sie typisch ist. Sie bleibt auch heute ein Bezugspunkt – in einer Zeit, in der wir einerseits den Zerfall des Sozialismus im Osten erleben oder erlebt haben, und wo andererseits der Neoliberalismus in der westlichen Welt nicht funktioniert. In dieser Situation kann es hilfreich sein, die Commune – ihre Ideen und die Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung – zu studieren.

Die Commune war negative und positive Referenz zugleich.

Als die revolutionäre Bewegung in eine andere Richtung ging, blieb als einziges Erbe jenes der tatsächlichen bewaffneten Machtergreifung durch die KommunardInnen. Das galt für die Bolschewiken wie für die Spartakisten und alle anderen revolutionären Bewegungen, wenn auch heute nicht mehr viele davon existieren. Die Commune blieb immer in Erinnerung, im Sinne eines Gedenkens. Es gab auch andere Aspekte, etwa einen rein patriotischen. Die Commune diente nicht als Modell, und schon bald distanzierten sich selbst die französische ArbeiterInnenbewegung und anarchistische Gruppen von ihr. Es sollte in Frankreich keine Aufstände mehr geben. Die ArbeiterInnerbewegung schlug später einen anderen Weg ein: Der Generalstreik wurde ihr Kampfmittel, auch für die Libertarier – sie waren es ja, die die großen Gewerkschaften wie die CGT gründeten. Fand man auch einige Aspekte der Commune sympathisch, so sah man sie doch allgemein als etwas Negatives an. Mittlerweile hat sich die Situation grundlegend geändert; immer mehr Menschen interessieren sich für die Commune. Jedenfalls hat diese Mur des Fédérés – vor der wir hier stehen – schon alles Mögliche gesehen. Sie ist zur Pilgerstätte für alle revolutionären Bewegungen dieser Welt geworden. Ich habe einmal einen Chinesen aus Shanghai getroffen, der mir von der proletarischen Kulturrevolution erzählte. Er hatte von der Commune in der Schule gehört, während man dieses Thema an öffentlichen Schulen in Frankreich lange Zeit nicht behandeln durfte.

Von welchem Gesichtspunkt auch immer man es betrachtet: Die Pariser Commune war in erster Linie eine bewaffnete Revolution. Diese Feststellung sagt bereits viel über die Methoden aus. In einer Zeitung der KommunardInnen stand einmal: „Jeder Bürger ist ein Soldat.” Die grundlegende Idee der Fédération war, dass man keine vollen Bürgerrechte besäße, wenn man nicht bewaffnet ist. Und das ist ein großer Unterschied im Vergleich zu den heutigen Gesellschaften, in denen die Menschen aufgrund des Gewaltmonopols wehrlos gegenüber dem Staat sind. Was wirklich betont werden muss, ist, dass die Pariser Commune von 1871 eine direkte Demokratie war, deren spezielle Form jedoch nichts mit einer partizipatorischen Demokratie zu tun hatte. Das Ziel der Commune war die Veränderung der Gesellschaft – und keine Reformen der öffentlichen Institutionen. 1871 wollten die Menschen eine Revolution und glaubten daran, diese mit Gewehren und Kanonen herbeiführen zu können.

Leonine Champsey, eine der bedeutendsten Frauen der Commune, vielleicht bedeutender als ihre Freundin Louise Michel, schrieb einen sehr interessanten Artikel in ihrer Zeitschrift „La Sociale” – unter dem Titel „Les Soldats des Idées” („Soldaten der Ideen”).

In erster Linie war es das, worum es bei der Commune ging: dass die Menschen ihre Meinung sagen, Fragen diskutiert werden und eine Debatte über die revolutionäre Utopie stattfindet. Weil Widerstand nicht ohne Utopie existieren kann, tappt er in die Falle eines kurzsichtigen Nationalismus. Der revolutionäre Sozialismus und der Kommunismus insgesamt, auch in seinen libertären Tendenzen, baut auf einem Korpus von Ideen und vor allem auf Diskussionen auf. Und wenn uns die Commune etwas lehren kann, dann dies, dass wir uns zusammensetzen, diskutieren, debattieren und – wenn möglich – organisieren müssen.