Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Wien, Österreich, 23 Min., 2004

Wenn man sich die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts ansieht, von revolutionären Regierungen in Russland, China, Kuba – obwohl Kuba ein komplizierterer Fall ist –, oder von reformistischen Regierungen, die durch Wahlen an die Macht gekommen sind, dann bietet sich das Bild einer herben Enttäuschung, einer schrecklichen Desillusionierung. In keinem Fall war eine linke Regierung in der Lage, jene Art von Veränderungen vorzunehmen, die sich die Menschen, die für sie gekämpft haben, wünschten. In allen Fällen kam es zu einer Reproduktion der Machtverhältnisse, manchmal zumindest zu einer Veränderung der Machtverhältnisse. Weiterhin wurden Teile der Bevölkerung von der Mitbestimmung ausgeschlossen, materielle Ungerechtigkeit wurde reproduziert, und es entstand bzw. blieb eine Gesellschaft, die nicht selbstbestimmt war. Veränderungen in der Machtverteilung stellen immer wieder von Neuem eine Gesellschaft her, in der die Menschen nicht selbst die Entwicklungen bestimmen können. Man kann es historisch analysieren: In Russland geschah es aus diesem und jenem Grund, in China aus diesem und jenem Grund, in Albanien, Kuba, Brasilien etc. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es nicht mehr ausreicht, darüber im Sinne spezifischer historischer Fälle zu sprechen, und wir verallgemeinern müssen. Die naheliegendste Schlussfolgerung ist, dass an der Idee der gesellschaftlichen Transformation mithilfe des Staates an sich etwas falsch ist. Das Scheitern der Gesellschaftsveränderung durch den Staat hat mit dem Wesen des Staates selbst zu tun. Der Staat ist keine neutrale Institution, sondern ein spezifisches soziales Verhältnis, das mit der Entwicklung des Kapitalismus entstand und auf dem Ausschluss der Menschen von der Macht basiert, auf der Trennung und Fragmentierung der BürgerInnen.

„Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen” bedeutet, dass wir die Welt zwar verändern müssen, doch dieser Kampf für eine Veränderung der Welt darf sich nicht an Staat und Macht orientieren. Es ist wichtig, eigene Strukturen zu entwickeln, eigene Wege Dinge anzugehen. Ein zentraler Aspekt des Arguments ist, zwischen zwei Konzepten der Macht zu unterscheiden. Der Begriff der Macht beinhaltet einen Antagonismus: Auf der einen Seite bedeutet es, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge selbst zu tun – das ist die kreative Facette des Machtbegriffs. Auf der anderen Seite ist darunter auch Befehlsgewalt zu verstehen, sprich die instrumentelle Macht des Kapitals. Macht ist immer eine soziale Aktion, weil das Verhalten einer Person stets von anderen abhängt. Es ist völlig klar, dass unser Handeln hier im Moment von Hunderten oder Tausenden Menschen abhängt – sie haben zum Beispiel die Technologie geschaffen, mit der wir diesen Film drehen, und die Begriffe erzeugt, die wir hier verwenden. Unsere Macht zu handeln ist also immer eine soziale, kollektive Macht, unser Tun ist immer Teil eines sozialen Flusses von Verhaltensweisen. Im Kapitalismus wird dieser Fluss gebrochen, weil der Kapitalist/die Kapitalistin sich die Handlungsfähigkeit anderer aneignet. Auf diese Weise wird es dem Kapital möglich, über das Handeln von Menschen zu bestimmen. Dadurch wird die soziale Macht zu handeln durchbrochen, in ihr Gegenteil verkehrt, in die Macht der KapitalistInnen, Menschen ein gewisses Verhalten vorzuschreiben.

Kapitalismus ist im Wesentlichen der Prozess der Unterbrechung dieses sozialen Flusses des Tuns, Brechung der Gesellschaftlichkeit und der Handlungsmacht, sowie die Umwandlung in eine Instanz, die über uns steht und uns fremd ist. Wir müssen deshalb an unseren Kampf nicht als Machtkampf denken, was bedeuten würde, deren Macht zu übernehmen, sondern als Kampf dafür, unseren Handlungsspielraum aufzubauen, woraus unmittelbar soziale Macht hervorgeht. Es ist wichtig, in diesem Prozess zwei grundverschiedene Begriffe der Macht, die beide ihre eigene Logik haben, zu differenzieren. Die Logik des Kapitals ist eine Logik der Herrschaft, der Hierarchie und Fragmentierung, in der Subjektivität verneint und das Subjekt objektiviert wird. Unsere Logik steht dem entgegen, es ist die Logik des Zusammenkommens, des Wiederaufbaus der Subjektivität, die vom Kapital verneint wird; Subjektivität nicht als individuelle, sondern als gesellschaftliche Subjektivität. Das sind zwei verschiedene Denk- und Handlungsformen. Für uns bedeutet der Versuch, Gesellschaftsveränderung zu denken, Vertrauen in die selbstkritische Entwicklung unserer eigenen Handlungs- und Denkformen zu haben. Wenn wir den Kampf um Gesellschaftsveränderung als Klassenkampf betrachten, dann ist es grundlegend, diesen Kampf als asymmetrisch zu sehen. Sobald wir die Formen der Gegner reproduzieren und unseren Kampf als Spiegelbild ihres Kampfes ansehen, machen wir nichts weiter, als die Macht des Kapitals in unseren eigenen Kämpfen neu herzustellen.

Die Revolution, an die ich denke, muss mehr als Frage denn als Antwort verstanden werden. Auf der einen Seite ist klar, dass wir eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft brauchen, auf der anderen Seite ist es aber auch offensichtlich, dass die Art und Weise, in der wir im letzten Jahrhundert versucht haben, die Gesellschaft durch den Staat zu verändern, gescheitert ist. Es bleibt die Möglichkeit, einen anderen Weg zu gehen. Wir können die Idee der Revolution nicht aufgeben. In den letzten Jahren sind viele Leute zu dem Schluss gekommen, dass aufgrund des Scheiterns der staatlichen Gesellschaftsveränderung eine Revolution unmöglich sei, doch das Gegenteil ist der Fall: Die Revolution ist dringender als je zuvor. Aber man muss über neue Wege nachdenken. Im Moment bedeutet das die Fähigkeit, die Frage zu stellen und darüber nachzudenken, wie man diese Frage entwickeln kann. Aber es ist wichtig, dass die Revolution eine Frage und keine Antwort darstellt. Der Weg des revolutionären Prozesses ist selbst als Frage zu verstehen, in dessen Verlauf keine Antworten verkündet werden, sondern in dem die Menschen in einen Prozess der Selbstbestimmung einbezogen werden. Über diese sehr allgemeine Antwort hinaus kommt man zu den Einzelheiten über eine Analyse der tatsächlich stattfindenden Kämpfe. Nicht durch deren Kopie, sondern durch die kritische Analyse, wie in bestimmten Bewegungen autonome Formen des Handelns zu entwickeln versucht wurden, Konzepte der Würde, der Aufhebung der Trennung zwischen Politik und Ökonomie, der Entwicklung neuer Organisationsformen.

Der Aufstand der Zapatistas ab 1994 und die gesamten Erfahrungen der letzten zehn Jahre waren für mich aus zwei Gründen von enormer Bedeutung: Erstens, weil sich die Zapatistas zu einer Zeit erhoben und rebellierten, als es in der modernen Gesellschaft keinen Platz mehr für Revolten zu geben schien. Aber auch und vor allem deshalb, weil sie vorgeschlagen haben, die ganze Konzeption dessen, was Rebellion, Revolte und Revolution bedeutet, neu zu überdenken. Es ging darum, eine andere Logik zu verfolgen, sowie eine andere Sprache, Zeit und Räumlichkeit, die nicht symmetrisch zu der Sprache und Zeit von Kapital und Staat liegen. Zum Beispiel war nach dem anfänglichen Aufstand eines der ersten wichtigen Ereignisse der „Diálogo de San Andrés”, der Dialog zwischen der mexikanischen Regierung und den Zapatistas in San Andrés, einer Stadt in Chiapas. Normalerweise würde man darunter einen Dialog verstehen, eine Verhandlung als symmetrischer Prozess zwischen zwei Seiten. Doch die Zapatistas machten von Anfang an klar, dass sie erstens nicht verhandeln würden, und dass es zweitens kein symmetrischer Prozess sei. Sie symbolisierten dies durch ihre Kleidung, indem sie darauf bestanden, ihre traditionellen Gewänder zu tragen, und manchmal auch dadurch, dass sie ihre eigene Sprache anstelle des Spanischen verwendeten. Ein weiterer interessanter Punkt war die Frage der Zeit: Als die zwei Seiten, die Regierung und die Zapatistas, eine provisorische Übereinkunft erreicht hatten, sagten die Zapatistas, sie würden das Ergebnis nun mit ihren Leuten diskutieren. Die Regierung forderte hingegen eine Entscheidung binnen zwei Tagen. Die Zapatistas beharrten jedoch darauf, eine andere Zeit und andere Diskussionsprozesse zu haben. Den Hinweis des Regierungsbeamten, sie hätten doch die gleiche japanische Armbanduhr, beantwortete der zapatistische Repräsentant mit dem Hinweis, das sei für sie nicht die Bedeutung von „Zeit” – und sie ließen sich mit der Antwort zwei Monate Zeit.

Darin kommt die von Beginn an vorhandene Einsicht zum Ausdruck, dass Rebellion Vertrauen in die eigenen Strukturen bedeutet. Und diese Vorstellung von „Zeit” zum Beispiel ist sehr eng mit der Frage demokratischer Strukturen verbunden, nämlich durch das Beharren darauf, dass Entscheidungen in einem Prozess der gemeinschaftlichen Diskussion erfolgen müssen. Das dauert selbstverständlich sehr lange und macht deshalb eine andere Zeitvorstellung notwendig. Die Asymmetrie zwischen der Herrschaftslogik und der Logik der Revolte ist für die zapatistische Bewegung von Anfang an zentral. Das wird immer wieder in ihren Kommuniqués, in ihrer Verwendung von Erzählungen, Witzen und Gedichten deutlich. All diese Dinge, die auf den ersten Blick wie bloße Dekoration wirken, die für die Revolte nur sekundär sind, erweisen sich als zentral, da sie eine andere Form des Begreifens der Welt und der Beziehungen zwischen Menschen bezeugen. Im Gegensatz dazu beruht die traditionelle Vorstellung von Revolution stark auf einer militärischen Metapher, auf der Idee, dass es um den Zusammenstoß zweier Armeen gehe, und dass zur Besiegung des Feindes die Methoden des Gegners akzeptiert werden müssen. Es ist sehr wichtig, dass die Zapatistas damit gebrochen und sich dem verweigert haben. Um zu rebellieren, muss man eine Sprache für die Dinge entwickeln, die man macht, und die der Staat einfach nicht versteht. Die Aufständischen in Mexiko haben das in den letzten zehn Jahren konsequent durchgeführt.

Unsere Fragestellung lautet oft: „Wie zerstört man den Kapitalismus?”. Damit muss gebrochen werden, denn wenn man darüber nachdenkt, wie man den Kapitalismus zerstören kann, endet man schnell bei der Einsicht, dass es unmöglich ist. Auf diese Weise imaginiert man den Kapitalismus als riesengroßes Monster mit Armeen, Erziehungssystemen, Medienkontrolle, materiellen Ressourcen etc. Und auf der anderen Seite stehen wir verloren und schwach. Wie können wir dieses Monster zerstören? Wir müssen uns von dieser Metapher der Zerstörung verabschieden und anders darüber denken.
Der Kapitalismus existiert nicht, weil wir ihn im 19. oder 18. Jahrhundert oder sonst wann geschaffen haben. Er existiert heute nur, weil wir ihn immer neu erschaffen. Wenn wir ihn morgen nicht erhalten, wird er nicht mehr existieren. Er scheint ewiges Leben zu haben, aber das ist nicht wahr, tatsächlich hängt das Kapital täglich von uns ab. Wenn wir morgen alle im Bett bleiben, wird der Kapitalismus aufhören zu existieren. Wenn wir uns die Frage stellen, wie wir aufhören können, den Kapitalismus zu reproduzieren, die Revolution „zu machen“, so bedeutet das zwar noch nicht das Ende des kapitalistischen Systems. Es bedeutet nicht, dass der Kapitalismus morgen verschwinden wird. Doch durch diese Herangehensweise, die sich in der Frage „Wie könnten wir aufhören, den Kapitalismus zu erhalten?” manifestiert, löst sich das Bild des Kapitalismus als übermächtiges gegnerisches Monster auf. Und wir können anfangen, Möglichkeiten zu eröffnen, Hoffnung zu schöpfen und neue Formen der Revolution und Gesellschaftsveränderung zu finden.