Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Dienstleistung: Fluchthilfe

, , ,

Die restriktiven Einwanderungsbestimmungen der Staaten der Europäischen Union bedeuten für MigrantInnen, dass diese kaum eine Chance haben, legal in die EU einzuwandern und sich in einem der Mitgliedsstaaten aufzuhalten. Die Inanspruchnahme von Fluchthilfe ist daher für diese einreisewilligen Menschen oft die einzige Möglichkeit, die Grenzen der “Festung Europa” zu überwinden.

Das Projekt “Dienstleistung: Fluchthilfe” verfolgt das Ziel, die durch die dominierenden medialen Diskurse negativ besetzten Begriffe wie “Schlepper” oder “Schleuser” umzudefinieren und positive Aspekte herauszustreichen. Der Tatbestand “Schlepperei” wird dabei – im Gegensatz zu weitverbreiteten Darstellungsmustern – nicht als kriminelle Ausbeutung von Flüchtlingen dargestellt, sondern der Dienstleistungscharakter dieses aufgrund der EUropäischen Abschottungspolitiken notwendig gewordenen Gewerbes hervorgehoben.

Damit verbundene Themenfelder wie Grenze, Migration und Flucht werden in Kooperation mit antirassistischen Gruppen, MigrantInnenorganisationen und Studierenden der Universität Lüneburg bearbeitet.

Das Projekt “Dienstleistung: Fluchthilfe” wurde in unterschiedlichen Medien realisiert, z.B. als Postwurfsendung oder als Video, die gemeinsam mit weiteren Informationsbereichen eine Ausstellung im Kunstraum Lüneburg bilden.

Dem Projekt liegt eine prozessorientierte Herangehensweise zugrunde, die verschiedenen Rechercheergebnisse haben im Verlauf des Projekts auf die jeweiligen Projektteile wechselseitig Einfluss genommen.

Postwurfsendung “Neues Grenzblatt”

Beteiligte Gruppen: Plattform “Für eine Welt ohne Rassismus”, Forschungsgesellschaft Flucht und Migration, TATblatt, Zebra, Maiz, The Voice, Kanak Attak, TschuschenPower

In Kooperation mit anti-rassistischen Gruppen und MigrantInnenorganisationen wurde die Informationsbroschüre “Neues Grenzblatt” produziert, die als Postwurfsendung im April 2001 entlang der gesamten EU-Außengrenze in der Steiermark (A) an 12.000 Haushalte versandt wurde. Das Layout wurde zum leichteren Einstieg der Auseinandersetzung mit diesen Themen eher “volkstümlich” gehalten. Durch die populäre Gestaltung – Bilder der Region illustrieren die Broschüre – und mit Headlines wie “Fluchthilfe – Service mit Qualität” wurden die BewohnerInnen in der Grenzregion neugierig gemacht. Die LeserInnen werden mit anti-rassistischen Stellungnahmen und Sichtweisen konfrontiert, die in bürgerlichen Medien marginalisiert werden. Alle beteiligten Gruppen haben in ihren Textbeiträgen eine Sprache verwendet, die auch theoretisch nicht so versierte LeserInnen anspricht. Die Informationsbroschüre wird auch in diversen (zum Teil im öffentlichen Raum stattfindenden) Veranstaltungen und in Kooperation mit linken Gruppen distributiert und in den Ausstellungen zur freien Entnahme aufliegen.

Video “Dienstleistung: Fluchthilfe”

Ein Video (DV, Farbe, 51 min), das in der Ausstellung ein zentrales Element bildet, aber auch unabhängig davon auf themenbezogenen Veranstaltungen und alternativen Videofestivals gezeigt wird, setzt sich mit den hegemonialen Darstellungsmustern von “Fluchthilfe” und Migration auseinander. Anhand von Gesprächen, die in Deutschland und Österreich mit politisch engagierten MigrantInnen und VertreterInnen linker Gruppierungen geführt wurden, wird die Thematik in den vier Abschnitten “Wer darf migrieren?”, “Feiern und abschotten”, “Zur Fluchthilfe” und “Gegen Rassismus” analysiert und kritisch kommentiert.

So beschreibt ein Vertreter der aktivistischen Gruppe “Taxistas”, wie in Deutschland TaxilenkerInnen wegen der Beförderung illegalisierter Menschen als “Schleuser” kriminalisiert werden.

Der Abschnitt “Feiern und abschotten” ist eine “Kurzreportage” über die neuesten Kriegsgeräte zur Grenzsicherung, die von Soldaten auf einer am österreichischen Nationalfeiertag abgehaltenen Feier des Bundesheeres am Heldenplatz in Wien bereitwillig präsentiert wurden. Im Abschnitt “Zur Fluchthilfe” zeigt ein Gespräch mit einem leitenden Bundesgrenzschutzbeamten in Frankfurt an der Oder widersprüchliche Argumentationen auf, mit welchen versucht wird, rassistische Abschottungsmechanismen zu legitimieren.

Das Digitalvideo wurde im März 2001 auf der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Politik bilden!” erstmals gezeigt.

 

 

Ausstellung “Dienstleistung: Fluchthilfe”

Projektgruppe Lüneburg: Tina Dust, Uta Gielke, Maja Grafe, Nina Heinlein, Patricia Holder, Mara Horstmann, Sarah Kaeberich, Nina Koch, Susanne Neubronner, Astrid Robbers, Stig Oeveraas, Sabine Zaeske

Ausgehend von einem von uns durchgeführten Blockseminar an der Universität Lüneburg bildeten teilnehmende StudentInnen eine Projektgruppe, die selbstorganisiert ist. Um dem hierarchischen Verhältnis entgegenzuwirken, welches sich bei einer Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen und StudentInnen etablieren kann, haben wir uns entschieden, gemeinsam produzierte Arbeiten, unabhängig produzierte Beiträge der Projektgruppe und von uns realisierte Ausstellungsbeiträge in einem gemeinsam entwickelten Ausstellungsrahmen zu präsentieren.

In Arbeitstreffen wurden alle Ausstellungsbeiträge in ihren jeweiligen Entwicklungsstadien diskutiert, Kritiken flossen dann in den weiteren Produktionsprozess ein.

Bei einem Besuch in Frankfurt an der Oder wurde an der Grenze recherchiert, Teile dieser Recherche fließen in ein von den StudentInnen produziertes Video ein, welches sich mit weiteren Facetten zur Thematik Migration und Fluchthilfe beschäftigt. Gespräche von Mitgliedern der Projektgruppe mit StudentInnen in Frankfurt an der Oder, mit VertreterInnen der MigrantInnengruppe “Kanak Attak” in Hamburg und VertreterInnen des “Netzwerks gegen Rechts” in Lüneburg bilden einen Recherchepool, der Einblicke in lokale Situationen erlaubt und den Zugang der StudentInnen zur Thematik widerspiegelt. Ein daraus resultierendes und von der Projektgruppe geschnittenes Video wird gemeinsam mit dem Video “Dienstleistung: Fluchthilfe” als Videoprojektion in der Ausstellung gezeigt.

In einer Wandinstallation wird anhand von Texten, Mail-Aussendungen und Flugblättern auf die Arbeit der Gruppen verwiesen, die Beiträge für “Neues Grenzblatt” verfasst haben und die von der Projektgruppe kontaktierten Gruppen.

Ausgehend von einem von Ulf Wuggenig an der Universität Lüneburg geleiteten parallel stattfindenden Seminar zu Rassismus wurden aus der dort besprochenen Literatur von der Projektgruppe Zitate ausgewählt und mit uns diskutiert. Diese verweisen in einer Installation auf Textpassagen der Literatur, die gemeinsam mit anti-rassistischen Zeitschriften einen theoretischen Rahmen für die einzelnen Bestandteile der Ausstellung bilden.

Das Projekt wurde gefördert vom Kunstraum der Universität Lüneburg und Verein Ökologie und Kunst, der die Kooperation von Kunst und Wissenschaft im Rahmen der Kulturlandschaftsforschung forciert.

Für weitere Informationen über dieses Projekt besuchen Sie die originale Projekt-Website von 2001.