Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Einem neuen Sozialismus entgegen

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Glasgow, Großbritannien, 25 min., 2006

Mein Name ist Paul Cockshott, ich bin Co-Autor des Buches „Towards a New Socialism“ (dt.: „Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie“), das ich gemeinsam mit meinem Freund Allin Cottrell geschrieben habe. Wir haben es als Reaktion auf die politische Situation in den 1980ern verfasst, als die Sowjetunion offensichtlich in Schwierigkeiten geriet und sich innerhalb der britischen Labour Party marktwirtschaftliche Ideen verbreiteten. Besonders einflussreich war damals ein Professor für Sowjetstudien an der Glasgow University, Alec Nove, der ein Buch zur Verteidigung des Marktsozialismus schrieb . Er war Experte für sowjetische Ökonomie, sodass seine Argumente überzeugend schienen und sie beeindruckten sicherlich auch die Führung der Labour Party in Großbritannien. Allin Cottrell und ich versuchten in unserem gemeinsamen Buch, diese Argumente zu widerlegen, indem wir Gedanken aus der modernen Computerwissenschaft wie auch der klassischen politischen Ökonomie aufgriffen.

Wir leben im 21. Jahrhundert, und die Leute beginnen wieder, über die Machbarkeit des Sozialismus nachzudenken. Aus meiner Sicht gibt es drei Schlüsselbestandteile für einen heute funktionsfähigen Sozialismus. Erstens, die Ersetzung des Geldes und des Preises durch eine wert-basierte Ökonomie, in welcher die Arbeitszeit als Grundlage dient. Zweitens, die Nutzung der viel weiter fortgeschrittenen Informationstechnologie, über die wir heute verfügen und die eine rationale und detaillierte Planung der Wirtschaft auf eine Weise vorstellbar macht, die früher nicht denkbar war. Und schließlich drittens das Prinzip, von dem ich denke, dass die meisten SozialistInnen es verfechten: die Ersetzung der repräsentativen Demokratie durch bestimmte Formen partizipatorischer Mitbestimmung, um der Mehrheit der Bevölkerung die reale Kontrolle über die Verwendung des nationalen Einkommens zu verleihen.

Die Frage, warum der Sozialismus dem Kapitalismus vorgezogen wird, kann nicht abstrakt, im Allgemeinen, beantwortet werden, weil nicht alle ihn bevorzugen. Es hängt grundsätzlich davon ab, ob man arm oder reich ist. Die Studien, die wir zur Verteilung des Einkommens in Großbritannien durchgeführt haben, weisen darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von einem egalitären System der Bezahlung profitieren würde. Wir haben Anfang der 1990er durchgerechnet, was einzelne Personen in solch einer Wirtschaft an Lohn erhalten würden, und der einzige Teil der Bevölkerung, der Verluste hinnehmen müsste, wären die oberen fünfundzwanzig Prozent der Büroangestellten. Alle manuell Arbeitenden, egal ob männlich oder weiblich, würden dabei gewinnen, alle weiblichen Arbeiterinnen und drei Viertel der männlichen Büroangestellten. Bei den Leuten mit Einkommensverlusten handelt es sich um eine kleine Minderheit der Bestbezahlten und einer noch kleineren Minderheit derjenigen, die ihr Einkommen aus Eigentum beziehen.

Einer der entscheidenden Punkte, die Nove in seinem Buch hervorhob, war die Unfähigkeit der sowjetischen Planer, detailliert zu kalkulieren. Man kann dafür Beispiele anführen: Sie konnten einen Plan für Hosen aufstellen, die produziert werden sollten, aber sie hatten nicht notwendigerweise den richtigen Plan für die Anzahl der Reißverschlüsse, die für diese Hosen gebraucht wurden, sodass am Ende Hosen ohne Reißverschlüsse oder Schuhe ohne Schnürsenkel herauskamen. Diese Pannen resultierten aus der Tatsache, dass die Planziele in Gesamtfristen – für mehrere Tausend Kategorien von Gütern und in Preisen berechnet – gesetzt wurden. Die Ziele wurden nicht in Begriffen der tatsächlichen materiellen Produkte, die hergestellt werden sollten, festgelegt. Im Gegensatz dazu steht das System der Produktcodes, das in der kapitalistischen Welt in den 1970ern eingeführt wurde, ein Barcodesystem, das es ermöglicht, jedes einzelne Produkt mit einer speziellen Erkennungsnummer auszustatten. Die modernen Supermärkte verfügen über ein System der Rückmeldung, durch das sie genau wissen, wie viel von jedem Produkt verkauft wurde. Man braucht ein Planungssystem, das, wenn es effizient sein soll, bis hinunter zur Produktebene reicht.

Ich habe Experimente mit einem bescheidenen Computer unseres Instituts gemacht, und dabei stellte ich fest, dass ich die Gleichung einer Ökonomie etwa in der Größe der schwedischen Wirtschaft innerhalb von ungefähr zwei Minuten lösen konnte. Wenn man einen solchen Computer benutzen würde, wie die Abteilung für Physik oder jede Wetterstation ihn hat, dann wäre es eine ziemlich einfache Angelegenheit, solche Gleichungen auch in anderen Größenordnungen zu lösen.

Es bleibt das Problem, wie man all diese Informationen erhält und die Statistiken sammelt. Es lässt sich aber sehr einfach lösen, wenn man bedenkt, dass heutzutage jede Produktionsanlage Computer benutzt, um die einzelnen Bestandteile der Waren zu bestellen. Sie benutzen computerisierte Tabellen, um die Kosten zu berechnen, Daten sind bereits elektronisch erfasst und in den Datenbanken einsehbar. In vielen Fällen teilen Nutzer und Zulieferer diese Datenbanken bereits in der kapitalistischen Welt. Zur gleichen Zeit haben Unternehmen wie Google die Technologie entwickelt, um Softwareroboter (engl. Spiders) durchs Netz zu schicken und enorme Mengen von Informationen auf ihren Servern zu konzentrieren. Wäre es der Fall, dass Unternehmen Webseiten entwickeln würden, die Informationen darüber enthielten, was sie bräuchten, um jedes ihrer Produkte herzustellen, dann könnte das von einem System in der Art von Google erfasst werden. Was dies gegenwärtig verhindert, ist offensichtlich das Geschäftsgeheimnis. Unternehmen wollen nicht, dass andere wissen, was sie tun. Aber wenn wir ein System mit Unternehmen im öffentlichen Besitz ins Auge fassen, gibt es keinen Grund mehr, warum sie ihren Bedarf an Ressourcen nicht auf einer Webseite oder durch ein angemessenes Eingabe-System in einer Datenbank veröffentlichen und die Daten sammeln sollten, die für die Planung benötigt werden.

Die Idee, Arbeitsbelege statt Geld zu benutzen, hat eine lange Tradition im sozialistischen Denken. Der Erste, der das vorschlug, war Robert Owen etwa um 1830. Seine Idee bestand darin, die Banknoten abzuschaffen und die Leute mit Arbeitsnoten zu bezahlen. Wenn jemand, sagen wir, fünf Stunden an einem Tag gearbeitet und etwas produziert hat, bekommt er/sie Arbeitsnoten im Wert von fünf Stunden, kann dann in einen Kooperativladen gehen und Dinge kaufen, deren Herstellung fünf Stunden gedauert hat. Auf diese Weise würden die Zwischenhändler ausgeschaltet werden, und weder das Geschäft noch die ArbeitgeberInnen könnten damit Profit machen. Damit wäre man mit einem Schlag auch den Hauptgrund für Ausbeutung los. Die Idee wurde in der einen oder anderen Form auch von Lasalle, Proudhon und Marx aufgegriffen. Alle sozialistischen FührerInnen des 19. Jahrhunderts haben sie befürwortet.

Ein weiterer Unterschied zwischen Arbeitsbelegen und Geld ist sicherlich, dass Geld zwischen Menschen zirkulieren kann. Und das ist die Basis, auf der die kapitalistische Ausbeutung fußt: Menschen werden angestellt und erhalten lediglich einen Teil des Wertes, den sie produzieren, in Form von Löhnen zurück. Robert Owen wollte diese Ungerechtigkeit verhindern, indem seine Arbeitsbelege nicht zirkulierten, sondern nach dem einmaligen Tausch im Kooperativladen ausgemustert wurden. Daher gäbe es auch keine Zirkulation entstehenden Kapitals. Heutzutage würde man für die Arbeitsbelege sicherlich ein elektronisches Berechnungssystem verwenden, ähnlich dem der Kreditkarten, aber es wäre dasselbe Prinzip, das bereits Robert Owen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entworfen hat.

Ein Vorurteil, dem SozialistInnen immer wieder begegnen, ist, dass es ohne Einkommensunterschiede keinen Leistungsanreiz mehr geben würde. Wenn man nun den Fall der Arbeitsbelege betrachtet, muss man sich vergegenwärtigen, wofür sie vergeben werden. Sie werden an Leute ausgezahlt, die eine durchschnittlich intensive Arbeit ausführen und bei der es möglich ist, ihre materielle Produktivität zu messen. Wenn eine Person materiell mehr Güter in einer Stunde hervorbringt als eine andere, dann ist es möglich, der einen Person mehr zu zahlen als der anderen, weil man weiß, dass sie materiell mehr produziert. Wenn es zu hochkollektiver Arbeit kommt, bei der viele Leute zusammenarbeiten, ist es nicht so einfach zu sagen, ob eine bestimmte Person mehr oder weniger dazu beigetragen hat. Unter solchen Umständen kann man sich auf diese Art des Leistungsanreizes nicht verlassen. Aber wenn man glaubt, dass nur finanzielle Anregungen relevant seien, dann muss man zwei sehr wichtige Eigenschaften der modernen Welt erklären: Die eine besteht im Erfolg der japanischen Ökonomie, in der die Leute in den Unternehmen nicht mit finanziellen Anreizen bezahlt werden, sondern die Zahlung des Lohns sich eher nach den geleisteten Dienstjahren richtet. Und das hält Japan nicht davon ab, über die produktivsten ArbeiterInnen der Welt zu verfügen.

Man kann noch ein weiteres Beispiel nehmen und sich zwei Leute ansehen: Bill Gates und Linus Torvalds. Bill Gates besitzt ein Unternehmen, dessen ProgrammentwicklerInnen Windows produzieren, und Linus Torvalds schrieb das ursprüngliche Linux-Betriebssystem. Linus Torvalds und die anderen ProgrammentwicklerInnen von Linux machen es aus Liebe zur Arbeit und weil sie etwas Sinnvolles produzieren wollen. Und letztlich haben sie das auch geschafft – und zwar ohne die finanziellen Leistungsanreize wie bei Bill Gates’ Windows. Der Großteil des Internets läuft über Linux-Server und die Nutzung von Apache-Servern. Diese ganze Software wurde von Leuten geschrieben, die es nur aus Liebe zur Sache getan haben. Man sollte das Ausmaß nicht unterschätzen, in dem Leute stolz auf ihre Arbeit sind und wollen, dass ihre Arbeit gut gemacht ist. Und sie sind auch bereit, sie zu tun – wie die Freie-Software-Bewegung zeigt –, ohne überhaupt dafür bezahlt zu werden, wenn die Befriedigung durch die Arbeit selbst groß genug ist.

Wenn man ein System von Arbeitsbelegen hätte, würden die DurchschnittsverdienerInnen etwa das Doppelte ihres jetzigen Einkommens erhalten. Es ist eine allgemeine Charakteristik der meisten kapitalistischen Ökonomien, dass das Einkommen sich ungefähr zur Hälfte zwischen Löhnen und Profiten aufteilt. In Großbritannien ist das Verhältnis für die Profite noch günstiger. Man hätte dann immer noch Steuern davon zu zahlen, aber das Einkommen abzüglich der Steuern wäre ungefähr das Doppelte.

Es stellt sich die Frage, ob Leute mit höherer Bildung besser bezahlt werden sollten. In einer kapitalistischen Ökonomie ist das der Fall, wenn ein Mangel an einer bestimmten Fähigkeit besteht. Ein gutes Beispiel sind ÄrztInnen in den USA. Sie sind extrem hoch bezahlt, weil die American Medical Association dafür sorgt, das Angebot an ÄrztInnen zu begrenzen. Andererseits gibt es in einer kapitalistischen Ökonomie Berufe, die eine Ausbildung erfordern, für die aber viele Leute ausgebildet sind, wie zum Beispiel Medienwissenschaften – im Moment werden eine Menge Leute in Medienwissenschaften ausgebildet –, aber das Geld, das man damit verdient, entspricht nicht einmal dem Lohn eines durchschnittlichen manuellen Arbeiters. Der Grund liegt in diesem Fall bei Angebot und Nachfrage. Aber, allgemeiner gesagt, wenn man sich Berufe ansieht, die in der kapitalistischen Welt hoch bezahlt werden, liegt das oft daran, dass die Ausbildung sehr teuer ist und nur reiche Familien es sich leisten können, ihren Kindern diese Qualifizierung zukommen zu lassen. Deshalb ist das Angebot begrenzt. Wenn die Bildung vom Staat finanziert und den Studierenden ein Gehalt ausgezahlt würde, gäbe es keinen bestimmten Grund mehr, warum das Individuum davon profitieren sollte. Die Kosten für die Ausbildung würden nicht mehr vom Individuum getragen, sondern von den SteuerzahlerInnen. Wenn die Restriktionen, die sich durch einen Mangel an Reichtum beim Eintritt ins Bildungswesen ergeben, abgeschafft werden, ist auch zu erwarten, dass das knappe Angebot sich ebenfalls erledigt. Wenn man die Situation der ÄrztInnen in den Vereinigten Staaten mit denen in der Sowjetunion vergleicht, dann sind sie in den USA relativ selten und hoch bezahlt, während ÄrztInnen in der Sowjetunion und auf Kuba zahlreich und nicht besonders gut bezahlt waren bzw. sind. Aber das hält Leute nicht davon ab, diesen Beruf zu ergreifen, denn viele wollen es aus humanitären Gründen.

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen einer sozialistischen und einer kapitalistischen Wirtschaft ist, dass es in der kapitalistischen Ökonomie immer Arbeitslosigkeit gibt. Sie fungiert als Stock, mit dem die ArbeiterInnen geschlagen werden, um härter zu arbeiten. Eine sozialistische Ökonomie, in der die Verteilung der Ressourcen geplant wird, tendiert immer zu Vollbeschäftigung. Allerdings entsteht Vollbeschäftigung auf zwei Arten: Sie kann einerseits dadurch zustande kommen, dass es in der Wirtschaft eine ausreichende Nachfrage nach Arbeit gibt und auf diese Weise alle Arbeitswilligen zu einer Stelle kommen; oder es gibt sie andererseits, weil die Leute ein Recht auf Arbeit an einem ganz bestimmten Arbeitsplatz haben, an dem sie begonnen haben. Bei der letzteren Form läuft man Gefahr, dass die Wirtschaft verhärtet. Es wird sehr schwierig, Ressourcen zu neuen Industrien umzuverteilen und alte Industrien abzuwickeln, wenn der Geschmack oder die Technologien sich wandeln. Der Staat sollte den Leuten also einen Job garantieren, aber es muss nicht notwendigerweise für alle Zeiten am selben Arbeitsplatz sein. Wenn Fabriken geschlossen werden, muss der Staat garantieren, dass neue Arbeitsplätze in gleicher Anzahl woanders in der Wirtschaft geschaffen werden, damit die Leute überwechseln können. Aber das bedeutet eben nicht, dass man die gleichen Fabriken, die man im Jahr 2000 betrieb, im Jahr 2050 immer noch erhalten muss.

Ursprünglich bedeutete Demokratie die Regierung durch die Masse der Bevölkerung. Insbesondere Aristoteles hat klar gemacht, dass damit Regierung durch die ärmere Masse gemeint ist. Das System, das wir heute haben, wird Demokratie genannt, ist aber tatsächlich ein System der Wahl-Herrschaft, das zumindest nach der politischen Theorie der griechischen Antike besser als Aristokratie oder Meritokratie beschrieben werden sollte. Denn jedes auf Wahlen basierende System beruht auf dem Prinzip, eine Minderheit als die angeblich Besten für das Regieren auszuwählen.

Wer erscheint in welcher Gesellschaft als der/die Beste? Die Leute, die als die Besten auftreten, sind immer die Reichen und die besser Ausgebildeten. Aristoteles sagt, die besser Ausgebildeten, die sich besser ausdrücken können, sind fast immer die reichen Teile der Gesellschaft. Und man kann das am besten in den USA beobachten, wo man MillionärIn sein oder zumindest den Rückhalt eines Millionärs haben muss, um KandidatIn für die Präsidentschaft werden zu können. Aber auch, wenn man sich zum Beispiel das Europäische Parlament ansieht, den Querschnitt der Leute betrachtet, die im Europäischen Parlament repräsentiert werden, sich den Prozentsatz von Männern und Frauen ansieht, die Prozentsätze von Menschen aus verschiedenen sozialen Klassen oder die Prozentsätze verschiedener Ethnien: Repräsentiert das tatsächlich die Bevölkerung Europas? Ganz offensichtlich nicht. Jede/r Angestellte eines Meinungsforschungsunternehmens, der/die ParlamentarierInnen des Europäischen Parlaments als Gruppe für eine Befragung für ein repräsentatives Sample von Meinungen in Europa angäbe, würde entlassen werden. Es ist äußerst unrepräsentativ.

Es gibt einen wissenschaftlichen Weg, um zu einer aussagekräftigen Stichprobe zu gelangen, und das ist die Zufallsauswahl. Und so machten es tatsächlich die Griechen. Wenn man im Museum die Agora von Athen besucht, kann man die alte Wahlmaschine sehen, die die Griechen der Antike benutzten. Sie wurde aus Marmor gebaut, die Messingteile sind schon vor langer Zeit verschwunden. Aber sie basiert auf dem Prinzip, einen Personalausweis in die Maschine zu geben und dann den Henkel zu drehen oder von einem Assistenten drehen zu lassen – wenn ein weißer Ball herauskam, war man gewählt, bei einem schwarzen eben nicht. Sie haben die Mitglieder des Rates durch den Zufall bestimmt, und das ist der einzige Weg, eine repräsentative Stichprobe für die Bildung einer beratenden Körperschaft zu erhalten.

Das andere System, das es im alten Griechenland gab, war die Stadtversammlung, bei der über wichtige Angelegenheiten per Handzeichen abgestimmt wurde. Heutzutage kann man ein gesamtes Land nicht mehr auf einem Platz versammeln, um dort über etwas abzustimmen. Aber man kann ein ganzes Land dazu bekommen, per Handy darüber abzustimmen, wer im Big Brother-Container oder bei anderen Reality-Shows im Fernsehen bleibt. Dieselbe Technologie könnte bei wichtigen Angelegenheiten genutzt werden, um die Bevölkerung als Ganzes entscheiden zu lassen. Solche Belange wären etwa die Frage von Krieg und Frieden, Steuererhöhungen und die wesentlichen Eckpunkte des nationalen Budgets. Zentrale Fragen wie diese sollten der Bevölkerung in einem Referendum zur Beschlussfassung überlassen werden.

Einer der möglichen Nachteile einer Demokratie ist, vermute ich, dass man nicht vorhersagen kann, was die Leute entscheiden. Aber auf jeden Fall werden solche Beschlüsse, die von der Gesamtgesellschaft gefasst werden, besser sein als jene einer einzelnen Person. So sollten zum Beispiel ökologische Fragen von der individuell-privaten auf die gesellschaftliche Ebene verschoben werden, wo kollektiv darüber abgestimmt wird. Werden möglichst viele Personen in diesen Prozess miteinbezogen, so entstehen automatisch Debatten und Diskussionen über die Angelegenheit. Wenn die Leute etwas zu sagen haben, dann bringen sie größeres Interesse auf und beraten über ihre Entscheidungen.

Der Übergang zu einer sozialistischen Ökonomie muss durch ein Zwischenstadium zu einer Kooperativen-basierten Ökonomie gelangen. Die allererste Aufgabe ist die Schaffung demokratischer Strukturen. Das größte Problem besteht im undemokratischen Wesen des gegenwärtigen Staates und in der Notwendigkeit, ihn durch ein demokratischeres Gemeinwesen zu ersetzen. Denn wir denken, dass man diese wirklich radikalen Veränderungen der Gesellschaft, die wir befürworten, nicht durchführen kann, wenn es nicht eine wesentlich demokratischere Struktur des Staates gibt. Die erste Form der Bewegung ist also eine Bewegung gegen den existierenden Staat und für direkte Demokratie. In ökonomischer Hinsicht streben wir allerdings eine Gesetzgebung als erste Phase des Übergangs an, die es den Angestellten in einem Unternehmen erlaubt, dieses Unternehmen in eines zu transformieren, das von den ArbeiterInnen verwaltet wird und in dem die Mehrheit des Vorstands von vielen, den ArbeiterInnen, gewählt oder bestimmt und eine Minderheit von den AktionärInnen ernannt wird. Ein solcher Vorstand wird voraussichtlich beträchtlich weniger Dividende an die AktionärInnen auszahlen wollen als die gegenwärtig existierenden Vorstände. Der Prozess der tatsächlichen Umwandlung der Wirtschaft zu einer komplett sozialistischen Ökonomie darf nicht zu schnell vollzogen werden, weil man zunächst ein neues Planungssystem einrichten muss. Zuerst muss man ein Schattenplanungssystem installieren, und dann bedarf es eines Wechsels von einer monetären zur arbeitsbasierten Ökonomie. Wir haben so etwas gerade in analoger Weise in Europa gesehen, wo es nach einigen Jahren der Planung einen Wechsel von den nationalen Währungen zum Euro gegeben hat. Ab einem bestimmten Datum wurden die nationalen Währungen nicht mehr als legales Zahlungsmittel für Schulden und Steuern anerkannt. Denselben Prozess gilt es in die Wege zu leiten: Man müsste sagen, ab einem bestimmten Datum müssen alle Bezahlungen in Arbeitsbelegen getätigt werden.

Ein Effekt würde darin bestehen, dass es eine Debatte darüber gäbe, ob ein solches Gesetz verabschiedet werden sollte, und das wäre außerordentlich polarisierend. Denn die Leute, die im alten System sehr viel Geld besaßen, würden es verlieren, und andere, die bisher verschuldet waren, würden von der Umstellung profitieren. In einer modernen Ökonomie, in der die Mehrheit der Leute SchuldnerInnen sind, ist das, denke ich, ein sehr bedeutender Faktor für das Votum zur Abschaffung des Geldes und den Übergang zum Arbeitsbeleg, denn die Mehrheit der Leute würde davon profitieren, während die MillionärInnen, die momentan über große Mengen Geld verfügen, verlieren würden. Ihr Geld wäre plötzlich wertlos. Auf diese Weise würde die Frage von Reichtum und Armut, ebenso wie Kredit und Verschuldung, in einer ziemlich drastischen Art aufgeworfen werden. Dies ist eine sehr wichtige, grundsätzliche Entscheidungsfrage.

(Übersetzung: Jens Kastner)

Further information: http://reality.gn.apc.org