Fly Democracy
Wurden die Angriffskriege auf Afghanistan und Irak wohl primär aus geostrategischen Überlegungen und zur Kontrolle der Erdölvorkommen geführt, sind diese zur besseren öffentlichen Legitimierung gerne damit begründet worden, diesen Staaten „Demokratie“ bringen zu wollen. Die Argumentation des Demokratieexports wurde beibehalten, solange die Streitkräfte der USA und ihrer Alliierten einen Sieg noch für möglich hielten. Inzwischen hat sich die Argumentation dahingehend verschoben, nur mehr einen „stabilen Irak“ und ein „befriedetes Afghanistan“ schaffen zu wollen.
Zu Beginn der Militärinterventionen wurden von den Kampfjets neben Bomben auch an die Bevölkerung gerichtete Botschaften in Form von Flugblättern abgeworfen. In diesen Flugblättern werden die feindlichen Militärs zur Desertion aufgerufen, ZivilistInnen vom Aufenthalt in der Nähe militärischer Ziele abgeraten, Verhaltensmuster bei der Kontaktaufnahme mit den Invasoren festgelegt oder allgemeine politische Botschaften über die angeblichen Gründe und Ziele für den militärischen Angriff verbreitet.
In der Installation „Fly Democracy“ wird die Geste des Abwurfs von Flugblattbotschaften wiederholt, wobei allerdings der Zielort des Abwurfs symbolisch auf das Territorium der USA verlegt wird. Die zehn für „Fly Democracy“ hergestellten Flugblätter fokussieren auf aktuelle theoretische Diskurse über direkte oder partizipative Demokratieformen und stehen damit in einem inhaltlichen Widerspruch zu dem von der US-Regierung forcierten Modell der formalen Demokratie, die in einen neoliberalen kapitalistischen Staat eingebettet ist. „Fly Democracy“ hingegen sympathisiert mit einer Interpretation des Terminus „Demokratie“, der näher an der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs in der griechischen Antike liegt, wo es (zumindest für die männlichen, volljährigen Bürger) eine direktere Involvierung in Entscheidungsfindungsprozesse gab als in den heutigen repräsentativen Demokratien, die mit dem Theoretiker Paul Cockshott nach den Maßstäben der ursprünglichen Bedeutung des Wortes nur als „Pseudodemokratien“ bezeichnet werden können.
Die Installation besteht aus einem 5 Minuten langen geloopten Video, das die Flugblätter zeigt, wie sie sich in einem strahlend blauen Himmel dem Boden nähern und anschließend gelesen werden. Vor der Videoprojektion liegen auf dem Ausstellungsboden die originalen englischen Flugblätter gemeinsam mit eigens für die Ausstellungen hergestellten Flugblättern in den jeweiligen Sprachen verstreut, als ob sie ebenfalls abgeworfen worden wären. Die BesucherInnen haben die Möglichkeit, die Flugblätter vom Boden aufzuheben, sie zu lesen und nach Hause mitzunehmen.
- Konzept, Kamera, Schnitt, Grafik, Realisation: Oliver Ressler
- Bildbearbeitung und Sound: Rudi Gottsberger
- ProduktionsassistentInnen: Meghan Hartman, Brandon Ives, Gaby Ruzek
Die Installation wurde 2007 von ACC Galerie, Weimar (D); Fri-Art – Centre d’Art Contemporain, Freiburg (CH); Kunstverein Wolfsburg, Wolfsburg (D); 2. Internationales Fotofestival Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg 2007 (D) und <rotor>, Graz (A) produziert.


