Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Freie Kooperation

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Bremen, Deutschland, 32 Min., 2003

Politische Utopien sind in modernen oder postmodernen Zeiten keineswegs obsolet, aber selbstverständlich gibt es einige Dinge, die im Gegensatz zur Vergangenheit anders sein müssen. Utopische Konzepte müssen sich heute von den meisten Aspekten, die dieses Genre traditionell ausmachten, verabschieden. Die Mehrheit des utopischen Denkens ist präskriptiv, es schreibt den Menschen vor, was sie tun sollen. Die dahinterliegende Idee ist, dass die Gesellschaft gut funktioniert, wenn die richtigen Regeln aufgestellt werden. Aber diese Regeln sind wie ein Käfig, den der/die SchöpferIn der Utopie gebaut hat, und dann werden Leute in diesen Käfig gesteckt, die den Regeln folgen müssen – und so wird es funktionieren. Das ist nicht akzeptabel, so kann niemals eine freie Gesellschaft entstehen. Utopien müssen auf der Tatsache aufbauen, dass die Leute tun, was sie wollen; man kann keine Idee des richtigen Bewusstseins verordnen, von richtig und falsch; man kann bestimmte Wünsche oder Handlungen nicht als falsch ausschließen.

Es ist außerdem wichtig, dass utopisches Denken nicht elitär ist in dem Sinne, dass eine Minderheit über das richtige Bewusstsein oder Wissen verfügt, dass eine kleine Clique von Entscheidungsbefugten, wissenschaftlich Denkenden usw. für die Mehrheit der Menschen bestimmt, was richtig und zu tun ist. Eine moderne Utopie muss auf einer Gemeinschaft von Gleichen aufbauen, wo es nicht ins Gewicht fällt, was die Leute gelesen haben und mit welchen Theorien sie vertraut sind. Es muss mit den unterschiedlichsten Menschen funktionieren, die auf gleicher Basis teilnehmen dürfen. Der Zugang zur Utopie sollte nicht beschränkt werden.

Politische Entwürfe können auch nicht mehr hierarchisch sein, nicht nur in Bezug auf die Organisationsform, sondern auch auf eine vorgegebene Einteilung in wichtige und unwichtige Angelegenheiten – was für klassische Utopien typisch war. Ein bedeutender Teil des utopischen Denkens definiert entweder die Ökonomie als Kernbereich, oder die Herstellung von Werkzeugen, und andere Bereiche wie Kindererziehung oder kreatives Arbeiten müssen den Regeln der anderen folgen. So etwas ist illegitim, weil es immer mit einer Hierarchie zwischen unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Tätigkeiten Hand in Hand geht, und somit ein klarer Fall von Ungleichheit ist. Man könnte sagen, dass die Utopie in die Küche zurückgebracht werden und dort funktionieren muss, und die Regeln der Küche müssen für die größeren Unternehmen gelten – und nicht umgekehrt. Alles, was Menschen gemeinsam tun, ist eine Form der Kooperation, weil sie ihre Arbeit teilen und direkt oder indirekt stets die Arbeit, Erfahrung und Existenz von anderen benützen. Es gibt zwei Extreme, freie und erzwungene Kooperation, und das meiste, was wir in unserer Gesellschaft erleben, ist erzwungene Kooperation.

Drei Aspekte müssen berücksichtigt werden, wenn eine freie Kooperation aufgebaut werden soll. Der erste ist, dass alle Regeln in dieser Kooperation von jedem und jeder hinterfragt werden können, dass es keine sakrosankten Regeln gibt, die nicht angezweifelt, zurückgewiesen oder neu verhandelt werden können – was in den meisten Kooperationen, die wir kennen, nicht der Fall ist.

Der zweite Aspekt, der garantiert sein muss, ist, dass die Leute diese Regeln hinterfragen und ändern können durch Einsatz der Primärkraft der Kooperationsverweigerung, durch Einschränkung ihrer Kooperation, Zurückhaltung ihres Beitrags, dass sie Bedingungen für ihre Mitarbeit stellen und eine Kooperation auch verlassen können. Alle müssen das Recht haben, diese Maßnahmen einzusetzen, um die Regeln zu beeinflussen.

Der dritte Aspekt – und er ist zentral, denn sonst wäre es bloß Erpressung der weniger Mächtigen durch die Mächtigen – ist, dass der Preis der Nicht-Kooperation für alle vergleichbar hoch sein sollte – und leistbar: Keine Kooperation darf eine alternativlose Existenzvoraussetzung sein.

Wenn diese drei Bedingungen gewährleistet sind, ist eine Kooperation frei. Jeder kann austreten und sich eine neue Gemeinschaft suchen. Den Preis des Austritts für alle gleich zu machen, das dritte Element ist das „Kerngeschäft” linker Politik.

Ein gutes Beispiel für eine freie Kooperation ist das Verhalten der Frauen der Zapatistas in einer Phase, als die Bewegung begann und die Entscheidung über die Form und den Zeitpunkt des Kampfes gegen die mexikanische Regierung zur Debatte stand. Berichten zufolge gab es eine Versammlung der Frauen der Bewegung und sie machten klar, dass es bestimmte Bedingungen gab, unter denen sie am Kampf teilnehmen würden: Fragen der Repräsentation in der Bewegung, eine Anerkennung der Rechte der Frauen durch die Bewegung. Wenn das geklärt sei, würden sie mitmachen, andernfalls nicht. Es ist ein gutes Beispiel, weil in dieser Beziehung in vielen nationalen und kolonialen Befreiungsbewegungen etwas schief gelaufen ist, als dort die Form zur Hauptfrage erklärt wurde. Meist wurde bestimmt, dass sich alle dem Kampf gegen das Kolonialsystem anschließen müssten, und dass alle weiteren Fragen zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden würden. Dazu kam es nie, denn der Beginn einer Bewegung ist genau der Zeitpunkt, an dem Grundsatzfragen diskutiert werden müssen. Die Frauen der zapatistischen Bewegung hingegen setzten ihre Macht – die Möglichkeit, die Teilnahme an der Bewegung zu verweigern – ein, stellten Bedingungen für ihre Kooperation und taten dies in einer Art und Weise, die auf ihrer Macht als Gruppe basierte. Es gab keine Notwendigkeit, die formelle Entscheidungsfindungsstruktur der Zapatistas zu infiltrieren – solche Dinge funktionieren unabhängig von den Organisationsstrukturen. Sie kamen als Gruppe zusammen und formulierten ihre Bedingungen. Es ist auch deshalb signifikant, weil es nicht von Bedeutung ist, dass jeder ihre Motive und Gründe versteht, es ist nicht notwendig, diese zu erklären. Es ist nur eine Verhandlung, die stattfindet, und eine Entscheidung kann getroffen werden. Diese Kraft geht in den meisten formellen Repräsentationssystemen verloren, vieles ist ausgeschlossen, weil es nicht ins System passt. Aber in diesem Beispiel wurde diese Kraft wirklich genutzt.

Um sich dem Konzept der freien Kooperation zu nähern, ist es notwendig, einen Überblick über die Art von Instrumenten zu geben, die in erzwungenen Kooperationen eingesetzt werden, welche Machtformen in der Gesellschaft existieren und welche Art Befreiung notwendig ist. Dabei zeigt sich, wie unterschiedliche Bewegungen sich auf verschiedene Aspekte erzwungener Kooperation konzentriert haben. Vieles kann diesbezüglich durch unterschiedliche historische Kontexte und Situationen erklärt werden.

Auf der einen Seite ist festzustellen, dass Macht und Zwang auf verschiedenen Ebenen – mindestens fünf – ausgeübt werden: von der direkten physischen Gewalt, zu verschiedenen Formen der ökonomischen Gewalt, die Abhängigkeit ausnützt, Formen der Kontrolle, zu spezielleren gesellschaftlichen Formen wie Diskriminierung, für die nur eine bestimmte Art des Verhaltens von Menschen in einer Gruppe notwendig ist. Es gibt eine Machtebene, die mit der Kontrolle der Öffentlichkeit zu tun hat, in dem Sinne, dass in einer Gesellschaft nicht alle öffentlich sprechen und gehört werden können, und eine andere Ebene, bei der es um Formen der Abhängigkeit im Allgemeinen geht – je mehr jemand von einer Kooperation abhängt, desto unfreier ist man in ihr.

Diese unterschiedlichen Formen der Gewalt lassen sich in einer Matrix ordnen. Es gibt Schritte, die jedes Individuum oder jede Gruppe, das bzw. die sich befreien will, unternehmen muss. Zuerst müssen die Instrumente der Herrschaft abgewickelt werden, sie können nicht für andere, bessere Ziele eingesetzt werden. Die Einnahme der Zitadellen, um dann eine bessere Politik zu verfolgen, klappt nicht. Man muss diese Gewaltinstrumente abschaffen, es müssen alternative Wege der Kooperation und Verhandlung gefunden werden, alternative Regeln für die Gesellschaft. In der italienischen feministischen Diskussion wird in diesem Kontext der Begriff „Politik der Beziehungen” verwendet. Für eine neue, kooperative Gesellschaft sind auch neue Verhaltensweisen und soziale Fähigkeiten notwendig, über die wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht verfügen oder die wir verlernt haben, weil sie nicht praktiziert werden. Ein Beispiel dafür ist der Prozess des Verhandelns. Es müssen aber auch unabhängige Formen der Artikulation entwickelt werden, eine Rückeroberung des öffentlichen Raums. Wenn das geschieht, ergibt sich eine Art Matrix, und es zeigt sich, dass die Politik der freien Kooperation nicht etwas ist, das sich jemand als Blaupause ausdenkt, sondern das sich aus dem ableitet, was soziale Bewegungen im 20. und 21. Jahrhundert getan haben.

Das Konzept der freien Kooperation diktiert keine spezielle Art und Weise, in der die Gesellschaft – oder auch nur ein Teilbereich – eingerichtet werden soll. Es ist nur ein Weg der Entscheidungsfindung, und es kann und wird immer Beschlüsse geben, die nicht die Zustimmung aller Mitglieder finden. Es versetzt eine Gruppe in die Lage, Regeln für bestimmte Bereiche einzusetzen, die für eine Zeit lang praktisch erscheinen. Das ermöglicht Lernen, Experimente und Anpassung bei sich verändernden Situationen.

Wir neigen dazu, sehr kritisch gegenüber anderen Gemeinschaften zu sein, indem wir Aspekte aufzeigen, die auf den ersten Blick unserer Vorstellung von Freiheit und Gleichheit widersprechen – etwa die militärische Hierarchie in einer Befreiungsbewegung. Aber das ist nicht der Punkt. Wichtig ist, ob es einer Gruppe möglich ist, ihre Entscheidungen zu revidieren: Wurde die Entscheidung wirklich unter den Bedingungen der Gleichheit und des freien Willens der Mitglieder getroffen, weil es die Umstände notwendig machten? Oder ist ein Punkt erreicht worden, an dem es kein Zurück mehr gibt? Man kann anderen Gemeinschaften nicht vorschreiben, was für sie richtig ist. Aber man kann die Bedingungen befragen, unter denen Beschlüsse gefasst werden.

Wie sieht es mit der freien Kooperation im Bereich der Wirtschaft aus? Ist es möglich, ein Unternehmen auf diese Weise zu betreiben? Ist das nicht unmöglich, weil Unternehmen sich nicht auflösen können, wenn die dort Beschäftigten sich über die künftige Entwicklung uneinig sind, und führt das nicht ein Element der Instabilität in das ganze System ein? Müssen wir das nicht ausschließen? Basiert freie Kooperation nicht auf der Bedingung, dass alle genug zu essen und ein angenehmes Leben haben, was ja die Wirtschaft garantieren muss, weshalb sie von der freien Kooperation ausgenommen sein muss?

Selbstverständlich können Unternehmen kooperativ geführt werden. Wir kennen Beispiele dafür aus verschiedenen sozialen Projekten sowie aus dem so genannten Dritten Sektor, wo Gruppen mit öffentlichen Geldern ausgestattet sind, um zwar bestimmte Ergebnisse zu erzielen, in deren Durchführung sie jedoch souverän sind. Für die Struktur von Unternehmen würde die Umstellung dennoch eine sehr radikale Änderung bedeuten, es würde enorme Einschnitte in den konzentrierten Wirtschaftsorganisationen implizieren. Das schließt zum Beispiel die Möglichkeit aus, dass es Leute mit einem derart spezialisierten Fachwissen gibt, dass nichts ohne sie getan werden kann. Es müsste also Prozesse zur Verteilung von Wissen und Fähigkeiten geben. Es bedarf auch eines Umfelds, in dem es Leuten ermöglicht wird, zu gehen, weil sie andere Optionen haben – was bedeutet, dass ihre Existenz garantiert ist und sie nicht auf ihren Job in diesem Betrieb angewiesen sind. Es muss immer die Möglichkeit eines alternativen Arbeitsplatzes geben, in dem jemand mit einer spezifischen Ausbildung arbeiten kann. Und es ist auch nicht einsichtig, warum es nicht möglich sein sollte, dass sich Betriebe aufspalten, wenn es Uneinigkeit über ihren künftigen Weg gibt. Wir sehen das ja bereits: Große Kapitale zerteilen kleine Kapitale, setzen das Ganze neu zusammen – all das erscheint ganz normal, und dennoch scheint es unvorstellbar, dass die Beschäftigten dies selbst machen.

Wenn wir Unternehmen als freie Kooperationen denken, müssen wir auch Formen entwickeln, die Leute von außen einzubeziehen. Das war der blinde Fleck in vielen Experimenten innerhalb sozialistischer Länder, die alle außerhalb des Unternehmens ausschlossen. Es muss sichergestellt werden, dass ihre Form der Kooperation irgendwie repräsentiert ist, weil sie die Unternehmen in die Lage versetzen, ihrer Tätigkeit nachzugehen. Dazu braucht es viel praktische Erfahrung und es müssen auch historische Experimente danach überprüft werden. Die Frage des Umgangs mit ökonomischer Macht ist natürlich der Kern des Verfahrens mit gesellschaftlicher Macht überhaupt.

Die Hauptfrage der Implementierung freier Kooperation in der heutigen Welt betrifft das Eigentum. Jegliches Eigentum oder soziale Kapital basiert im Prinzip auf kollektiver Arbeit (der heute Lebenden und bereits Gestorbener). Diese Art des Kapitals, in Form technischen oder sozialen Wissens, kann nicht nur einer kleinen Gruppe von Menschen gehören, nur weil sie im Management von Unternehmen sitzen – das ist einfach lächerlich. Auf der anderen Seite ist Eigentum notwendig, da für unsere Arbeit der Zugang zu Kapital erforderlich ist. Es ist nicht möglich, jede Form von Eigentum abzuschaffen, und es kann keine Gesellschaft geben, in der alle tun und sich nehmen, was sie wollen. Regeln für den Zugang zu Eigentum sind also notwendig, und das beinhaltet die Notwendigkeit der Übertragung bzw. gerechteren Verteilung von Eigentum. Dieser Prozess beinhaltet notwendige Schritte. Nicht immer kann Eigentum in Einzelteile aufgeteilt und weitergegeben werden, aber es muss auf jeden Fall verwandelt und umverteilt werden.

Ein weiterer zentraler Sachverhalt, den es zu klären gilt, ist die Mobilität des Kapitals. Dem steht die Vorstellung entgegen, dass der Preis für die Auflösung einer Kooperation für alle vergleichbar hoch sein muss. Das Großkapital macht heute das Gegenteil, es beansprucht, alles Kapital mit sich zu nehmen auf der Suche nach einem Ort, an dem die ArbeiterInnen willfähriger sind. Das muss beschränkt werden, ansonsten ist es nicht möglich, Formen der Eigentumsumverteilung vorzunehmen, ja die Regeln überhaupt zu verändern.

Kapitalistische Märkte haben Eigenschaften, die nicht in eine freie Kooperation übertragen werden können. So ist es etwa inakzeptabel, dass einige MarktteilnehmerInnen ausgeschlossen werden, weil andere sie hinausdrängen. Der Hauptaspekt der kapitalistischen Marktkonkurrenz ist es nicht, bessere Ideen oder Produkte als andere zu haben, sondern Gewalt gegen MitbewerberInnen einzusetzen – zum Beispiel durch die Drückung von Produktionskosten. Das kann natürlich kein Element eines Markts in einer freien Kooperation sein.

Es ist nicht so, als würden wir keine Alternativen zur Marktwirtschaft kennen, oder als gäbe es keinen Widerspruch in verschiedenen Gegenbewegungen. Das Problem ist, dass diese Initiativen nicht vernünftig zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Sie agieren in ihrem sehr spezifischen kulturellen Rahmen und schließen damit eine Vielzahl anderer Menschen aus. Deshalb bedarf es dringend eines Prozesses der besseren und tieferen Verständigung zwischen unterschiedlichen Bewegungen, einer kulturellen Öffnung und neuer Verbindungen zwischen dem Alltagsleben und Formen der Alltagskooperation, Widerstand, alternativer Kooperation und dem, was wir für gewöhnlich als die großen politischen Fragen betrachten.

Es gibt keine wirkliche Veränderung der Gesellschaft und ihrer Strukturen ohne Einzelschritte. Aber diese Maßnahmen müssen Reformen in dem Sinn sein, dass sie nicht nur Bewegungen, sondern auch Institutionen einsetzen. Wir können nicht alle Institutionen loswerden, wir müssen auch Erreichtes in Gesetzen festlegen, denn das ist Teil des Kampfes. Es besteht die Gefahr, bei solchen Teilerfolgen stehenzubleiben und die Richtung, die angestrebte Utopie, aus den Augen zu verlieren. Eine utopische Gesellschaft wird nicht durch die Anhäufung von Reformen in verschiedenen Bereichen erreicht, es braucht auch eine Richtung und Orientierung, die nicht als Wahrheit zu verstehen ist, sondern als Ergebnis von Verhandlungen zwischen emanzipatorischen Bewegungen. Es besteht bereits eine Vielzahl von Ideen, die zum Konzept der freien Kooperation Bezüge aufweisen und die in eine interessante Diskussion miteinander gebracht werden könnten. Diese Diskussion ist entscheidend, weil diese Form des Dialogs zwischen unterschiedlichen Ideen, Menschen und Gruppen notwendig ist, um Koalitionen aufzubauen – und genau die brauchen wir heutzutage.