I’M FIRED (IMF) auf der Virtual Manifesta
Marina GrzinicI’M FIRED (IMF), der Titel des Projekts von Oliver Ressler, kann ohne große geistige Anstrengung und ohne viel Phantasie als Spielchen mit den Initialen des International Monetary Fund (Internationalen Währungsfonds) gelesen werden. Zunächst könnte man Resslers IMF in bezug auf den realen und übermächtigen IMF bloß als effektvolles Sprachspiel betrachten, doch bei der Lektüre der Web-Seiten des Projekts (www.virtualmanifesta.com) wird man erkennen, daß alle Verknüpfungspunkte mehr als bloß beabsichtigt sind: sie sind strategisch positioniert.
Aber alles der Reihe nach: Ursprünglich schlug Oliver Ressler das IMF-Projekt, das jetzt im WWW als wesentlicher Teil des Virtual-Manifesta-Site zu sehen ist, für das reale Manifesta-2000-Ausstellungsprojekt in Laibach (Juni bis September 2000) vor. Die Manifesta ist eine zweijährlich stattfindende Kunstmesse, auf der Arbeiten jener gezeigt werden, die zu dem gehören, was als Neue europäische Gemeinschaft ausgewählter junger und erfolgreicher Künstler gilt. Obwohl das Projekt von einem Mitglied des Kuratoren-Teams der Manifesta 2000, Ole Bouman, geschätzt und unterstützt wurde, lehnten es die übrigen drei Kuratoren (Bonami, Hlavajova, Rhomberg) letzten Endes ab. Bouman setzte sich vehement für Resslers Projekt ein, doch vergebens, er wurde überstimmt. Daraufhin stellte Ole Bouman das Web-Projekt Virtual Manifesta auf die Beine, um diese internen Auseinandersetzungen publik zu machen. Auf diesen Web-Seiten werden neben Resslers IMF auch noch einige andere Projekte präsentiert, die, wäre es nach ihm, Bouman, gegangen, bei der echten Manifesta dabeigewesen wären. Doch aufgrund der Auswahlkriterien und der Arbeitsweise des Kuratoren-Teams gelang es Bouman nicht, diese Projekte vorzustellen, für sie Lobbying zu betreiben, sie in die Manifesta hineinzubringen und sie dort zu präsentieren.
Wir können zumindest zwei Dinge von Resslers IMF – und anderen Arbeiten der Virtual Manifesta – lernen: Dieses Projekt steht stellvertretend für alle anderen vom Kuratoren-Team der Manifesta abgelehnten Arbeiten, und es macht den bei der Auswahl der Künstler und der Werke ablaufenden internen, undurchsichtigen Prozeß der Entscheidungsfindung transparent. Ole Bouman realisierte das Web-Projekt Virtual Manifesta als Reaktion auf, wie er sagte, Widersprüche und Unterschiede zwischen den Ansichten der vier Kuratoren.
Was nun die Virtual Manifesta selbst betrifft, vertrete ich die Meinung, daß es wichtig ist, daß solch ein Projekt verwirklicht und schließlich auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, doch das Problem besteht darin, daß die virtuelle Manifesta nach der realen ihre Pforten öffnete. Die Virtual Manifesta kommt zu spät beziehungsweise spielt in Echtzeit mit dem Element der Verzögerung. Nichtsdestoweniger bleibt sie ein Emblem für die Bedingungen, unter denen solche globalen Schauen produziert werden, und sie trägt zumindest dazu bei, daß der Prozeß, der zur Entstehung derartiger Projekte in der aktuellen globalen Situation des Kunstkapitals führt, lesbar wird. Die Virtual Manifesta öffnet uns die Augen dafür, wie intensiv und wie weit der Verhandlungsprozeß geführt werden muß und wie viele der Prinzipien von Kritikern und Kuratoren „gegessen“ werden müssen, um das Rad des Kunstkapitalismus und des Kunstmarktes im Laufen zu halten. Erfolgreiche Projekte werden verlangt, wobei „erfolgreich“ in den meisten Fällen nichts weiter bedeutet als – eine abstrakte Positionierung.
Sie wundern sich noch immer, daß Resslers IMF-Projekt nicht akzeptiert wurde? Selbstverständlich könnte der Grund dafür einfach darin gelegen haben, daß bereits genug Projekte für diese Kunstmesse ausgewählt worden waren und Resslers Arbeit den Rahmen der Manifesta gesprengt hätte. Womit wir bei einem anderen Charakteristikum solcher Shows wären: Alles kann für alles stehen, Maßstab sind nicht Qualität und kritische Re-Formulierung der Position von Kunst, sondern der reine Austausch. Das ist die Arbeitsweise des Kapitals, es tauscht alles gegen alles zum Zweck eines abstrakten Verkehrs, dessen Funktion nicht ästhetischer, sondern narkotisierender Natur ist.
Ausgezeichnet ist Oliver Resslers Arbeit in der Hinsicht, daß sie sehr genau die Verbindungen zwischen Kunst, Kapital und Weltwirtschaft (von der die Politik gesteuert wird) darstellt. Doch eines nach dem anderen. Resslers Projekt erörtert den traumatischsten Aspekt des Balkans – das sogenannte Instrument, den Schlüssel, den Motor, der den Balkan-Krieg verursachte. Laibach und Slowenien gehören sicher nicht mehr zum Balkan, aber sie sind der ideale Ort, um über den Balkan und den Jugoslawien-Konflikt von einem anderen Ansatz ausgehend nachzudenken. Slowenien steht am Scheideweg. Unterbreitet jemand ein Projekt für die Manifesta in Laibach, kann er nicht umhin, sich mit den Bedingungen der Kunst- und Kulturproduktion auseinanderzusetzen: Slowenien war ein Teil von Jugoslawien – und des Krieges, der sich in dieser Balkan-Region ausbreitete. Ressler wählte den direkten Weg, er gehört nicht zur großen Gruppe derer, für die der Balkan-Krieg noch immer ein Krieg zwischen Völkern Ex-Jugoslawiens ist. – So leicht macht man es sich: Man beruhigt das Gewissen der Westeuropäer, indem man ihnen einfach sagt, das entwickelte Europa habe mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien nichts zu tun. Resslers tiefgehende Recherche-Arbeit stellt einen Zusammenhang zwischen der Strategie, die der Internationale Währungsfonds Ende der achtziger Jahre verfolgte, und der Jugoslawien-Krise her. Oliver Ressler erklärt dem Leser seines Projekts – man muß Resslers IMF lesen, will man in dieser Arbeit vorankommen –, daß es einen starken Konnex zwischen IMF, Marktkolonialisierung, Eskalation der Diplomatie, Globalisierung der Armut, passiver Privatisierung und dem Rückzug des Staates aus vielen Bereichen gibt. Die „Therapie“ des Internationalen Währungsfonds (alle Wortprägungen sind Resslers ausgezeichnetem Vokabular entnommen) und die ersten gesellschaftspolitischen Unruhen in Jugoslawien sind im Kern miteinander verknüpft. Und dieser Umstand führt uns über das Paradigma der „geisteskranken Slawen“, die einander bekämpfen und umbringen aus reiner Lust am Morden, hinaus. Die Slawen werden noch Jahrzehnte auf „Schindlers Liste“ warten müssen.
Oliver Ressler trieb den Interpretationsprozeß so schnell voran, daß ebendiese globale Kapitalstruktur (die auch Teil des Manifesta-Backgrounds ist) letzten Endes ihn selbst ausradierte. Ressler wurde gefeuert, weil er zu genau und zu direkt war. Er mußte am eigenen Leib (und mit seiner eigenen Arbeit) erfahren, daß im Goldenen Dreieck des Kapitals – global-multikulturell-spirituell, was die Manifesta ja unbestreitbar alles ist – der postpolitische Diskurs nicht als Widerstreit zwischen ideologisch global und ideologisch national ausgerichteten Lagern gesehen werden darf, sondern als abstrakte Zusammenarbeit.
Multikulturalismus ist die kulturelle Logik des globalen Kapitalismus, so wie der neue Spiritualismus seine Ideologie ist; Multikulturalismus handelt von abstrakter Vermehrung (wie uns die Manifesta lehrte); waren auf der Manifesta die Arbeiten inhaltlich radikal, wurden sie im Stadtgebiet von Laibach in Galerien und Museen so plaziert, daß sie uns nicht in geistige Aufruhr versetzen konnten. Exzellente Arbeiten in schwer zugänglichen Winkeln und Kabinetten ohne Möglichkeit, sie wirklich zu betrachten…
Der globale Kapitalismus braucht spezielle Persönlichkeiten mit unkritischer Geisteshaltung, die zueinander in einem Verhältnis der abstrakten Zusammenarbeit stehen. Wie Jacques Rancière in seiner Theorie des Post-Politischen entwickelt hat, geht es um die Zusammenarbeit von aufgeklärten Technokraten (Ökonomen, Rechtsanwälten, Meinungsforschern) mit liberalen Multikulturalisten. In einer absolut abstrahierten Lesart war die Manifesta 3 die internationale Legitimierung einheimischer aufgeklärter Technokraten des Post-Sozialismus durch internationale Multikulturalisten. Oliver Ressler, der uns einen ähnlichen Mechanismus bis ins Detail erklärte, hätte nicht überrascht sein dürfen, er mußte gefeuert werden, damit der abstrakte Mechanismus des globalen Kapitals weiter reibungslos funktionieren konnte.
aus: Eikon Nr. 34, 2001