Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Passt Kunst für die politische Argumentation?

Interview by Julia Lazarus

Julia Lazarus: Deine Arbeiten sind oft sehr dokumentarisch und auf den politischen Kontext bezogen, woraus sich die Frage ergibt, in wieweit sich der Kunstraum zur politischen Argumentation eignet. Wieso hast du dich dazu entschieden, in dieser Form zu agieren?

Oliver Ressler: Ich arbeite seit 1994 aus dem Kunstfeld heraus an einer politischen Kunstpraxis, und nütze das Kunstfeld, um von dort ausgehend politische Inhalte auch in andere öffentliche, mediale Räume zu transferieren. Bei meinen Projekten ist es nie ausschließlich so, dass ein Projekt “nur” eine Ausstellung ist, sondern die Projekte haben verschiedene Ebenen, Distributionsformen und adressieren auch ganz unterschiedliche Öffentlichkeiten.

Ob man die Arbeiten dokumentarisch ansehen oder beschreiben kann? Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Es ist auf jeden Fall so, dass manche Arbeiten sehr bewußt mit formalen Methoden, die auch von DokumentarfilmerInnen angewandt werden, arbeiten. Es sind trotzdem immer noch “künstlerische Arbeiten”, da diese im Rahmen von Rauminstallationen im Kunstkontext realisiert werden und die dokumentarischen Ebenen auch immer wieder durch andere Elemente gebrochen werden, die zumindest im herkömmlichen Dokumentarfilm nicht auftauchen würden.

Julia Lazarus: Wie hat sich das ergeben, dass du politische Inhalte in deine künstlerische Arbeit aufgenommen hast? Ingo Günther meinte zu diesem Thema etwa, dass er die Rolle des/der KünstlerIn als die einer/eines InformantIn definiert.

Oliver Ressler: Ich habe keinen Hintergrund als ausgebildeter Journalist, sondern habe eine traditionelle Ausbildung als Künstler an der Hochschule für Angewandte Kunst durchlaufen. Ich bin eher aus der Unzufriedenheit mit dieser Ausbildung und der Situation, die man in Kunsthochschulen vorfindet, zu einer – an der dortigen Ausbildung gemessenen – anderen Praxis gelangt.

Das Verbindende zu einer journalistischen Praxis ist, dass der Realisierung eines Arbeitsvorhabens eine gewisse Zeit der Recherche vorangeht. Dabei greife ich auf diverse Hilfsmittel und Quellen zurück, auf die ein Journalist mit einer ähnlichen Intention vielleicht auch zurückgreifen würde. Außerdem gibt es inhaltliche Überschneidungspunkte mit dem kritischen, linken Journalismus. Meine Arbeit grenzt sich jedoch klar vom dominierenden Journalismus ab, der den jeweiligen tagespolitisch aktuellen Themen hinterherhechelt. Die Themen, mit denen ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe, bleiben Jahre oder sogar Jahrzehnte hindurch aktuell.

Julia Lazarus: Wie kommst du zu diesem Themen?

Oliver Ressler: Ich habe im Prinzip in den letzten Jahren zu drei großen Themenbereichen gearbeitet. Das ist einerseits Ökonomie, also etwa das Globalisierungsprojekt “The Gobal 500“. Weiters war als Ausgangspunkt für Projekte das Thema Gentechnologie von Bedeutung, wobei am Ende dabei auch ein Video wie “Die Rote Zora” entstehen kann. Diese Gruppe hat auf Gentechnologie-Konzerne oder Forschungsinstitute Anschläge verübt, das Video selbst handelt aber mehr von Widerstandspraktiken bzw. deren Kriminalisierung als von Gentechnologie. Das dritte Thema ist Rassismus, zu dem ich seit 1995 vier Projekte mit Martin Krenn realisiert habe. Diese Themen interessieren mich schon lange und ich habe mich schon damit auseinandergesetzt, bevor ich den Versuch begonnen habe, diese künstlerisch zu thematisieren. Diese Themen haben sich jedenfalls als zentraler Fixpunkt meiner künstlerischen Praxis etabliert.

Julia Lazarus: Du bringst diese Themen aber auch in einen Kunstkontext. Gibt es dafür einen konkreten Grund, dass du gerade dieses Feld gewählt hast?

Oliver Ressler: Dafür gibt es verschiedene Gründe, die von Arbeit zu Arbeit variieren können. Ich habe beispielsweise 1997 ein Projekt mit Martin Krenn zu staatlichem Rassismus realisiert, bei dem auf diese Form des Rassismus in einem Plakatobjekt vor der Wiener Staatsoper anhand von Schubhaft exemplarisch hingewiesen wurde.

Dieses Projekt hätte in dieser Form ohne den Bezug auf Kunst an diesem Ort so nicht stattfinden können. Es wäre nicht möglich gewesen, die dafür notwendigen Genehmigungen zu bekommen, weil ein Objekt dieser Größe im öffentlichen Raum die verschiedenen Instanzen der Stadt Wien und der Polizei zur Genehmigung durchlaufen muß. Das war ein Vorteil, dass wir als Künstler das Plakatobjekt als Kunstwerk einreichen konnten. Bei dieser Arbeit stellte das Kunstfeld also eine Grundvoraussetzung für deren Realisierung dar.

In anderen Fällen wird das künstlerische Feld dazu benutzt, verschiedene Themen zu lancieren, die vielleicht in weiterer Folge über eine mediale Besprechung thematisiert werden, und vielleicht auch an Orten, an denen sie ansonsten wohl kaum thematisiert werden würden. Zum Beispiel eine radikale Kritik an Globalisierungsprozessen, die auch eine explizite Kritik an kapitalistischen Akkumulationsprozessen beinhaltet. So etwas fände im Wirtschaftsteil des “Standards” wohl kaum Platz, im Rahmen der Besprechung eines kritischen Kunstprojekts würde so eine Thematisierung zumindest im Bereich des Möglichen liegen.

Julia Lazarus: Der Kunstraum also auch als Raum, in dem man auch Themen behandeln kann, die vom herrschenden ökonomischen oder politischen Diskurs gar nicht aufgenommen werden?

Oliver Ressler: Ich sehe den Kunstraum als eine Displayform der Öffentlichmachung von Inhalten, die den Ausgangspunkt für weitere Veröffentlichungen darstellen kann und auch sollte. Pressearbeit ist daher für mich genauso Teil meiner künstlerischen Praxis wie z.B. die Herstellung von Fotografien. Für die Vermittlung der Inhalte ist das genauso bedeutend wie die Entscheidung für bestimmte künstlerische Mittel im Realisierungsprozess einer Arbeit.

Julia Lazarus: Konntest du schon mal eine derartige Verbindung bei einem der realisierten Projekte verfolgen, etwa dass eine Thematik als Folge auch z.B. vom Wirtschaftsteil des Standard aufgegriffen wurde?

Oliver Ressler: Es ist sehr oft der Fall, dass Inhalte von Medien, die an sich nichts mit Kunst zu tun haben, aufgegriffen werden, oder dass Tageszeitungen außerhalb der Kulturseiten darüber berichten. Da ist es gerade im Standard leicht möglich, dass man etwa mit seiner Arbeit im Lokalteil oder im Chronikteil landet, während es auf den Kulturseiten dafür nur wenig Platz zu geben scheint.

In der konservativen Wochenzeitung “The Calgery Straight” wurde anläßlich der Ausstellung von “The global 500″ in Kanada das Projekt aufgrund seiner anti-kapitalistischen Ausrichtung verrissen. Zumindest wurden in dem Text aber auch inhaltliche Ansätze transportiert, was in einer durch den Erdölhandel extrem reich gewordenen Stadt wie Calgery, in der kapitalistische Akkumulationsprinzipien kaum hinterfragt werden, auch einmal ganz gut ist.

Julia Lazarus: Das Projekt “Globalisierung” beinhaltet ja auch, dass die Nationalstaaten einen Teil ihrer Kompetenz abgeben. Wie siehst du das, vor allem in Bezug auf dein hier ausgestelltes Projekt “The global 500″?

Oliver Ressler: Einerseits sitzen die VertreterInnen der Nationalstaaten in den internationalen Handelsorganisationen, wie etwa dem IWF, der Weltbank oder der WTO. Die VertreterInnen der Staaten unterstützen dort jedoch oft eine Richtung, die die Nationalstaaten zugunsten transnational agierender Konzerne schwächt. So hat es 1998 Verhandlungen zum berüchtigten MAI Abkommen (Multilateral Agreement on Investment) gegeben, das zum Glück gerade noch verhindert werden konnte. Darin wäre etwa ein Klagerecht von Konzernen gegen Nationalstaaten verankert worden, wenn sie durch nationalstaatliche Regelungen ihre ökonomische Interessen behindert sehen. Im Falle strenger Arbeitsschutzgesetze oder Umweltauflagen hätte ein Konzern somit die Möglichkeit gehabt, den betreffenden Staat auf die Aufhebung dieser Gesetze zu klagen. Dieses MAI Abkommen konnte zwar nicht durchgesetzt werden, trotzdem scheint unter verschiedenen Deckmäntelchen von internationalen Handelsorganisationen weiter in diese Richtung verhandelt zu werden.

Julia Lazarus: Das ist aber nicht unbedingt im Interesse einzelner Staaten?

Oliver Ressler: Es gibt dabei eine gewisse Entkoppelung von der demokratischen Kontrolle. Um ihre Interessen durchzusetzen, haben Konzerne finanzkräftige Corporate Lobby-Groups gebildet, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Regierungen und deren VertreterInnen dazu zu bewegen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen alleine nach den Interessen und Vorstellungen der Konzerne durchzusetzen.

Julia Lazarus: Es wird ja auch oft damit argumentiert, dass, wenn es der Wirtschaft gut geht, es auch dem Menschen gutginge.

Oliver Ressler: Das ist natürlich eine sehr verkürzte und auch naive Ansicht. Die USA verzeichnete in den letzten zehn Jahren unter Clinton das am längsten anhaltende Wirtschaftswachstum ihrer Geschichte, im selben Zeitraum ging aber auch die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Es gibt heute – nach dem Wirtschaftsboom – mehr Obdachlose, mehr Menschen mit geringem Einkommen und es gibt immer weniger Leute, die sich eine Krankenversicherung leisten können. Also selbst für die reichsten Staaten der Welt stimmt das Argument nicht. Es gibt also eine ganz klare Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und steigendem Lebensstandard für breite Bevölkerungsschichten, was sich auch in den Staaten der EU immer deutlicher abzeichnet.

Julia Lazarus: Kommt, z.B. in der EU, nicht auch erschwerend dazu, dass die Menschen ihre demokratischen Kontroll- und Mitbestimmungsmöglichkeiten immer mehr verlieren?

Oliver Ressler: Klar, die EU-Kommission etwa wird ja nicht demokratisch gewählt, sondern nominiert – und ist dabei eine entscheidendere Instanz als das Europäische Parlament, deren RepräsentantInnen wenigstens gewählt werden, auch wenn zu diesen Wahlen niemand geht.

Julia Lazarus: Möchtest du im Bereich Globalisierung mit deinen künstlerischen Arbeiten auch zu Aktivismus anregen?

Oliver Ressler: Bei der Arbeit “The Global 500″ war es mir ein Anliegen, interessante Personen zu versammeln, die in einem Video komplexe Fragestellungen zum Thema transnationaler Konzerne diskutieren. Diese Personen stammen alle aus einem linken Spektrum, etwa im Falle des Gewerkschafters der “Teamster Union”, der im UPS-Streik als Campaign Manager aktiv war, spielt da Aktivismus auch eine große Rolle. Die anderen vertretenen Positionen sind im hegemonialen, medial dominierenden Diskurs nur marginal vertreten. Es war mir also ein zentrales Anliegen, mit dieser Arbeit auch Meinungen und Standpunkte in Bereichen, wo ich als Künstler Zutritt habe, öffentlich zu machen. Es ist natürlich nicht so, dass diese Leute keine Plattformen hätten, ich stelle nur eine ergänzende, alternative Plattform zur Verfügung, die auch die unterschiedlichen Zugangsweisen der befragten Personen auf sehr komprimierte Weise sichtbar macht. Das Projekt selbst funktioniert als Wanderausstellung, die bereits in sechs Staaten realisiert wurde und dadurch auch eine breite Rezeption direkt über die Ausstellungen oder über die mediale Berichterstattung erfahren hat.

Das Interview wurde im Dezember 2000 im Rahmen von World-Information.Org geführt.