Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Occupy, Resist, Produce

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Eine 4-Kanal Videoinstallation von Dario Azzellini und Oliver Ressler
131 min. (gesamt)
2014 – 2018

Die Wirtschaftskrise, die 2007-8 begann, führte zu massiven Entlassungen und hat tausende von Arbeiter_innen zurückgelassen, die sich nur wenig Hoffnung auf einen neuen Job machen konnten. Deren Antwort bringt Arbeiter_innenkontrolle zurück auf die Agenda in Europa. In den Jahren davor war die Besetzung und Rückeroberung von Fabriken ein Phänomen, das fast ausschließlich in Lateinamerika vorkam.

In den meisten Fällen beginnt eine Besetzung nicht als absichtsvoller Schritt hin zu einer Arbeiter_innenkontrolle, sondern ist ein Mittel des Arbeitskampfes, um die Schließung einer Produktionsstätte oder eines Unternehmens oder die Produktionsverlagerung in ein anderes Land zu verhindern. Diese Kämpfe werden oft ohne konkretes Ergebnis beendet. „Occupy, Resist, Produce“ fokussiert auf die seltenen Fälle von gut organisierten Fabrikbesetzungen in Europa, die das Ziel haben, die Produktion unter die Kontrolle der Arbeiter_innen zu bringen. Die Arbeiter_innen kämpfen nicht nur, sie übernehmen die Initiative und werden zu Protagonist_innen, etablieren horizontale Beziehungen und übernehmen direktdemokratische und kollektive Mechanismen der Entscheidungsfindung. Die rückeroberten Arbeitsstätten erfinden sich oft selbst wieder, etablieren Verbindungen mit lokalen Communities und sozialen Bewegungen.

Die 4-Kanal Videoinstallation „Occupy, Resist, Produce“ besteht aus vier Filmen über besetzte Fabriken in Mailand, Rom, Thessaloniki und Gémenos (in der Nähe Marseilles). In diesen Fällen fanden die Arbeiter_innen Wege, Arbeit unter ihrer Kontrolle zu organisieren. Jeder Film basiert auf einem Gespräch mit einer Gruppe von Arbeiter_innen. Außerdem werden in allen Filmen die Versammlungen, die die Entscheidungsfindungsgremien der Arbeiter_innen sind, aufgenommen. Es ist bedeutsam, die Unterschiede zwischen den Situationen, Kontexten und Praxen der vier Fabriken unter Arbeiter_innenkontrolle anzuerkennen. Ebenso wichtig ist es, Arbeiter_innenkontrolle oder die Rückeroberung von Arbeitsstätten als gesellschaftspolitische Aktion und nicht ausschließlich als ökonomischen Vorgang zu verstehen.

Maflow, eine transnationalen Fahrzeugteilfabrik in Mailand, wurde 2009 aufgrund betrügerischer Insolvenz geschlossen. Arbeiter_innen begannen einen Kampf, um die Fabrik wiederzueröffnen und unter Arbeiter_innenkontrolle zu stellen. 2013 besetzten sie die Fabrik und zwanzig Arbeiter_innen haben sich seither hauptberuflich dem Projekt gewidmet, sich selbst und die Fabrik, die sie in RiMaflow umbenannten, vollkommen neu erfunden.

Sie haben ein Konzept einer “offenen Fabrik” entwickelt und begonnen, Computer und elektronische Haushaltsgeräte wiederzuverwerten, öffneten eine Bar und Cafeteria, organisierten einen Flohmarkt und kulturelle Aktivitäten mit der Nachbarschaft. Sie bilden auch Allianzen mit ansässigen Bio-Bäuer_innen und haben eine Gruppe für solidarisches Einkaufen ins Leben gerufen.

Officine Zero war ehemals ein Werk für Wartungsarbeiten von Schlafwägen der italienischen Eisenbahn. Als die italienische Eisenbahn im Dezember 2011 den Betrieb von Schlafwägen einstellte, schloss das Unternehmen. 20 Arbeiter_innen der ursprünglichen Belegschaft von 60 Arbeiter_innen haben sich geweigert, die Schließung zu akzeptieren. Im Februar 2012 haben sie ihre Arbeitsstätte besetzt. 2013 wurde Officine Zero offiziell als ökosoziale Fabrik gegründet. Officine Zero heißt wörtlich „Null Werkstätte“, aus dem sich ihr Slogan „Keine Bosse, keine Ausbeutung, keine Verschmutzung“ ableitet. In einem halben Duzend Werkstätten für Schreinerei, Polsterungen, Metallarbeit und allgemeinen Reparaturen fokussieren die Arbeiter_innen von Officine Zero hauptsächlich auf die Reparatur und Recycling von Haushaltsgeräten, Computer und Möbel. Das kollektive Projekt zielt darauf ab, das Werk in ein Wiederverwendungszentrum und Recycling Center zu verwandeln.

Die Fabrik Vio.Me. in Thessaloniki produzierte früher industriellen Kleber, Dämmstoffe und andere chemisch produzierte Baumaterialien. 2010 gaben die Arbeiter_innen ihr Einverständnis, alle vier bis sechs Wochen in unbezahlten Urlaub geschickt zu werden. Als die Besitzerin im Juli 2011 schließlich die Lohnauszahlung einstellte, beschlossen die Arbeiter_innen, die Fabrik zu besetzen und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu legen. Im Februar 2013 begann Vio.Me. mit der Produktion von biologischen Reinigungsutensilien und Seife. Die Arbeiter_innen gründeten eine Kooperative, um rechtlich abgesichert zu sein. Allerdings sehen die Arbeiter_innen die Fabrik nicht als ihren Besitz, sondern als Gemeingut, das den Zweck hat, der Gemeinschaft zu dienen. Vio.Me. hat sogenannte „solidarische Unterstützer_innen“, die für einen monatlichen Beitrag Produkte der Firma erhalten. Die Gruppe der Unterstützer_innen hilft auch bei der Mobilisierung der Arbeiter_innen.

Scop Ti liegt in Gémenos in der Nähe von Marseille. Die Fabrik gehörte zu Lipton (Unilever) und produzierte Kräuter- und Früchtetees und die 120 Jahre alte französische Marke Thé de l’Éléphant. In September 2010 schloss Unilever die Fabrik und kündigte 182 Arbeiter_innen. Die Werktätigen besetzten sofort die Anlage. Der Arbeitskampf basierte auf Produktion, öffentlichem Protest, einer Solidaritätskampagne und einem Rechtsstreit gegen Unilever. Im Mai 2014 willigte Unilever ein, die Anlage mitsamt den Maschinen den Arbeiter_innen zu überlassen; außerdem mussten sie eine hohe finanzielle Entschädigung bezahlen, die es den Arbeiter_innen ermöglichte, ihre eigenen Kooperative zu gründen und die Produktion wiederaufzunehmen. Scop Tis Hauptmarke ist „1336“, was sich auf die Anzahl der Tage bezieht, die der Arbeitskampf andauerte. Existierende Einkommensunterschiede wurden fast komplett abgebaut.

Für die Zukunft ist es geplant, weitere Filme über besetzte Fabriken zu realisieren und die Videoinstallation um neue Arbeitskämpfe zu erweitern.

 

Occupy, Resist, Produce – RiMaflow, 34 min., 2014

Regie und Produktion: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Kamera: Thomas Parb
Weitere Kamera: Rudolf Gottsberger
Schnitt: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Sound-Design, Mischung und Farbkorrektur: Rudolf Gottsberger
Dank an Ines Doujak, Gigi Malabarba, Pina Toscano, Marina Sitrin, Bert Theis
Das Projekt wurde in Teilen durch den Austrian Science Fund (FWF) AR 183-G21 gefördert.

 

Occupy, Resist, Produce – Officine Zero, 33 min., 2015

Regie und Produktion: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Kamera: Thomas Parb
Weitere Kamera: Bernhard Mayr
Schnitt: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Sound-Design, Mischung und Farbkorrektur: Rudolf Gottsberger
Dank an Alioscia Castronuovo, Elisa Gigliarelli, Francesco Raparelli und Marina Sitrin
Das Projekt wurde in Teilen durch den Austrian Science Fund (FWF) AR 183-G21 gefördert. Co-Produktion: Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)

 

Occupy, Resist, Produce – Vio.Me., 30 min., 2015

Regie und Produktion: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Kamera: Thomas Parb
Weitere Kamera: Rudolf Gottsberger
Schnitt: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Sound-Design, Mischung und Farbkorrektur: Rudolf Gottsberger
Dank an Theodoros Karyotis, Marina Sitrin, Manos Cizek
Footage: Giannis Girbas Videoclip: Social Waste. Gefilmt von Manos Cizek, Regie: Dimitra Karyotaki.
Das Projekt wurde in Teilen von the BKA, Centro Andaluz de Arte Contemporáneo – CAAC, Aktion Selbstbesteuerung und Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

 

Occupy, Resist, Produce – Scop Ti, 34 min., 2018 (Ausschnitt)

Regie und Produktion: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Kamera: Thomas Parb
Weitere Kamera und Ton am Drehort: Rudolf Gottsberger
Schnitt: Dario Azzellini und Oliver Ressler
Sound-Design, Mischung und Farbkorrektur: Rudolf Gottsberger
Dank an Sebastian Baden, Monica Berini, Florent Berlioux, Benoît Borrits, Gérard Cazorla, Laura Coppens, Erik Forman, Matthew Hyland, Birgit Mennel, Hanna Schmollgruber, Lars Stubbe, und allen Arbeiter_innen von Scop Ti.
Das Projekt wurde gefördert von: Kunsthalle Mannheim, BKA – Kunstsektion, DIE LINKE im Europäischen Parlament, Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt und Rosa Luxemburg Stiftung.