Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Partizipative Ökonomie

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Woods Hole, USA, 37 Min., 2003

Mein Name ist Michael Albert, ich lebe in den Vereinigten Staaten und arbeite bei Z Magazine und ZNet, einer Website. Daneben bin ich Co-Autor und Vertreter einer ökonomischen Vision, die sich partizipative Ökonomie oder kurz „Parecon“ nennt.

Partizipative Ökonomie ist eine Alternative zum Kapitalismus, die auf wenigen zentralen Werten und Institutionen basiert: Gleichheit, Solidarität, Vielfalt und Selbstverwaltung.

Gleichheit bezieht sich darauf, wie viel wir für unsere Arbeit erhalten. Die Norm ist, dass wir für unsere Anstrengung entlohnt werden sollten, nicht für Eigentum oder Verhandlungsmacht. Der Begriff der Solidarität beinhaltet, dass sich die Menschen umeinander kümmern und aus der Gemeinschaft Nutzen ziehen können, statt miteinander zu konkurrieren und sich gegenseitig niederzutrampeln. Mehr Solidarität ist besser als weniger. Bei Vielfalt geht es um die Auswahl, die wir haben; mehrere Optionen sind besser als Homogenisierung und Reduktion der Auswahlmöglichkeiten. Selbstverwaltung hat mit dem Ausmaß der Kontrolle zu tun, die wir über unser eigenes Leben ausüben, dem Maß der Entscheidungsautonomie bei Sachverhalten, von denen wir betroffen sind.

Die Entwicklung einer wirtschaftlichen Vision bedeutet für mich, sich Institutionen auszudenken, die Produktion, Konsum und Allokation auf eine Art ermöglichen, die Gleichheit, Solidarität, Vielfalt und Selbstverwaltung erhöhen statt verringern.

Zum Beispiel ArbeiterInnen- und KonsumentInnen-Räte sind direktdemokratische Mittel, mit denen die Menschen ihre Präferenzen entwickeln, organisieren und zum Ausdruck bringen können. In diesen Räten kommen selbstverwaltete Methoden der Entscheidungsfindung zur Anwendung, um zu bestimmen, wie viel und was produziert und konsumiert werden soll.

Die Idee der ausgewogenen Arbeitsbündel (balanced job complexes) ist die Überwindung der üblichen Arbeitsteilung. Anstatt die befriedigenden und verantwortungsvollen Aufgaben auf wenige und die untergeordneten und Routinearbeiten auf die Mehrheit der Beschäftigten zu verteilen, schlage ich eine gerechtere Arbeitsteilung vor. Idealerweise teilen wir Arbeitsaufgaben und Verantwortungen so auf, dass alle einen fairen Anteil an ermüdender Routinearbeit und als Ausgleich dazu angenehmere Tätigkeiten übernehmen. Das sollte dazu führen, dass nicht 20 Prozent der Leute die erfüllenden Arbeiten monopolisieren und 80 Prozent mit den Routinearbeiten enden – eine Klassenspaltung, in der die erste Gruppe die KoordinatorInnenklasse darstellt, und die zweite die ArbeiterInnenklasse. Dessen entledigen wir uns durch ausgewogene Arbeitsbündel, die allen Arbeiten geben, die sie in ähnlichem Ausmaß ermächtigen.

Darüber hinaus soll das Ausmaß der Anstrengung die Bezahlung bestimmen. Das Einkommen bemisst sich nach dem Zeitaufwand, der Schwere und der verursachten Ermüdung der Arbeit.

Kommen wir zum Problem der Allokation. Wie wird entschieden, was und wie viel produziert wird? Die typische Prozedur dafür in den USA sind Märkte, in der Sowjetunion war es die zentrale Planung. Partizipative Ökonomie lehnt beides ab und schlägt stattdessen partizipative Planung vor. Die zentralen Elemente dieses Modells sind ArbeiterInnen- und KonsumentInnen-Räte, selbstverwaltete Entscheidungsfindung, Bezahlung nach Anstrengung, ausgewogene Arbeitsbündel und „partizipative Planung“. Das System, das sich daraus ergibt, ist eine Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum so genannten Sozialismus der Vergangenheit, der in Wahrheit eine Wirtschaft war, in der eine KoordinatorInnenklasse die Macht und alle mit Befehlen verbundenen Arbeiten für sich monopolisierte.

In jeder Wirtschaft üben die Leute ihre wirtschaftliche Aktivität, ihre Arbeit, aus. Diese Arbeit produziert einen Output, das Sozialprodukt. Die Frage ist, wie dieser Kuchen aufgeteilt wird, nach welchen Kriterien die Entlohnung erfolgen soll.

In manchen Wirtschaftssystemen ist eine der Normen, dass sich die Entlohnung nach dem Eigentum richten soll, das jemand besitzt, nach dem Produkt, das aus diesem Eigentum resultiert, das Profit genannt wird. Ich weise diese Idee zurück. Für mich macht das keinen Sinn, und ich lehne es ab, da dieses Prinzip ökonomisch nicht notwendig ist und zudem eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten herbeiführt. Eine andere Einstellung, die sowohl von der Harvard Business School als auch von den meisten Kriminellen vertreten wird, ist, dass wir haben sollen, was wir uns gewaltsam aneignen können – eine Art Hooligan-Zugang zur Verteilungsfrage. Wir verhandeln und nutzen unsere Macht, um mehr zu bekommen. Die Norm ist hier also, dass wir gemäß unserer Macht entlohnt werden sollten. Auch dieses Prinzip ist weder ökonomisch erforderlich noch moralisch vertretbar.

Das dritte mögliche Kriterium ist die Entlohnung entsprechend der Arbeitsanstrengung einer Person. Diese Norm scheint auf den ersten Blick wünschenswerter. Doch impliziert sie zum Beispiel, dass Michael Jordan, zu der Zeit als die Chicago Bulls Jahr für Jahr die US-Basketballmeisterschaft gewannen, jedes Jahr Millionen Dollar für seine Arbeit erhalten sollte. Und zwar, weil sie von der Gesellschaft so hoch geschätzt wurde. Es bereitete den Menschen Vergnügen, ihm bei seiner Tätigkeit zuzusehen. Ob das auch Sinn machte, ist irrelevant. Fest steht, dass Menschen sich daran erfreut und es sehr geschätzt haben. Aber denken wir deshalb, dass Leute wie Michael Jordan für ihr Glück in der „genetischen Lotterie“, wie man es nennen könnte, entlohnt werden sollten? Ich könnte von jetzt an bis ins Jahr 4042 trainieren und wäre nicht in der Lage, so Basketball zu spielen, wie Michael Jordan es tut, noch könnte ich lernen, wie Mozart zu komponieren usw. Jordan und Mozart wurden mit bestimmten Talenten geboren, die andere Menschen bewundern, die sich daran erfreuen und davon profitieren. Dass daraus ein Anspruch auf hohes Einkommen erwächst, ist allerdings nicht einzusehen.

Die bessere Ausstattung mit Hilfsmitteln und Werkzeugen, die zu höherer Produktivität führen, sollte ebenfalls keinen Einkommensvorsprung rechtfertigen. Die Entlohnung sollte in Relation zur Anstrengung stehen, die uns die Arbeit kostet. Arbeit, die anstrengt, länger dauert und intensiver ist, sollte zu mehr Lohn führen.

Was Entscheidungen betrifft: Man könnte wochenlang darüber philosophieren, wie Entscheidungen getroffen werden sollen, aber ich denke, es ist ganz einfach.

Wenn eine Entscheidung nur mich betrifft, zum Beispiel ob ich das Bild meiner Lebensgefährtin auf meinem Büroschreibtisch aufstellen darf, sollte ich sie allein treffen dürfen. Geht es darum, im Gemeinschaftsbüro ein Radio aufzustellen, dann sollten alle mitbestimmen, die davon betroffen sind. Alle Menschen sollten dem Maß ihrer Betroffenheit entsprechend an Beschlüssen beteiligt sein. Das ist die anzustrebende Idee, das ist Selbstverwaltung. Was das bedeutet, ist nicht im Allgemeinen festlegbar. In einigen Fällen kann das heißen, dass alle je eine Stimme haben und Mehrheitsabstimmungen durchzuführen sind. In anderen Fragen sollte eine Dreiviertelmehrheit erforderlich sein. Einige Belange werden konsensual zu lösen sein, andere autoritär. Es gibt viele unterschiedliche Situationen, und die jeweilige Regel sollte nur die Methode zur Erreichung des ultimativen Ziels sein – der Selbstverwaltung.

Der alte Entscheidungsmechanismus in Jugoslawien war weit von diesem Ideal entfernt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Selbstverwaltung die ursprüngliche Idee war. Die Arbeitenden sollten ihre Arbeitsplätze eigenständig kontrollieren. In der alten sowjetischen Verfassung findet sich ein ähnlicher Gedanke: Die Beschäftigten in den Fabriken sollten die höchste Instanz für Entscheidungen am Arbeitsplatz sein. Tatsächlich lag die Macht jedoch bei den zentralen PlanerInnen. In Jugoslawien schuf das Marktsystem, das für die Allokation zuständig war, eine Dynamik, die die Arbeitsteilung in der jugoslawischen Fabrik hervorbrachte. Es gab ein Management, Ingenieure und eine kleine Minderheit von Leuten, die ein Monopol auf die täglichen Entscheidungen und die ermächtigenden Arbeiten ausübten, die zu Wissen, Selbstvertrauen und Kenntnissen verhelfen, die für Beschlüsse und die Entwicklung von Plänen Voraussetzung sind. Daneben gab es die 80 Prozent der Bevölkerung, die den Tag mit repetitiven und ermüdenden Tätigkeiten verbrachten. Durch die Verfassung hatte diese Mehrheit der Beschäftigten zwar eine formale, aber keine reale Macht. Wenn die ArbeiterInnenräte in Jugoslawien schließlich zu Abstimmungen zusammenkamen, dominierten die 20 Prozent, die alles Wissen und Selbstvertrauen auf ihrer Seite hatten. Um wahre Selbstverwaltung und Klassenlosigkeit zu erlangen, muss diese Kluft überwunden werden. Das System der Selbstverwaltung setzt eine institutionelle Struktur voraus, die ein solches Modell der kollektiven Souveränität überhaupt möglich macht. Der Schlüssel dazu sind ausgewogene Arbeitsbündel und der Allokationsmodus.

Zuerst gilt es zu klären, was der Begriff „ausgewogene Arbeitsbündel“ bedeutet: Üblicherweise werden die verschiedenen Tätigkeiten in einem Betrieb auf verschiedene Jobs aufgeteilt. Ein Job ist eine Mischung aus Aufgaben, ein Bündel von Verantwortlichkeiten und Aufgaben. Durch die Kombination der Aufgaben kann man Hierarchien einrichten: An der Spitze sind die ermächtigenden Aufgaben – sie haben nicht nur Fähigkeiten und Wissen zur Voraussetzung, sondern liefern den Ausführenden auch Fähigkeiten und Wissen. Sie übertragen Selbstvertrauen und Kontrolle über die Vorgänge am Arbeitsplatz. Je tiefer man die Hierarchie hinuntergeht, desto routinierter und untergeordneter werden die Tätigkeiten, durch welche die ArbeiterInnen ihrer Potenziale und Talente beraubt werden.

In diesem Kontext wird die Gruppe am Fuße der hierarchischen Pyramide von der Spitze beherrscht – und das ist die Spaltung in koordinierende und arbeitende Klassen. Diese Teilung muss aufgehoben und durch ausgewogene Arbeitsbündel ersetzt werden. Jeder Job würde dann den gleichen Anteil ermächtigender und Routineaufgaben umfassen, wodurch alle ArbeiterInnen in die Lage versetzt würden, in den Räten über die gemeinsamen Aufgaben, die Tagesordnung und die anstehenden Probleme zu bestimmen. Niemand könnte die anderen dominieren, weil alle vergleichbare Aufgaben – im Hinblick auf ermächtigende Aspekte – haben.

Ein häufiger Einwand gegen dieses Modell ist, dass diese Arbeitsaufteilung eine Verschwendung der Zeit hochproduktiver und qualifizierter ArbeiterInnen verursachen würde. Wäre es für die Gesellschaft als Ganzes nicht gewinnbringender, wenn sich jeder darauf konzentriert, was er am besten kann? Die Antwort ist: Im Moment führt die gängige Arbeitsteilung dazu, dass bei 80 Prozent der Leute Fähigkeiten und Talente in der Arbeit vernichtet werden, während einige Genies sich entfalten können. Bei ausgewogenen Arbeitsbündeln würde aus allen das Beste herausgeholt werden.

Es wird in einer partizipativen Ökonomie vermutlich mehr Mozarts geben, dafür auf einem etwas niedrigeren Niveau. Wir werden diese Talente in mehr Menschen entdecken. Zudem fließt in einer Wirtschaft wie der jetzigen das kreativste Talent in den Verkauf von Waren, nicht in die Produktion von Kunstwerken, die erfreuen und zum Nachdenken anregen, sondern in die Herstellung manipulativer Bilder und Worte – wie etwa in der Werbung. Dorthin geht das meiste künstlerische Talent. In einer partizipativen Ökonomie verbringt jede talentierte Person eine gewisse Zeit damit, ihre Begabung nicht einzusetzen, dafür werden aber insgesamt mehr Talente entdeckt und diese werden für sinnvollere Zwecke eingesetzt.

Aber nehmen wir einen anderen Fall, etwa eine Chirurgin. Ist es vorstellbar, dass diese hochqualifizierte Spezialistin einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, die Betten zu machen? Die Antwort ist: ja. Erstens verbringen auch im Kapitalismus ChirurgInnen ihre Arbeitszeit nicht ausschließlich mit Operieren, sondern ebenso mit Golf spielen und mit dem Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz.

Aber auch wenn das nicht so wäre – wäre der Gewinn, den wir durch ausgewogene Arbeitsplätze erlangen würden, nämlich Gleichberechtigung und eine Beseitigung der Klassenspaltung, nicht den Verlust an Chirurgie-SpezialistInnen-Output wert? Außerdem wird mit jenen 80 Prozent der Bevölkerung, die vorher ausschließlich eintönige Arbeiten verrichteten, ein breiterer Pool möglicher ChirurgInnen erschlossen.

Um zu sehen, wie das funktioniert, muss man in Betracht ziehen, dass in den USA die American Medical Association eine Institution von ÄrztInnen ist. Sie existiert nicht, um die Gesundheitsfürsorge voranzubringen, sondern die Privilegien von ÄrztInnen zu verteidigen. Und das tut sie vor allem, indem sie andere daran hindert, die Talente und Fähigkeiten zu erwerben, um medizinische Arbeit zu leisten. Sie hindert KrankenpflegerInnen daran, mehr zu tun als die begrenzte Arbeit, die ihnen eine eingeschränkte Verhandlungsmacht verleiht, wodurch der Anteil der ÄrztInnen am Vermögen aus der Gesundheitsversorgung ungerecht hoch bleibt. Wenn wir also zu ausgewogenen Arbeitsbündeln wechseln, gewinnen wir nicht nur Gleichheit, Vielfalt und Solidarität sowie die Beseitigung diverser Übel, die aus der Klassenspaltung folgen; es würde auch die Gesamtproduktivität steigen, indem nämlich die produktiven Potenziale und Fähigkeiten jener 80 Prozent der Bevölkerung, die in einer Klassengesellschaft unterdrückt werden, freigesetzt werden würden.

Jenseits von Entlohnung und Arbeitsteilung muss jede Wirtschaft die Allokationsfrage lösen. Das ist der kompliziertere Teil der Wirtschaft. Es geht hier um die Bestimmung, wie viel Inputs jedes Unternehmen erhält, wie viel es damit produziert und wie das bewertet wird.

Die archetypischen wirtschaftlichen Allokationssysteme sind Märkte und zentrale Planung. Im Fall von Märkten konkurrieren KäuferInnen und AnbieterInnen untereinander. Sie versuchen, sich einen Vorteil zu verschaffen, und wenn der/die KäuferIn einen Vorteil erzielt, verliert der/die AnbieterIn. Das ist die Dynamik des Wettbewerbs. Beim Modell der zentralen Planung gibt es einen Planungsapparat, der die relativen Inputs und Outputs aller Einheiten bestimmt. Im Marktsystem ist es die Wettbewerbsdynamik zwischen AnbieterInnen und KäuferInnen, die zur Festlegung von Inputs und Outputs führt; in der geplanten Wirtschaft bestimmt der Befehl von oben. Partizipative Ökonomie hat ein anderes Allokationssystem – die partizipative Planung.

Beschäftigte in ArbeiterInnenräten, die Individuen, Gruppen und Branchen beinhalten, und KonsumentInnen in KonsumentInnenräten, die Einzelne und Gruppen von KonsumentInnen beinhalten, müssen zu wirtschaftlichen Entscheidungen kommen. Auf jeder der beiden Seiten muss es Verbände geben, da ein bedeutender Anteil des Konsums kollektiv erfolgt: zum Beispiel Parks, Straßen, Luft etc.

Zwischen den KonsumentInnen- und ArbeiterInnenräten muss es Kommunikation geben, die folgende Form hat: Ein zentraler Planer/eine zentrale Planerin gibt seine/ihre Instruktionen weiter, und alle melden zurück, ob sie die Vorgaben erfüllen können – ein autoritäres System. In einem Marktsystem schlägt im Wesentlichen jede/r AkteurIn vor, was er/sie tun möchte, und konkurriert im Versuch, so viel wie möglich für sich herauszuschlagen. Die EigentümerInnen versuchen ihren Profit zu maximieren, die Beschäftigten ihre Löhne und die KonsumentInnen versuchen so billig wie möglich zu kaufen und so weiter.

Bei partizipativer Planung hingegen schlagen die KonsumentInnen und die Beschäftigten ihre Pläne vor. Aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen sind beide Parteien in der Lage, die Vorhaben der anderen zu bewerten und zu verstehen. Es gibt dann eine zweite Runde, in der alle Seiten ihre Vorschläge im Lichte des Feedbacks der anderen überarbeiten, eine dritte und vierte Runde usw. Dieser Prozess ist eine bewusste kooperative Anstrengung zur Festlegung der Inputs und Outputs, ein kooperatives verhandelndes Planen aller Beteiligten.

Partizipative Planung bezieht die wahren sozialen Kosten und Nutzen mit ein und lässt die Beteiligten die Entscheidungen in dem Ausmaß beeinflussen, in dem sie von deren Konsequenzen betroffen sind. Das Endergebnis sollte dann mit den Wünschen aller Parteien übereinstimmen.

Was passiert, wenn die partizipative Ökonomie eines Landes neben der kapitalistischen Wirtschaft eines anderen existiert? Das kommt darauf an. Ist es ein relativ kleines Land, in dem das Konzept der partizipativen Ökonomie umgesetzt wurde, und steht diesem als kapitalistisches Land die USA gegenüber, so wird die USA alles daran setzen, das andere Land aufgrund der „Gefahr des guten Beispiels“ zu vernichten. Die USA werden verhindern wollen, dass eine alternative Gestaltung der Wirtschaft, die human und nutzenstiftend ist, Bedürfnisse befriedigt, Potenziale entwickelt und Werte fördert, der Welt als reale Möglichkeit vorgeführt wird. Wenn sich eine Bewegung dem Konzept der partizipativen Ökonomie nähert, sagen wir in Brasilien, Argentinien oder irgendeinem anderen Staat der Welt, wird es immensen internationalen Druck geben, diesem Prozess zu widerstehen und ihn umzudrehen, vor allem von den USA, Europa und anderen Industrieländern. Darum geht es beim Empire. Die Möglichkeit, diesem Druck entgegenzuarbeiten, liegt dann bei den Bevölkerungen in den USA, Europa etc. Organisationen in den reichen Zentren müssen durch ihre Solidaritätsarbeit die Niederschlagung alternativer Bewegungen in peripheren Ländern verhindern. Partizipative Ökonomie wird sich nicht in den USA oder Kuba oder Südafrika oder sonst wo in nächster Zeit durchsetzen. Es braucht Zeit. Aber welchen Sinn hat es dann, diese Vision für die Zukunft im Kopf zu behalten?

Eine Vision ist von entscheidender Bedeutung, um sich immer wieder vor Augen zu führen, dass die Probleme unserer Zeit – wie Krieg, wirtschaftliche Ausbeutung, allgemeine Armut – keine unverrückbaren Naturgesetze sind, zu denen es keine Alternative gibt. Wir brauchen eine bestechende Vision, die sich viele Leute mit der Zeit aneignen können, die Hoffnung und das Gefühl nährt, dass etwas Besseres möglich ist.

Viele Menschen zögern, sich einer Bewegung anzuschließen, wenn sie wenig Freizeit haben und das politische Engagement Mühsal und Risiken bedeutet; viele lassen sich entmutigen von der Ansicht, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg des Kampfes sehr gering ist und vielleicht wenig bewirkt, weil er vermutlich rasch zurückgeschlagen wird. Wenn ich aus Erfahrung das Gefühl habe, der Kapitalismus macht jeden kleinen Gewinn (Lohnerhöhung, Arbeitsbedingungen, Demokratie) wieder zunichte, warum sollte ich mich einer Bewegung anschließen, die genau diese Allmacht dieses Kapitalismus seit 30 Jahren kritisiert? Das sieht doch hoffnungslos aus.

Manche Leute rufen dazu auf, einfach aus Prinzip den Kampf aufzunehmen. Für viele ist das aber nicht motivierend genug. Sie wollen ihre Familien nicht gefährden. Deshalb brauchen wir eine Vision – um zu kommunizieren, dass es nicht bloß ums Prinzip geht, sondern um den Kampf für etwas Reales. Wir brauchen eine Strategie. Wir müssen den Menschen verständlich machen, dass ihre Beteiligung am Kampf ihnen unmittelbaren Nutzen bringt, der dauerhaft ist und in einer ganz neuen Welt endet. Es ist vor allem ein emotionales, psychologisches Motiv.

Eine Vision hat auch die Funktion, den Handlungen eine Orientierung zu bieten. Denn es besteht die Gefahr, für eine neue Welt zu kämpfen und schlussendlich einen Zustand herbeizuführen, der in dieser Art gar nicht gewünscht war. Das ist immer wieder passiert. Wir müssen also wissen, was wir erreichen wollen. Wenn wir etwa partizipative Ökonomie als Ziel haben, hat das Implikationen für die Organisation und Entwicklung der Bewegung; für die interne Arbeitsteilung wäre das zum Beispiel die Einrichtung ausgewogener Arbeitsbündel. Unser Aktivismus sollte zu jener Wirtschaft führen, die wir anstreben. Wir müssen darauf achten, keine bestehenden Hierarchien und Entlohnungsnormen zu reproduzieren. Wir sollten konkrete Alternativen zu den derzeitigen ungerechten internationalen Beziehungen erarbeiten, Forderungen an Organisationen wie IWF und Weltbank richten – mit der klaren Perspektive, wohin das führen soll. Keine Vision zu haben, ist wie zum Flughafen zu gehen, ohne zu wissen, wohin man fliegen will. Geld herzugeben und sich einfach irgendein Ticket ausstellen zu lassen, führt einen vermutlich an einen Ort, an welchem es unter Umständen noch schlechter ist. Dasselbe gilt für soziale Ziele.

Weitere Informationen: http://www.zmag.org/znet/topics/parecon