Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Sorgende Arbeit

Transkription eines Videos von O. Ressler, aufgenommen in Amherst, USA., 20 Min., 2003

Mein Name ist Nancy Folbre, ich bin eine feministische Ökonomin und widme
meine Forschungsarbeit dem Konzept der „Caring Labor”, wobei ich „Caring Labor” als Arbeit definiere, die eine Verbindung zu anderen Menschen beinhaltet. Dazu zählt das Bestreben, Menschen zu helfen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Weitere Formen sind die Versorgung von Kindern, alten oder kranken Menschen, sowie das Unterrichten. Diese Tätigkeiten sind teilweise bezahlt und teilweise unbezahlt. Caring Labor beinhaltet einige sehr wichtige Charakteristika, denen ÖkonomInnen nicht genügend Beachtung schenken und die wir besser verstehen sollten.

Was Caring Labor wirklich definiert, ist, dass sie gewöhnlich von Innen heraus motiviert wird. Menschen machen diese Arbeit aus anderen Gründen als nur für Geld, obwohl das oft damit verbunden ist. Man muss beispielsweise für die Arbeit bezahlt werden oder man tauscht die Pflege an einem Familienmitglied gegen einen Anteil des Einkommens eines anderen Familienmitgliedes. Dennoch denken wir bei Caring Labor immer an etwas, das ein bestimmtes Maß an Engagement, Verpflichtung oder Leidenschaft für die Person, die umsorgt wird, beinhaltet.

Diese innere Motivation ist ein wichtiger Faktor dessen, was Caring Labor so wertvoll macht und das hohe Maß an Qualität der geleisteten Arbeit sicherstellt. Es bedeutet aber auch, dass es einerseits sehr schwierig ist, Caring Labor in einem Markt zu organisieren, und andererseits, dass der Marktlohn, den man für Caring Labor bezahlt, meistens sehr niedrig ist. Historisch betrachtet haben Frauen einen Großteil der Caring Labor geleistet, und das gilt auch heute noch. Obwohl viele Menschen ganztags einer bezahlten Arbeit nachgehen, ist eine Vielzahl von Berufen mit der Sorge um andere Menschen verbunden. Viele dieser Arbeitsplätze weisen ein geringes Gehalt auf. Außerdem erklärt die Tatsache, dass meist Frauen in diesen Berufen arbeiten, teilweise auch, warum Frauen generell weniger verdienen als Männer. Weiters kommt es zu einer Art Bestrafung von Frauen, wenn sie Pflegetätigkeiten zu Hause übernehmen. Lässt man sich von einer bezahlten Stelle zur Kindererziehung oder zur Pflege karenzieren, reduziert das meist nicht nur das laufende Einkommen, sondern das gesamte Lebenseinkommen. Daher verdienen Mütter in der Regel weitaus weniger als berufstätige Frauen, und es ergeben sich in den USA zwischen Frauen, die Mütter sind, und Frauen, die kinderlos bleiben, höhere Gehaltsdifferenzen als zwischen kinderlosen Frauen und kinderlosen Männern. Daraus ergibt sich eine wichtige Dimension der Ungleichheit. Von einem ökonomischen Standpunkt aus ist die große Frage: Warum sind Frauen bereit, sorgende Tätigkeiten zu übernehmen, wenn diese geringer entlohnt werden und zudem eine Art Strafe beinhalten? Woher kommt das Arbeitsangebot?
Meine Theorie ist, dass für diese Arbeit eine bestimmte soziale Konstruktion von Weiblichkeit besteht und die Verbindung zwischen Weiblichkeit und Sorge das Angebot schafft.

Es besteht eine Art Paradoxon bei der Schwächung der patriarchalischen Kontrolle über Frauen, welches darin besteht, dass die Reduktion männlicher Gewalt zwar eine bedeutende Sache für die einzelne Frau in Bezug auf freie Wahlentscheidungen ist – somit eine große Sache für Frauen, die mehr Raum zum Ausdruck ihrer Individualität benötigen und weniger durch die traditionellen Konzepte der Weiblichkeit eingeschränkt werden wollen; doch andererseits, und hier liegt das Paradoxon, gibt es nun keinen Druck mehr zur Bereitstellung von Caring Labor durch Frauen. Mehr noch, es gibt generell keinen Druck gegenüber irgendjemandem, diese Form der Arbeit zu leisten. Das Ergebnis kann in einer Reduktion der insgesamt – sowohl am Markt als auch im Familienverband – angebotenen Pflege gegenüber dem Einzelnen bestehen. Wenn man vom Standpunkt der konventionellen Ökonomie ausgeht, ergibt sich dadurch kein Problem, denn der Markt fände eine Lösung: Caring Labor würde zu einem raren Gut, der Markt ließe den Preis ansteigen und alles würde sich in Wohlgefallen auflösen.
Nimmt man allerdings an, dass Caring Labor nicht an einen Markt gebunden ist, dann muss man sich um das Ergebnis Sorgen machen. Man muss über Möglichkeiten nachzudenken beginnen, die kollektiv ein höheres Angebot und die Qualität der Caring Labour sicherstellen. Diese Formen der Bereitstellung sollten unabhängig vom Markt sein oder das Marktangebot ergänzen. Man muss daher kreativer denken, und das ist auch der Zeitpunkt, an dem soziale Institutionen zum Tragen kommen.

Ein Grund, warum Caring Labor unterbewertet ist, liegt darin, dass wir dazu tendieren, sie als gegeben hinzunehmen, weil sie traditionell von Frauen zu sehr niedrigen Kosten außerhalb des Marktes bereitgestellt wird. Die Tatsache, dass Frauen generell weniger Lohn erhalten als Männer, hat weiter zu einer niedrigeren Bezahlung dieser Tätigkeiten beigetragen. Es gibt noch einen zusätzlichen Faktor, durch den Caring Labor selbst zur Unterbewertung beiträgt. Ein wichtiger Aspekt ist, dass man tatsächlich von der Situation der Mitmenschen, um die man sich sorgt, betroffen ist. Durch diese Betroffenheit ist es schwieriger, zu streiken und die Dienste nicht zu leisten, weil man mehr Geld verdienen möchte. Beschäftigte in diesem Bereich werden zu einer Art Sklaven ihrer eigenen Verpflichtungen und Zuneigungen zu den Mitmenschen, für die sie sorgen. Auf diese Weise können die ArbeitnehmerInnen nicht so effektiv um das Gehalt verhandeln oder auch mit Arbeitsniederlegung drohen wie Beschäftigte in anderen Bereichen. Das ist ein Grund, warum Caring Labor dazu tendiert, unterbewertet zu werden. Auch ein zweiter Grund liegt klar auf der Hand: Menschen, die Fürsorge und Pflege am notwendigsten haben, sind Kinder, alte Menschen und Kranke. Und genau diese Gruppen können am wenigsten zahlen. Leistet man einen Pflegedienst, so ist das kein Luxusgut für reiche Menschen. Man kann sich zwar auf einen luxuriösen Pflegejob spezialisieren, aber die meiste Caring Labor ist an jenen Menschen zu leisten, die per Definition Hilfe benötigen und nicht in der Position sind, eine Menge Geld dafür zu zahlen, sondern häufig auf öffentliche Zuschüsse angewiesen sind. Mit der Erosion öffentlicher Zuschüsse werden dadurch natürlich unmittelbar auch die Geldmittel geringer, mit denen die Pflegedienste für ihre Tätigkeiten bezahlt werden können.
Es gibt noch einen weiteren Grund für die Unterbewertung von Caring Labor. Dieser weist einen stärker technischen Hintergrund auf und ist daher für ÖkonomInnen von größerem Interesse. Es ist schwierig, die Qualität der Pflegedienste und Caring Labor zu messen, weil es sich um eine persönliche Leistung handelt: Man kann eine sehr gute Lehrerin für eine bestimmte Person sein, aber sehr schlecht für jemand anderen. Es ist viel schwieriger, die Qualität eines Lehrers/einer Lehrerin zu messen als die Qualität der Leistung einer Person, die mit der Produktion eines physischen Gutes betraut ist, dessen Charakteristika unabhängig von der produzierenden Person sind. Wie LehrerInnen haben auch die Leistungen der Menschen in Caring Labor emotionale Merkmale: Wenn ich eine gute Lehrerin bin, dann bringe ich die Studierenden dazu, wirklich lernen zu wollen, und das ist wichtiger, als lediglich Informationen zu vermitteln. Aber es ist schwierig, den Erfolg dieser Bemühungen zu messen. Normalerweise muss man bei marktproduzierten Gütern einen höheren Preis bezahlen, um qualitativ bessere Produkte zu erhalten. Genau das ist im Bereich der Caring Labor durch die sehr variable Qualität der Arbeit und deren schwierige Messung nicht möglich. Caring Labor impliziert immer eine ihr innewohnende Form der Motivation, die Menschen dazu bringt, diese Arbeit aufgrund ihrer Gefühle, Verpflichtungen und ihres Engagements zu verrichten. Diese Tatsache wird zu einer natürlichen Ressource, einer natürlichen Energie, die gute Pflege bestimmt, die aber auch respektiert und geachtet werden muss, damit sie weiter fließen kann.

Die offensichtlichste Voraussetzung für eine sorgende Wirtschaft ist, die Grundbedürfnisse der Menschen zu kennen, besonders die von Kindern, älteren Mitmenschen oder auch Menschen, die auf irgendeine Art und Weise krank, verletzt oder entmutigt sind. Abgesehen davon benötigt natürlich der Rest von uns auch ein gewisses Maß an Sorge und Pflege. Man muss demnach ein ökonomisches System bereitstellen, das Raum und Zeit schafft, um die Prinzipien der Sorge und Pflege zu respektieren und zu belohnen. Das ist wiederum schwierig in einer Marktwirtschaft, die darauf ausgerichtet ist, dass Menschen so heftig miteinander konkurrieren, nur um überleben zu können, einen besseren Job zu bekommen oder aber das Subsistenzniveau zu erreichen, sodass sie Angst haben, bestraft zu werden und ins Hintertreffen zu geraten, wenn sie sich Zeit für die Sorge um andere nehmen.
Es mag wahr sein, dass Märkte unter bestimmten Umständen gute Effekte auf Menschen haben. Ein wenig „freundliche” Konkurrenz kann wirklich das Beste aus den Menschen holen. Das Gegenteil davon kommt aber zum Tragen, wenn Märkte vollkommen ungezügelt sind, sodass es zu einer destruktiven „Der-Gewinner-bekommt-alles”-Situation kommt. Ich glaube, es ist genau diese Richtung, die von der Wirtschaft heutzutage eingeschlagen wird, und dass das der Grund ist, warum viele Menschen beunruhigt und verängstigt sind.

Alle alternativen Wirtschaftssysteme beschäftigen sich mit der Frage der Organisationsform der Arbeit. Wenn wir dies beantworten wollen, müssen wir – egal ob wir einen korporatistisch-kapitalistischen oder einen sozialistischen Ausgangspunkt wählen – erkennen, dass es eine spezifische Form der Arbeit gibt, die sich von anderen Ausformungen der Arbeit unterscheidet. Und diese Verschiedenartigkeit lässt sich nicht auf die Logik von Tauschbeziehungen oder zentrale Planungen und bürokratische Administrationen reduzieren. Es handelt sich um eine spezifische persönliche und emotionale Art von Tauschbeziehungen, die eine langfristige Verbindung zwischen den Menschen voraussetzt. Genau diese Tatsache wurde weder von den großen TheoretikerInnen des Kapitalismus, noch von denen des Sozialismus berücksichtigt. Es ist ein Mittelweg, der von beiden Seiten missachtet wurde. Man sieht diesen Ansatz deutlich bei Menschen, die die Vision einer sozialen Marktwirtschaft haben. Sie denken, die Märkte arbeiten gut, solange wir eine gleiche Verteilung des Wohlstands haben, dann kommen einige Gesetzmäßigkeiten des Spiels zum Tragen, die zu Marktkonkurrenz beitragen und sich in einem Rahmen befinden, in dem die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllt werden und so weiter. Ich sympathisiere mit dieser Vision einer sozialen Marktwirtschaft – aber nicht, wenn Pflege und Fürsorge auf der Basis von Märkten organisiert werden, da ich der Meinung bin, dass die Qualität von Caring Labor nicht auf einem Markt gewährleistet werden kann. Ein Aspekt von Marktkonkurrenz führt zur Erosion von Caring Labor. Ich habe viel Zeit damit zugebracht, linke ÖkonomInnen und utopistische VisionärInnen davon zu überzeugen, der gewöhnlichen Arbeit, die Frauen übernehmen, mehr Aufmerksamkeit zu schenken und davon zu lernen.

Die Familie selbst war stets eine Art Metapher für den Sozialismus. Der Sozialismus ist eine Familie im Großen, man sorgt sich um die Brüder und Schwestern. Das ist das Interessante am Feminismus, dass er sich immer in Opposition zur traditionellen Familie stellen musste, zur Idee eines Patriarchen, eines männlich dominierten Haushalts, in dem der jüngeren Generation gesagt wird, was zu tun ist, und in dem die Frau für die Hausarbeit zuständig ist. Gleichzeitig hat der Familie aber immer etwas Besonderes angehaftet: die Solidarität, die Liebe und die Zuneigung füreinander, die so zentral für das Familienleben sind. Viele FeministInnen haben versucht, diesen Aspekt zu erfassen und sich zu überlegen, wie man dieses Gefühl von Zuneigung und Hilfe generalisieren und auf die Ebene der Gesellschaft als Ganzes heben könnte. Diese Ambition scheint gar nicht so weit hergeholt zu sein, denn wenn man es auf einem mikroökonomischen Niveau schafft, sollte es auch möglich sein herauszufinden, wie es generalisiert werden könnte.

Eine Gesellschaft könnte und sollte wie eine glückliche, gesunde, egalitäre Familie sein, in der die Menschen ihre eigenen Verantwortlichkeiten haben, in der sie in die Welt gehen können, um Geld zu verdienen, oder aber sich auf bestimmte Arbeitweisen spezialisieren können; wobei sie aber alle zu Hause geteilten Aufgaben und Ziele vorfinden und die Verpflichtung eingegangen sind, dort gemeinsam zu arbeiten und einander tief zu respektieren. Auf der einen Seite ist diese Sichtweise utopisch und visionär, auf der anderen Seite aber sehr altmodisch und traditionell.

Ich glaube, es spricht vieles dafür, dass Caring Labor und die Sorge um andere Menschen eine Art Qualifikation darstellen, wenn man sich darin übt und es praktiziert, dann erfreut man sich und findet immer größeren Gefallen daran. Es handelt sich also um etwas, das aus der persönlichen Verbindung mit anderen Menschen erwächst. Wenn man aber niemals diese Verbindung der Verantwortung gegenüber anderen Menschen aufbaut, dann wird man sich des Gefühls der Verbindung nicht bewusst und entwickelt es auch nicht. Die Sensibilisierung sollte daher ein zentraler Punkt unseres Ausbildungsprozesses für Menschen sein, um Verantwortung gegenüber Mitmenschen zu übernehmen und auf diese Weise eine dauerhafte Verbindung zu Menschen aufzubauen, die sich von uns unterscheiden. Wer sind diese Leute, die nicht unsere unmittelbaren Nachbarn sind, die nicht mit uns in dieselbe Kirche gehen oder dieselbe Universität besuchen, sondern außerhalb unseres Systems leben – mit denen man sonst nicht in Kontakt kommt? Die Armen, Obdachlosen, Hilfsbedürftigen? Man könnte eine Art Arbeitsaustausch und Reziprozität auf einem hohen Niveau schaffen, sodass diese Qualifikationen entwickelt werden können, die uns als Gesellschaft ungeheuer nützlich wären.

Ich weiß nicht, ob John Rawls einen Einfluss in Europa hat, aber in der englischsprachigen Welt gilt er als sehr wichtiger Philosoph. Er entwickelte die Metapher von einem „Schleier der Ignoranz“: Man nimmt Menschen aus ihrem täglichen Kontext heraus und setzt sie hinter einen Schleier oder Vorhang, durch den sie ihre eigene Identität nicht erkennen. Auf diese Weise können sie nicht für ihre eigenen Interessen arbeiten, und treffen – weil sie nicht wissen, wer sie sind und sein werden – somit Entscheidungen, die wirklich im Interesse aller liegen. Das wäre ein herrlicher Entwurf für eine Science Fiction-Geschichte: Um ein globales System zu entwickeln, nimmt man von überall auf der Welt BürgerInnen her und setzt sie hinter diese Art Schleier der Ignoranz, wodurch sie nicht wissen, ob sie aus Amerika, China, Australien oder Botswana kommen. So könnten sie von einem wirklich komplett neutralen Standpunkt aus die Welt betrachten, über die Prioritäten in der Gesellschaft und die Frage, wohin unsere Bestrebungen gehen sollten, nachdenken. Dies ist eine sehr mächtige Metapher.

Ich bin ein großer Fan von Science Fiction. Ich glaube, es ist die Science Fiction-Literatur (beispielsweise von Marge Piercy, Sherry Tupper oder Kim Stanley Robinson), in der die soziale Fantasie als erstes sichtbar wird. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese visionären Vorstellungen zu verdeutlichen und konkrete Wege zu finden, wie wir diese Elemente zusammensetzen, in bestehende ökonomische Institutionen integrieren und diese utopische Visionen schließlich umsetzen können. ÖkonomInnen sind somit eine Art von TechnikerInnen für die Utopien, die sich um die Rädchen und Bolzen dieses alternativen Systems zu kümmern haben. Ich glaube, wir sind abhängig von KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, damit wir sehen, wohin wir eigentlich wollen.

Weitere Informationen: http://www-unix.oit.umass.edu/~folbre/folbre