Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Störmomente schaffen. Streik im Gespräch.

Interview von Nora Sternfeld & Jens Kastner

Der Schwerpunkt dieses Heftes (Bildpunkt) geht von der These aus, dass ein traditionelles und wichtiges Mittel zur Durchsetzung von emanzipatorischen Forderungen – der Streik – mittlerweile problematisch geworden ist. Und zwar deshalb, weil es unter neoliberalen Bedingungen immer schwieriger wird, kollektive Interessen zu formulieren. Wer streikt, schadet dann schnell mal vor allem sich selbst.

Für viele nicht in „normalen“ Arbeitsverhältnissen Beschäftigte bestand das Problem allerdings schon immer: KünstlerInnen, Studierende, illegal beschäftigte MigrantInnen und vor allem Frauen mussten von jeher nach Alternativen zum betreffenden Slogan der Arbeiterbewegung suchen: „Alle Maschinen stehen still, wenn dein starker Arm es will“.

Bildpunkt: Ist Streik heute noch eine Option für soziale Kämpfe?

Oliver Ressler: Durch die Verschiebung der zentralen Orte der Produktion von den Fabriken direkt in die Gesellschaft hinein und die damit einhergehende Veränderung der Arbeit haben sich natürlich auch die Möglichkeiten und Formen von Streiks stark verändert. Über meine Beschäftigung mit der italienischen Bewegung der Disobbedienti (Ungehorsame) bin ich auf die Idee des „Generalisierung des Streiks“ gestoßen, die, wenn ich mich nicht irre, auch von Antonio Negri vertreten wird, und die für mich eine angemessene Form darstellt, auf die veränderten Bedingungen zu reagieren. Dabei wird auf die Zusammenarbeit von unterschiedlichen sozialen Kämpfen gesetzt. Das erscheint mir sehr wichtig.

Bildpunkt: Im Konzept der Generalisierung wird bewusst auf zwei verschiedene Dimensionen des Streiks Bezug genommen, und zwar wird neben der klassischen Interessenspolitik auch die Ebene des Nicht-mehr-Mitmachens betont, des Aufhörens und Verweigerns.

O. R.: Ja, damit wird die Tatsache betont, dass die Reproduktion des Kapitalismus tatsächlich schwierig würde, wenn alle ihre Arbeit niederlegen würden, wenn in einem generalisiertem Streik in der Stadt großflächig die Kommunikations-, Transport- und Warenflüsse unterbrochen würden. Der Streik bietet die Möglichkeit des Störmoments. Konkret besteht natürlich das Problem, all die Leute mit ihren unterschiedlichen Interessen und Abhängigkeiten zu solch konzentrierten Aktionen zu motivieren, nicht zuletzt, weil es trotz des schon seit Jahren voranschreitenden Abbaus der sozialen Sicherheitsnetze doch für einzelne immer noch schlimmer kommen könnte.

Birge Krondorfer: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass Streik nicht mit sozialen Kämpfen gleichzusetzen ist. Und zwar gerade weil ihm jenseits von gewerkschaftlicher Disziplin dieses anarchistische, verweigernde Moment innewohnen kann, diese Vorstellung, dass alle einfach die Hände in den Schoß legen. Historisch ist das ja auch schon vorgekommen, bei den Frauenstreiks 1975 in Island und 1991 in der Schweiz. Rund 95 % aller Frauen haben damals für einen Tag vom Frühstückmachen über die Kinderbetreuung bis zur Fabrikarbeit alles stehen und liegen gelassen und nichts mehr hat funktioniert Hinsichtlich der Generalisierung sind diese Beispiele von Streiks wichtige Erfahrungen. Allerdings birgt diese Idee auch verschiedene Schwierigkeiten, die sich in den Kämpfen der Frauen schon gezeigt haben. Denn erstens bestand und besteht für Frauen immer die Schwierigkeit, Bündnisse zu bilden und Solidaritäten zu erwirken, weil sie für die unbezahlte Reproduktionsarbeit zuständig und damit privatisiert waren und sind und somit eine Organisierung, die ja eine Öffentlichkeit braucht, sehr schwer möglich ist. Ganz zu schweigen von der Ignoranz der Gewerkschaften gegenüber weiblichen und migrantischen ArbeitnehmerInnen. Gerade weil Streik sich meist auf Erwerbsarbeit bezogen hat, müsste die Verbindung von Erwerbsarbeit und Identität – geht die erste aus, bricht die zweite zusammen – grundsätzlich ökonomie- und kulturkritisch angegangen werden.

Bildpunkt: In einem von dir, Birge, mit herausgegebenen Buch mit dem Titel Frauen und Ökonomie (Wien 2000) heißt es, Frauen hätten im gegenwärtigen Wirtschaftssystem mehr denn je nichts zu suchen, sondern hauptsächlich zu verlieren. Wie sehen die Möglichkeiten für Allianzenbildungen aus, in denen nicht – wie so oft – feministische Inhalte verloren gehen?

B. K.: Claudia von Werlhof spricht von der Notwendigkeit eines globalen Frauenstreiks gegen neoliberale Politiken. So recht sie mit dieser Position angesichts der vor allem für Frauen sich verschlechternden Arbeitssituation hat und so berechtigt der Begriff Prekarisierung eigentlich als eine Hausfrauisierung zu deuten ist, so ist es beispielsweise in den so genannten Weltmarktfabriken („Maquiladoras“), aber auch anderswo, doch so schwierig, im Konkreten die Streikidee zu vermitteln. Für die Arbeiterinnen in den Maquiladoras ist die Arbeitsniederlegung sofort existenzbedrohend. Einerseits haben die Erfahrungen von generellen Frauenstreiks in einzelnen Ländern Modellcharakter; allerdings ist es auch insofern schwierig, als ja die Unterdrückungserfahrungen von Frauen so unterschiedliche und vor allem geschichtlich sehr tief gehende sind.

O. R.: Als ein Beispiel für eine gelungene Allianzenbildung lassen sich sicherlich die Streiks bei Gate Gourmet anführen, einer Zulieferfirma für Fluggesellschaften. Hier haben in Großbritannien vor allem Frauen, in der Regel prekär Beschäftigte ohne britischen Pass, gegen die miesen Arbeitsbedingungen gestreikt. Nachdem das Unternehmen letztes Jahr über 500 „illegal Streikende“ entlassen und die Arbeitshetze weiter verschärft hatte, kam es zu einer massiven Solidarisierung des Bodenpersonals von British Airways, das mit seinem Streik den Flughafen London Heathrow lahmgelegt hat. Gate Gourmet wurde daraufhin zum Einlenken gezwungen und die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Gate Gourmet öffentlich diskutiert.

Bildpunkt: Oliver, du thematisierst in deiner Arbeit Alternative Economics, Alternative Societies oder in deinen Filmen zur „Bolivarianischen Revolution“ im heutigen Venezuela immer wieder Alternativen zum gegenwärtigen neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Spielt in den Utopien, die du vorstellst, Streik eine Rolle?

O. R.: In den Interviews, die ich für Alternative Economics, Alternative Societies geführt habe, geht es zunächst vor allem darum, Denkräume zu eröffnen dafür, dass überhaupt etwas anderes als der neoliberale Kapitalismus möglich ist. Streik spielt dabei sicherlich immer eine Rolle, und es wäre eine interessante Erweiterung des Projekts, sich genauer mit dem „from here to there“, den Möglichkeiten der Umsetzung von alternativen gesellschaftlichen Modellen zu beschäftigen. Angesichts der gegenwärtigen Stärke des globalisierten Kapitalismus könnte es allerdings auch fast lächerlich wirken, sich in diesem Zusammenhang konkreten Kampfmaßnahmen zu widmen, da diese ja zumeist nicht einmal in der Verteidigung bestehender sozialer Errungenschaften erfolgreich sind, geschweige denn im Erkämpfen von völlig neuen Gesellschafts- oder Wirtschaftsmodellen.

B. K.: Mit Hannah Arendt würde ich immer darauf bestehen, dass handeln möglich ist! Andererseits ist es auch erschütternd und deprimierend zu sehen, wie mühsam das alles ist und wie wenig die Kämpfe der jüngeren Vergangenheit sich ausgewirkt zu haben scheinen. Selbst in Deutschland gab es ja in den 1970er Jahren Frauenstreiks in Fabriken, vornehmlich von Migrantinnen, die heute kaum mehr vorstellbar sind. Das „Ermöglichen von Denkräumen“ hingegen scheint mir zwar Vorraussetzung für Alternativen und Alteritäten, aber an sich zu wenig zu sein. Die große Frage ist doch, wo und wie eine wirkliche und machtvolle Differenz zum westlich-weißen-männlichen dominanten und universalisierten System gestaltbar wäre? Es muss auch um Handlungsansätze gehen, gerade weil das gegenwärtige globale Wirtschaftssystem alle Differenzen ausradiert bzw. sich einverleibt. Auch die (Real-)Politik wird heute vom neoliberalen Paradigma bestimmt. Gleichzeitig wird das Individuum zum Unternehmer oder zur Unternehmerin seiner bzw. ihrer selbst postuliert, so wie es im Gouvernementalitätskonzept im Anschluss an Michel Foucault beschrieben worden ist. Das Paradox besteht dann darin, sich fragen zu müssen: Wie bestreike ich mich selbst?

O. R.: …und zwar gerade mit dem Wissen, dass ich, wenn ich mich heute bestreike, morgen doppelt so viel arbeiten muss!

B. K.: Das deutet wohl darauf hin, dass die im Eingangsstatement genannte Maschinen-Metapher heute endgültig obsolet geworden ist. Zum einen, weil in einer computertechnoloiden Produktionsweise, Menschen wenn überhaupt noch, bloß als Arbeitsmannequins (Baudrillard) beschäftigt werden, zumindest in unseren Breitengraden und zum anderen, eben von einer Feminisierung der Arbeit gesprochen werden kann, im Sinne von Dienstleistung und Prekarisierung.

O. R.: Ich glaube schon, dass grundsätzlich Kampfmaßnahmen wie Streiks heute auch noch Relevanz haben können! Ich denke, dass die über verschiedene Staaten weltweit verteilte Produktion auch neue Möglichkeiten des Widerstandes bietet. In Zeiten der Just-in-time Produktion, in der auf große Lagerhaltung weitgehend verzichtet wird und die unterschiedlichen Komponenten eines Produkts am jeweils günstigsten Ort produziert und dann zusammengefügt werden, kann es durchaus eine neue Wirksamkeit entfalten, Maschinen, die irgendwelche Einzelteile herstellen, stillzulegen. Der Streik bei Opel in Bochum 2004 (vgl. S. 30, Die Red.), übrigens ein „wilder Streik“, also einer, der gegen den Willen der Gewerkschaft zustande kam, konnte ja nur deshalb solche Wellen schlagen, weil durch die darauf folgenden ausbleibenden Lieferungen an zig anderen Orten die Produktion in Opelwerken eingestellt werden musste.

B. K.: Hier eröffnet die Globalisierung also auch Chancen…

O. R.: …oder beißt sich in den eigenen Schwanz.

Das Gespräch fand am 27. Januar 2006 in Wien statt und wurde von Nora Sternfeld und Jens Kastner geführt und für die Textversion in Absprache mit den TeilnehmerInnen überarbeitet.

Birge Krondorfer ist u. a. Politologin und Philosophin, (Mit-)Gründerin des politischen Bildungsprojektes Frauenhetz in Wien und seit 25 Jahren in der autonomen Frauenbewegung tätig.

Oliver Ressler ist Künstler, lebt in Wien und arbeitet zurzeit an der Ausstellung „5 Factories–Worker Control in Venezuela“ für das Berkeley Art Museum

aus: Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Wien, Frühling 2006, S. 10-12.