Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

This is what democracy looks like!

Marina Grzinic

This is what democracy looks like!, video by Oliver Ressler, 2002

Boygirl, video by Aurora Reinhard, 2002

Hostage: The Bachar Tapes, video by Walid Ra’ad, 2001

This is what democracy looks like! ist eine Videoaufzeichnung und Re-Kodierung der ersten österreichischen Anti-Globalisierungsdemonstration am 1. Juli 2001 in Salzburg. Die Gegendemonstranten gegen das Weltwirtschaftsforum (eine private Lobby-Organisation des Großkapitals) in Salzburg gerieten in einen heftigen Clinch mit der österreichischen Polizei: 900 Demonstranten wurden auf einem öffentlichen Platz in Salzburg von Polizeikräften umzingelt und mehr als sieben Stunden lang festgehalten. Das Video besteht aus Bildmaterial von der Demonstration selbst, dazwischen eingefügt sind Interviews über die Ereignisse von Salzburg mit sechs TeilnehmerInnen der Demonstration. Es gibt uns eine präzise Re-Artikulierung der Ereignisse, die auch zeigt, wie die Massenmedien und das allgemeine Publikum in einem Prozess der Fehlinterpretation und Falsifizierung von Fakten, Verhältnissen und Positionen befangen sind. Die Bedeutung des Videos ist daher auf mehreren Ebenen anzusiedeln.

Zunächst ist das Video eine genaue Analyse und Repräsentation der Anti-Globalisierungs- und anti-kapitalistischen Demonstrationen inmitten des westlichen liberal-demokratischen Kontexts. Die Analyse der medialen Berichterstattung, der repressiven staatlichen Kräfte (d.h. der Polizei), der öffentlichen Ausübung der Forderung nach Bürgerrechten und der Gesamtstruktur des Konflikts zwischen dem repressiven Staatsapparat und den Demonstranten ist aufgezeichnet, kommentiert und publiziert von Akteuren, die im Zentralbereich der kapitalistischen Macht leben, nicht an anderen Orten, wo die demokratischen Grundrechte teilweise erheblich in Frage gestellt sind. So kann man anhand der Struktur des Videos einige wesentliche Aspekte des Prozesses beobachten, wie der heutige Kapitalismus, die repressiven staatlichen Kräfte und die angeblichen westlichen liberal-demokratischen Rechte zerfallen und in anderer Form neu konstituiert werden. Wenn die Ausübung des unantastbaren Rechts zu demonstrieren, zu kritisieren und in der Öffentlichkeit aufzutreten, vorgeblich die Struktur der kapitalistischen Maschine gefährdet, wird dies unmittelbar, ohne jeden Aufschub zur Ausnahmesituation deklariert und damit zu einem Ort möglicher Interventionen; die liberal-demokratischen Rechte sind dann nur noch bloße Papiertiger-Paragrafen. In diesem Sinne zeigt / dekodiert das Video, dass die Demokratie im heutigen kapitalistischen Staat nur ein vorübergehender Zustand zwischen zwei Suspendierungen ist: Der “Ausnahmezustand” wartet nur darauf, in Kraft gesetzt zu werden. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben schrieb Mitte der 90er Jahre, die juristische Norm der kapitalistischen Demokratie des 20. Jahrhunderts sei tatsächlich nichts anderes als der gesetzlich geregelte Ausnahmezustand. Was wir im Video sehen, entspricht dem: Es ist die vollständige und endgültige Fusion des biologischen Körpers, jedoch ohne die Polis. Die Bilder der umzingelten Demonstrantinnen, die stundenlang auf einem offenen Platz festgehalten wurden, visualisieren eher das Paradigma des (Konzentrations-)Lagers als das des öffentlichen Raums der Stadt Salzburg. Auch diese Feststellung findet sich schon bei Agamben, dass das biopolitische Paradigma der westlichen Zivilisation heute nicht mehr die Stadt, sondern das (Konzentrations-)Lager ist.

Die Macht ist nicht einfach in der Hand des Souveräns, nicht in der Hand einer einzigen Klasse oder Gruppe; sie kann folglich nicht ausschließlich auf der Ebene des Bewusstseins artikuliert werden, gleichsam als ein Fall eines verzerrten Bewusstseins. Die materialistische Wendung reicht hier nicht aus. Daher ist in Resslers Video die Macht nicht die “obskure Kamera der Ideologie”. In seiner Analyse der Bewegungen, der angespannten Stimmung, der körperlichen Annäherung im Zusammenhang der Demonstration erreicht Ressler eine Luzidität, die uns Betrachter fast blendet. Denn die Macht lässt sich auf der Ebene der Investition in den Körper identifizieren. Nichts ist materieller als die Ausübung der Macht, argumentierte Foucault, und Ressler beschreitet genau den Weg zu einer Visualisierung, in Foucaults Worten, der “Architektur, Anatomie, Ökonomie und der Mechanismen der Disziplinierung der Körper” (1). Diese werden deutlich sichtbar in der Struktur des Videos, die uns die Architektur der Beziehungen von Körper zu Körper (der Prozess des Drucks in der Umzingelung), die Ökonomie der Entbehrung (die Stunden der Immobilisierung) und die Mechanismen von Furcht und Angst vor Augen führt. Vor allem aber decodiert das Video unmittelbar die Struktur der Macht im Feld des Sehens – die Macht des Blicks und das Auge der Macht. In den Massenmedien, insbesondere im kommerziellen Fernsehen gibt es ein gewisses Dispositiv der Visualität, eine Sortierung von Körpern, Maßstäben, Beleuchtung und Blicken, das stets versucht, uns von der generellen Objektivität der Kräfteverhältnisse im Feld der aktiven Demarkation zu überzeugen. Was in derartigen (TV-)Programmen verborgen bleibt, ist dagegen der Schnitt zwischen dem Auge und dem Blick. Der Blick ist, wie Resslers Video konsistent zeigt, etwas anderes als das Auge; er kommt von außen, er emaniert aus dem Feld des Anderen. Der Blick ist immer prekär, kontingent, abhängig, unbeständig. Allgemein lässt sich sagen, dass das Sehen ein kontingenter Prozess ist. Der Überschuss des Blicks gegenüber dem nackten Auge ist um einen Mangel, eine Lücke, eine Defiguration herum strukturiert. Ein wirklich objektives Kameraauge gibt es schlichtweg nicht. Daher korrespondiert in Resslers Video der Blickwinkel der Kamera mit der Perspektive der Demonstrantinnen. Durch den Blick der Demonstrantinnen geraten so auch die Betrachter in eine direkte Beziehung zu den Ereignissen. Der Ort des Blicks und seine Umkehrung ist insofern von entscheidender Bedeutung. Noch wichtiger ist hier aber die Einbeziehung des dritten Elements zwischen Körper und Blicken – die Macht. Der Zusammenhang zwischen dem visuellen Material (den visuellen Dokumenten, wenn nun so will) und den Statements bzw. Interviews mit den sechs Demonstrantinnen ist kein illustrativer: Weder illustrieren die Bilder die Aussagen der Demonstranten, noch umgekehrt. Die Interviews dienen vielmehr dazu, zu decodieren, worum es im visuellen Feld der Macht geht.

Somit wird deutlich, dass das Visuelle und das Diskursive nicht miteinander korrespondieren. Das heißt, es gibt keinen gemeinsamen Raum, in dem Bild und Wort unproblematisch zusammenkommen; vielmehr treffen sie aufeinander im “Nicht-Raum” des Machtbezugs, wie Foucault sagen würde. Dies genau ist Resslers Video (Medium) der Macht.

An dieser Stelle bietet es sich an, das Video boygirl von Aurora Reinhard (ebenfalls ein Preisträger im Wettbewerb 2002) in meine Analyse einzubeziehen. Was bedeutet die Idee der Weiblichkeit, oder besser gesagt, was ist die Geschichte der Identität? Für Frauen und Männer gleichermaßen ist die Maskerade wesentlich. Beide Identitäten stehen in einer Beziehung zum Mangel, zur Kastration, zum Verlust, obwohl diese beiden Identitäten keineswegs symmetrisch sind. Es gibt keine eindimensionale Identität der Frau, denn für sie ist die Funktion des Schleiers, der Macula, des Scheins und des Als-Ob (das heißt, symbolisch der Phallus zu sein) von maßgeblicher Bedeutung. Boygirl handelt von dieser Funktion des Schleiers, der Macula und des Scheins und von der Urszene des Fetischismus. In boygirl hören wir die Person(en) auf dem Bildschirm von ihrem Leben erzählen und sehen ihnen dabei ins Gesicht. Aufgrund der visuellen Einführung wird man vermuten, hier Männer zu sehen, bis man zu der schockierenden Erkenntnis kommt, dass es ausnahmslos Frauen sind. Statt eines Penis ist da – nichts. Denselben Schock empfinden allgemein Menschen, die diesen Frauen begegnen. Es erschreckt sie, sie “verlieren die Nerven” (wie eine der interviewten Frauen in dem Video schildert), wenn sie sie beispielsweise im Schwimmbad anschauen und erkennen, dass dort, wo sie erwarten, an ihren Körpern etwas zu sehen, tatsächlich nichts ist. Daher handelt auch dieses Video von dem bereits erwähnten Schnitt zwischen dem Blick und dem Auge.

Betrachten wir, um diese Analyse fortzuführen, noch eine Videoarbeit: Hostage: The Bachar Tapes von Walid Ra’ad (ein weiterer Preisträger des Wettbewerbs 2002). In Ra’ads Video haben wir die Umkehrung der in boygirl beschriebenen Urszene des Fetischismus. Hostage: The Bachar Tapes vermittelt uns zunächst das Gefühl, als sei da “nichts” – eine einfache, wenn auch dramatische Dokumentation; plötzlich jedoch, und der Schock ist ein doppelter, gibt sich etwas zu erkennen: eine fatale Fiktion. Wo wir von dieser vermeintlich stereotypischen Dokumentation “zu wenig” erwarteten, bekommen wir letztlich “zu viel”: eine Geschichte, die auf dem Code einer absoluten Arbitrarität fußt. Tatsächlich ist die Geschichte über die Dokumentation, die zur Fiktion, zur Fälschung wird (und umgekehrt), in diesem Video vom ersten Moment an sorgfältig konstruiert, doch wir können sie zu Beginn noch nicht durchschauen. So zeigt auch dieses Video, dass der Blick (im Gegensatz zum Auge) von außen, aus dem Feld des Anderen kommt.

Sowohl boygirl als auch This is what democracy looks like! halten an einer tragischen Dimension der Maskerade fest; beide sind in letzter Konsequenz erzwungene Geschichten über den Schein. Boygirl zeigt die Maskerade der Weiblichkeit: Unter der Maske der Weiblichkeit ist – nichts. Oliver Ressiers Video handelt von der Maskerade der Demokratie. Unter der Maske der gegenwärtigen kapitalistischen demokratischen Systeme ist das “Gesetz des Ausnahmezustands”. Walid Ra’ads Video kann dagegen in diesem Kontext als purer, radikaler Travestismus betrachtet werden (wenn wir beispielsweise in dem boygirl-Video einen homosexuellen Grundtext erkennen) und als ein Fall von absoluter Arbitrarität. Der Travestismus ist in diesem Kontext vergleichbar mit dem Freudschen Konzept des “Unheimlichen”, dem beängstigenden Gefühl angesichts von etwas Vertrautem, das trotzdem eine merkwürdige Fremdheit bewahrt. Ra’ads Video konfrontiert uns mit der Inszenierung des Scheins in den Massenmedien. Dort scheinen Dokumentationen, Beschreibungen und Bearbeitungen nichts als bloßer Schein zu sein. Aber genau darin besteht die Macht der Massenmedien, und darin besteht auch die Stärke von Ra’ads Video. Anders gesagt, dieses Video bietet eine Art umgekehrter Symmetrie in hysterischer Perspektive. In Hinblick auf seinen Travestismus können wir es auch als eine Farce ansehen, während boygirl und This is what democracy looks like! dem Bereich der Tragödie zuzuordnen sind.

Wenn wir diese drei Videoarbeiten aus der einzig möglichen Perspektive a) des Nicht-Essentialismus und b) einer strikt anti-dokumentarischen Positionierung der Realität betrachten, haben wir hier letzten Endes drei Geschichten über die Macht der Diskrepanz zwischen dem Blick und dem Auge.

Nicht zuletzt muss in Resslers Video der Repressionsapparat als ein Schein der Justizgewalt gesehen werden. Andererseits ist Resslers Video selbst ein Machtakt; es zeigt die eigene Macht der Demonstrantinnen, ihre Fähigkeit, ihre Aktionen zu bewerten, ihre gegenwärtige Position und mögliche zukünftige Niederlagen einzuschätzen. Mit ihrer Fähigkeit zur Selbstdarstellung besitzt die Anti-Globalisierungs-Bewegung selbst eine gewisse Machtposition, insofern die Macht auf dem Spektakel gründet. Das Video ist daher auch der Prozess einer solchen Spektakularisierung (im Unterschied zur Kommerzialisierung!) der Körper der Anti-Globalisierungs-Bewegung. Sein kurzgefasstes Fazit könnte lauten: Es ist entschieden besser, Macht zur Schau zu stellen, als ein Instrument der Macht zu sein, wie es die Polizei – der staatliche Repressionsapparat – letzten Endes ist. In der Analyse des Videos schließt die Anti-Globalisierungs-Bewegung den Prozess der Zurschaustellung von Macht mitsamt seiner inhärenten spektakulären Funktion kurz. Es ist eine Re-Artikulierung der eigenen Position als emanzipatorischer Akt.

(Übersetzung Christoph Hollender)

Literatur:

(1) Michel Foucault: “Body/Power”, in C. Gordon (Hg.), Michel Foucault: Power/Knowledge, Brighton: The Harvester Press, 1980, S.57

aus: Könches/Weibel: Bildercodes – Internationaler Medienkunstpreis 2002