Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Fusion WorldWide (de)

Interview by Alexander Sokolov

Alexander Sokolov: Wie schaut dein Projekt “The global 500” aus, das du in Rahmen der Ausstellung “Sozialmaschine Geld” im O.K – Centrum für Gegenwartskunst zeigst?

Oliver Ressler: Das Projekt “The global 500” ist ein internationales Ausstellungsprojekt über die 500 größten Konzerne der Welt. Diese transnationalen “global player” können als die Hauptprotagonisten der ökonomischen Globalisierung angesehen werden. Ausgangspunkt war eine Recherche auf den Websites dieser 500 transnationalen Konzerne im Internet vor über einem Jahr. Dort habe ich verschiedene Argumentationsstrukturen in Bezug auf die ökonomische Globalisierung recherchiert. In Videointerviews habe ich verschiedene Leute gebeten, eine Auswahl dieser Statements zu kommentieren, zu analysieren und zu kritisieren. Insgesamt habe ich sechs Interviews für das Projekt “The global 500” durchgeführt, zwei mit Gewerkschaftern, ein Campaign-Manager der Teamster Union aus den USA, und ein Gewerkschafter aus Mexiko, wodurch Sichtweisen aus der “Ersten” und “Dritten Welt” repräsentiert sind. Weitere GesprächspartnerInnen waren der US-Globalisierungstheoretiker Arjun Appadurai, der Medientheoretiker Charles Acland aus Kanada, ein Mitarbeiter der NGO Corporate Europe Observatory aus Amsterdam, die sich mit Konzernen und mit den Politiken, die diese Konzerne verfolgen, beschäftigt, und eine Ökonomin, Birgit Mahnkopf, die sich intensiv mit ökonomischer Globalisierung und der Rolle der Konzerne in diesem Prozeß auseinandersetzt. Diese Personen, die unterschiedlichen Sichtweisen aus dem linken Spektrum repräsentieren, kommentieren nun diese hegemonialen Globalisierungsthesen der Konzerne in einem 76-minütigen Video, das nun den BesucherInnen in der Ausstellung wichtige Informationen und Gegenargumente zur Verfügung stellt.

Das Video ist dabei das zentrale Element der Ausstellungsserie “The global 500”, die in der Galerie Stadtpark in Krems und W139 in Amsterdam zu sehen war, jetzt hier in Linz und im Jänner 2000 im Ausstellungsraum Truck in Calgary realisiert wird. Wenn man die Ausstellung betritt, dominieren zuerst die Statements der Konzerne, die die Wände des Ausstellungsraumes bedecken. In Augenhöhe hängen Fotografien, denen Bilder aus den Geschäftsberichten der transnationalen Konzerne zugrundeliegen. Diese Bilder, die wichtige Parameter von ökonomischer Globalisierung visualisieren, wurden zerknült und für die Ausstellung abfotografiert. “Leading the world”, kann man auf einer der Fotografien, der eine Seite des Flugzeugherstellers Boeing zugrunde liegt, noch lesen. Auf einem Bild des Konzerns Pfizer marschieren freundliche ArbeitnehmerInnen zum Slogan “Setting the Pace” zum Wohle des Unternehmens. Im Ausstellungszusammenhang von “The global 500” beziehen sich die Fotos auf transnationale Konzerne generell bzw. deren Vision von Globalisierung. Im Hintergrund ist dabei permanent die Analyse der Konzernstrategien durch die GesprächspartnerInnen zu hören.

Alexander Sokolov: Worum geht es bei der Argumentation der Konzerne?

Oliver Ressler: Die Konzerne verfolgen mit “Globalisierung” eine sehr zielgerichtete Politik zur Durchsetzung ihrer Interessen. Es geht darum, die Arbeitsrechte von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen einzuschränken, die Löhne weltweit auf ein möglichst niedriges Niveau zu senken und die Möglichkeit zu schaffen, auf der ganzen Welt Standorte und Produktionen rein nach den Standortfaktoren zu verlagern. Die Produktion kann damit tendenziell dorthin verlagert werden, wo die Löhne am niedrigsten sind, eine schlechte Arbeits- und Sozialgesetzgebung besteht und relativ günstige Rohstoffe und Infrastruktur am besten neben einem großen Absatzmarkt existieren. Diesen Wünschen der Konzerne ordnet sich die Politik unter, und die Konzerne tun alles in ihrer Macht stehende, um die Liberalisierung und Deregulierung von Finanzmärkten, Kapital, Waren und Beschäftigungsverhältnissen voranzutreiben. Die von mir interviewten Leute analysieren die von mir gesammelten Thesen der Konzerne. Eine Mainstream-Globalisierungsbeschreibung sieht halt nur die “Globalisierungsfalle” und nicht den dahinterstehenden Kapitalismus als Problem. Jene wollen wieder einen ausgewogeneren Zustand erreichen, wie er in den 70er Jahren hier in Europa geherrscht hat. Man will also nur die extremsten Auswüchse des Kapitalismus einschränken, was eine sehr verkürzte Sicht ist.

Alexander Sokolov: Wie schaut so eine Argumentation eines Konzerns aus und was wird der in der Ausstellung entgegengesetzt?

Oliver Ressler: Die Konzernstatements lassen keinen Zweifel daran, daß die gesamte Zielorientierung der Konzerne und die von ihnen angestrebte weitere Liberalisierung und Deregulierung der Weltwirtschaft in erster Linie die Profite und den Shareholder Value erhöhen sollen. Dafür werden negative Auswirkungen auf Arbeitnehmer, die Umwelt und ganze Staaten in Kauf genommen und verschwiegen. Ganz wichtig ist – und das wird gleich von mehreren Gesprächspartnern angesprochen -, daß diese Entwicklung politisch gewollt ist. Die globalen Rahmenbedingungen werden immerhin noch in den internationalen Handelsorganisationen und dort in erster Linie von den reichen Industriestaaten bestimmt. Folglich liegt auch dort die Verantwortung, dort muß Druck gemacht werden!

Alexander Sokolov: In wie weit kann der Sozialstaat dieser globalen Entwicklung entgegenwirken?

Oliver Ressler: Die Konzerne haben eine ungeheure Macht, ihre Interessen durchzusetzen, und diese Interessen widersprechen ziemlich klar den Interessen von Menschen, die sich ihr Leben mit Lohnarbeit verdienen müssen. Das sind einfach fundamentale Gegensätze, genau die gleichen wie vor hundert Jahren. Natürlich sind sie jetzt historisch spezifisch und nicht unmittelbar vergleichbar, aber sie bestehen weiter.

Ich würde dem den typischen europäischen Sozialstaat der 70er oder 80er Jahre nicht unbedingt als anzustrebende Lösung entgegensetzen, wohl aber die Sozialleistungen, die es in diesem Sozialstaat gegeben hat. Der einigermaßen verteilte Wohlstand, der zumindest in ganz wenigen Staaten in Westeuropa bedeutet hat, daß niemand hungern mußte, fast jeder ein Dach über dem Kopf hatte oder die Möglichkeit zur Behandlung von Krankheiten, läßt sich nicht auf die ganze Welt übertragen. Das war nur in wenigen Staaten, und dort auch nur für eine begrenzte Zeitspanne erreichbar. Einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz hat es in Europa nur so lange gegeben, wie es den Kommunismus mit unmenschlichem Antlitz gab.

Ich glaube, daß der Sozialstaat nur deswegen funktionieren konnte, weil er von einem globalen Ausbeutungsverhältnis profitiert hat. Anderswo wurden Länder, Menschen und Rohstoffe ausgebeutet, um mit den Profiten unter anderem auch diesen Sozialstaat für die StaatsbürgerInnen innerhalb dieser Wohlstandsinseln in Europa zu finanzieren. Das läßt sich natürlich nicht als ein globales Entwicklungsmodell anpreisen.

Ich halte auch sehr wenig davon, ein fertiges Konzept zu bewerben, das man dann über die bestehenden Strukturen stülpen könnte oder das bestehende Strukturen einfach ablösen soll. So ein System muß sich langsam entwickeln, und zwar von unten her. Und es muß unter einer demokratischen Einbeziehung der Menschen entstehen. Das hört sich sehr utopisch an und ist sehr schwer zu verwirklichen, aber ein neues ökonomisches und gesellschaftliches Rahmenmodell sollte nur unter der Einbindung breiter gesellschaftlicher Beteiligung vonstatten gehen. Es gibt verschiedene Modelle, die Vorschläge eines Rückbaus bestehender Machthierarchien skizzieren. Das Problem dieser Modelle einer “Abwicklung des Kapitalismus” oder einer “Dekolonialisierung des Nordens” ist natürlich immer, daß sie wenig Aufschluß geben, wie die bestehenden Machtverhältnisse – also die Dominanz von Konzernen und die Unterordnung der Politik am “Standortwettbewerb” – konkret aufgelöst werden können. Das ist das Problem! Der Norden müßte in einem ersten Schritt seinen Einfluß auf die so genannte Dritte Welt oder “Peripheriestaaten” zurückschrauben, sowohl militärisch als auch ökonomisch. Zur Zeit vollzieht sich die Entwicklung exakt in die entgegen gesetzte Richtung, wenn zum Beispiel die Nato unabhängige Staaten wie Jugoslawien ohne irgendwelche völkerrechtlichen Grundlagen angreift oder mittels Milleniumsrunden der WTO versucht wird, den ökonomische Einfluß von Konzernen auf “Entwicklungsländer” zu vergrößern.

Alexander Sokolov: Heutzutage wird oft von der Unmöglichkeit gesprochen, eine kritische Position einzunehmen…

Oliver Ressler: Ich habe das auch schon oft gehört, man sagt ja auch, daß mit 1989 die Geschichte zu Ende ging und so ähnliche Dinge. Ich halte das für reine Ideologie, die in den Medien sehr gerne transportiert wird, weil sie den Status Quo einfach festschreibt.

Alexander Sokolov: Bei einer kritischer Haltung im Kunstfeld ist es oft schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine PR-Campaign für die Künstler oder um eine wirkliche kritische Position handelt.

Oliver Ressler: Es kommt natürlich immer darauf an, welche Überlegungen einer künstlerischen Arbeit zugrunde liegen. Ein radikales Statement ohne richtige Analyse oder Perspektive, also nur der Radikalität wegen, halte ich nicht für besonders interessant. Das stützt dann wahrscheinlich in erster Linie nur ein bestimmtes Künstlerbild vom Künstler als Außenseiter der Gesellschaft. Es gibt aber durchaus auch Strategien, wo auf einem analytischen und konstruktiven Weg Kommentare in der Öffentlichkeit lanciert werden, und das geht selbst dann auch immer über das Individuum Künstler, wenn das Objekt, das Plakat oder der Film in den Vordergrund gerückt wird. Wenn der Kommentar von einer gewissen Berechtigung ist, eine Sichtweise oder Darstellung transportiert, die nicht so präsent ist, dann würde ich mich nicht daran stoßen. In einer gewissen Weise sehe ich meine eigene künstlerische Praxis auch in dieser Linie, gewissen Sichtweisen und Meinungen Raum zu geben, diese in andere Kontexte zu transferieren, wo sie normalerweise nicht existieren und damit an gesellschaftlichen Debatten zu partizipieren.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Interviews von Alexander Sokolov mit Oliver Ressler wurde in den OÖNachrichten am 18.02.2000 veröffentlicht.