Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Interview für Paletten (de)

Interview by Nicole Scheyerer

Nicole Scheyerer: Wie bist du zu der Beschäftigung mit den Disobbedienti gekommen?

Oliver Ressler: Seit ich 1999 die internationale Ausstellungsserie “The global 500” über ökonomische Globalisierung und transnationale Konzerne realisiert habe, ist Ökonomie ein zentrales Themenfeld für meine künstlerische Arbeit. Als ich in den Jahren darauf begonnen habe, mich in Videos verstärkt auch mit Formen des Widerstands auseinanderzusetzen, haben mich die Tute Bianche – wie die Disobbedienti früher hießen – innerhalb der so genannten Anti-Globalisierungsbewegung besonders interessiert. Neben dem starken visuellen Erscheinungsbild und der Radikalität der Aktionen hat mich vor allem beeindruckt, wie sie ihre Position theoretisch artikulieren und ihre Aktionen strategisch jenseits der hegemonialen Kategorisierung “Gewalt – Gewaltlosigkeit” zu realisieren versuchen. Als ich im Sommer 2001 als Teilnehmer einer Demonstration gegen das World Economic Forum in Salzburg sieben Stunden von der Polizei eingekesselt wurde und diese staatliche Repression als Ausgangspunkt für das Video “This is what democracy looks like!” wählte, habe ich mich gleichzeitig auch für die Realisierung eines weiteren Videos zum Widerstand gegen die ökonomische Globalisierung entschieden, bei dem die ProtagonistInnen stärker als aktiv Handelnde repräsentiert werden sollten. Dieses Video wurde dann das Video “Disobbedienti“, für das ich den Autor Dario Azzellini zur Zusammenarbeit eingeladen habe.

N.S.: Wie schätzt du den Verzicht auf symbolische Formen der Politik ein, im konkreten Fall das Ablegen der weißen Overalls? Kann mediale Aufmerksamkeit heutzutage noch ähnlich effektiv als Kampfmittel eingesetzt werden, wie etwa von Greenpeace in den Achtzigerjahren?

O.R.: Die Tute Bianche legten in Genua bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel die weißen Overalls ab, da das Anliegen einer demokratischen Globalisierung durch die 300.000 DemoteilnehmerInnen ohnehin sehr sichtbar war. Auf die identitätsstiftenden Overalls zu verzichten, hing primär mit der Entscheidung der Tute Bianche zusammen, in der Multitude der DemoteilnehmerInnen aufgehen zu wollen. Jüngste Aktionen der Disobbedienti wie die im Video gezeigte Demontage eines frisch renovierten, noch leer stehenden Abschiebelagers für MigrantInnen in Bologna zeigen aber klar, dass die “Disobbedienti” auch ohne weiße Overalls weiterhin spektakuläre Aktionsformen durchführen. Mediale Aufmerksamkeit ist auch für meine künstlerischen Projekte von zentraler Bedeutung, um gewisse Sichtweisen und Anliegen zu lancieren. Geändert hat sich meiner Meinung nach seit den 80er Jahren in erster Linie nur, welche Art von Projekten heute den Weg in die Medien finden.

N.S.: Im Vergleich zu einem journalistischen Zugang fehlen im Video “Disobbedienti” an gewissen Stellen Erläuterungen: Es wird zum Beispiel das Wissen über die Polizeiausschreitungen in Genua vorausgesetzt. Wendet ihr euch an ein Publikum, das über diese Geschehnisse (z.B. den Polizeiangriff in der Diaz-Schule) informiert ist? Oder soll gerade dieses Fehlen eine Beschäftigung mit den Geschehnissen anregen?

O.R.: Es war eine grundsätzliche konzeptionelle Entscheidung, das Video “Disobbedienti” ohne all die redaktionellen Rahmungen, Überleitungen, Vergleiche, Fragestellungen etc. zu realisieren, die im Journalismus allzu oft auch die Funktion der Bewertung, Distanzschaffung oder im Falle einer militanten Gruppierung der Distanzierung von den Aktionen haben können. Im Video “Disobbedienti” gibt es, mit Ausnahme der Berufsbezeichnungen der SprecherInnen im Abspann, keine einzige Information über die Disobbedienti, die nicht von ihnen selber stammt. Natürlich haben Dario und ich während der Arbeit am Video öfters darüber diskutiert, ob man nicht an der einen oder anderen Stelle eine kurze Erklärung einbauen sollte. Weniger, dass 2001 in Genua Polizeieinheiten in Tausenden Fällen Menschenrechtsverletzungen begingen, was sich auch direkt aus dem Gesprochenen oder der Bildebene des Videos ableiten ließe, sondern eher gewisse Begriffe wie “Multitude” oder “Postfordismus” zu erklären, die, wenn man sie nicht kennt, sich nur aus dem Zusammenhang des Gesprochenen heraus bestimmen lassen.

N.S.: Warum habt ihr bei den Bildern von Demonstrationen auf Ortsangaben verzichtet?

O.R.: Dario und ich versuchen mit dem Video, zentrale inhaltliche Themenbereiche rund um die Tute Bianche/Disobbedienti und deren Praxis des zivilen bzw. sozialen Ungehorsams zu fokussieren. Primär geht es uns um die theoretischen Grundlagen, um den Gewaltdiskurs, um außerhalb Italiens wenig bekannte Ansätze wie die Demontage von Abschiebelagern oder die Generalisierung von Streiks. Aus dem in Italien aufgenommenen Interviewmaterial haben wir dann in wochenlanger Arbeit den Plot für das Video erstellt, und ich habe dann das visuelle Material inhaltlich und manchmal auch assoziativ in Bezug auf die Textebene montiert. Wäre es unser Ansatz gewesen, die Aktionen der Tute Bianche/Disobbedienti historisch und chronologisch zu dokumentieren, wäre Ortsangaben eine größere Bedeutung zugekommen.

N.S.: Warum sparst du Informationen über das Ausmaß deiner Involvierung in die im Video “This is what democracy looks like!” gezeigten Proteste aus? Betrachtest du deine Praxis als künstlerischen Aktivismus?

O.R.: Als ich zur Demonstration nach Salzburg gefahren bin, war es vorher für mich nicht absehbar, dass ich aus den Geschehnissen am 1. Juli 2001 ein Video produzieren würde. Im Video beschreiben DemonstrationsteilnehmerInnen die Vorfälle rund um einen siebenstündigen Polizeikessel – wobei ihre Sichtweise im krassen Gegensatz zum medial verbreiteten Bild steht. Meine eigene Rolle im Video stärker zu thematisieren halte ich nicht für notwendig, da ich ja über alle konzeptionellen Entscheidungen ohnehin indirekt immer präsent bin: durch die Auswahl der GesprächspartnerInnen, den Schnitt, die Entscheidung, niemanden aus Politik und Polizei zu Wort kommen zu lassen, die thematische Fokussierung auf die Einschränkung demokratischer Rechte durch das österreichische Innenministerium, und vieles mehr. Ich selber würde meine Arbeit nicht als “künstlerischen Aktivismus” bezeichnen, da meine unterschiedlichen Projekte viele Facetten aufweisen, die durch so eine Kategorisierung vernachlässigt würden. Aber die Plakatserien, Postwurfsendungen oder die in Kooperation mit dem US-Künstler David Thorne entstandenen diskursiven Transparente für anti-kapitalistische Demonstrationen können natürlich in einen direkten Bezug zu Beispielen des politischen Aktivismus gesetzt werden. Und das Video “This is what democracy looks like!” wurde und wird von AktivistInnen für die Mobilisierung zu Demonstrationen verwendet.

N.S.: Das Video vermittelt ein klaustrophobisches Gefühl. War in der Gestaltung des Videos die Konfrontation des Betrachters mit der Einkesselung ein Ziel?

O.R.: Am Tag nach dieser Demonstration war ich doch etwas verwundert, wie wenig die Abhaltung eines Polizeikessels für sieben Stunden selbst von den wenigen österreichischen Medien problematisiert wurde, die man mit etwas guten Willen als liberal bezeichnen könnte. Immerhin steht die stundenlange Einschränkung der Grundrechte von 919 Personen in keinerlei Relation zur vorgeworfenen Missachtung des Demoverbots, das nur eine – mit einem Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung vergleichbare – Ordnungswidrigkeit darstellt. Entgegen der offiziellen Rhetorik riskierte die Polizei eine Eskalation der durch das Demonstrationsverbot und die überzogene Polizeipräsenz ohnehin sehr angespannten Situation. Diese Erfahrung des staatlich erzwungenen stundenlangen Eingeschlossenseins mit ungewissem Ausgang über das Video zu vermitteln, ist sicher ein wichtiger Aspekt der Arbeit, insbesondere bei der 2-Kanal-Videoinstallation von “This is what democracy looks like!”, bei der die BetrachterInnen vor zwei zueinander im rechten Winkel installierten überlebensgroßen Videoprojektionen stehen.

N.S.: Was hat dich an der Roten Zora interessiert?

O.R.: Mit der militanten Frauengruppe Rote Zora habe ich mich erstmals während der Arbeit an meinem Ausstellungsprojekt “geGen-Welten” von 1998 beschäftigt, in dem Widerstände gegen Gen- und Reproduktionstechnologien aus dem deutschsprachigen Raum thematisiert wurden. Ich habe für die themenspezifische Installation im Forum Stadtpark in Graz einige der Bekennerschreiben der Roten Zora für Anschläge auf Forschungsanlagen und Pharmakonzerne verwendet, die mich als Texte durch ihre Haltung einer grundsätzlichen Ablehnung dieser Risikotechnologien beeindruckten. Für das zwei Jahre später entstandene Video “Die Rote Zora” habe ich das bis heute einzige Interview mit Corinna Kawaters aufgenommen. Kawaters ist die einzige Frau, die wegen der Mitgliedschaft in dieser als Terroristengruppe verfolgten Frauengruppe verurteilt wurde.

N.S.: Über den Abschuss einer Rakete auf ein Hochhaus am Ende des Films kann nach dem 9/11 nicht mehr unbefangen gelacht werden. Um was für eine Referenz handelt es sich hier?

O.R.: Seit dem 11. September 2001 ist das die meist gestellte Frage bei den Vorführungen des Videos… Gegen Ende des Videos frage ich Corinna Kawaters und die zweite Interviewpartnerin Erika Feyerabend, die sich in den 80er Jahren durch ihre gentechnologiekritische Arbeit im Gen-Archiv Essen im ideologischen Umfeld der Roten Zora bewegte und auch kriminalisiert wurde, nach ihrer heutigen Einschätzung von militanten Widerstand. Es ist natürlich schwierig, vor laufender Kamera offen darüber zu sprechen, aber auf jeden Fall haben die beiden Frauen militanten Widerstand mit unterschiedlichen Begründungen als keine Option mehr dargestellt. Ich habe mich daher entschieden, ans Ende des Videos den Ausschnitt mit der Rakete aus der amerikanischen low-budget Dokufiction “An Act of Sabotage” zu stellen, um die Option der Militanz für die heutige Zeit vom symbolischen her nicht ganz aus dem Video auszuklammern. Die Entscheidung, den Song “Der Turm stürzt ein” von “Ton Steine Scherben” über die Schlussequenz zu legen, geht auf eine Anregung von Corinna Kawaters zurück, die in die Realisierung des Videos über verschiedene Gespräche eingebunden war.

N.S.: Was denkst du darüber, wenn Marina Grzinic deinen Zugang als einen “strikt anti-dokumentarischen” bezeichnet?

O.R.: Marina Grzinic geht wie ich davon aus, dass es das objektive Kameraauge nicht gibt. So etwas wie “Realität” lässt sich nur schwer greifen, geschweige denn adäquat dokumentieren. Ich versuche eigentlich nie, etwas zu dokumentieren. Die Videos stellen eher den Versuch dar, gewisse Gruppen und politische Praxen zu repräsentieren – parteiisch, von einem klaren Standpunkt aus und mit politischem und strategischen Kalkül.

Die Kunstkritikerin Nicole Scheyerer schreibt für die Wiener Stadtzeitung Falter und für frieze.

Das Interview erschien in der schwedischen Übersetzung in der Kunstzeitschrift Paletten, 2003