Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Kunst und gesellschaftliche Utopie (de)

Interview by Michael Halfbrodt

Michael Halfbrodt: Du bist seit Mitte der 1990er Jahre als freier Künstler tätig und hast in dieser Zeit etwa zwei Dutzend Projekte gemacht, zum Teil allein, zum Teil in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Dein aktuelles Projekt, das du 2003 begonnen hast und das noch ständig erweitert wird, trägt den Titel „Alternative Economics, Alternative Societies“. Kannst du sagen, worin es besteht?

Oliver Ressler: Ich habe mich in verschiedenen Projekten mit Ökonomie auseinandergesetzt. Aus dieser Betrachtung des Bestehenden und des Widerstandes ergab sich fast zwangsläufig die Frage nach den Alternativen zum kapitalistischen System. Ich habe schließlich „Alternative Economics, Alternative Societies“ als themenspezifische Installation entwickelt, die als expandierendes Archiv funktioniert. Dieses basiert auf Interviews, die ich mit unterschiedlichen Leuten führe – SozialwissenschaftlerInnen, ÖkonomInnen, HistorikerInnen und anderen Personen – zu jeweils einem spezifischen Thema, einem geschichtlichen Abschnitt, einem Modell oder einem Konzept. Ich führe mit der jeweiligen Person ein 20-30 minütiges Interview, das auf Video aufgenommen wird. Bei der ersten Ausstellung in Ljubljana 2003 waren es fünf solcher Interviews, mittlerweile ist die Ausstellung auf elf Videos angewachsen.

Michael Halfbrodt: Die Videos in deiner Ausstellung laufen immer alle gleichzeitig?

Oliver Ressler: Alle Videos laufen gleichzeitig, jedes Video wird auf einem eigenen Monitor präsentiert. Dazu gibt es Bodenbeschriftungen, die auf Statements beruhen, die den Interviews entnommen sind. Ein solches Statement, das aus ein bis zwei Sätzen besteht, kann als Bodenbeschriftung bis zu 15 Meter lang sein, manchmal auch nur 5 oder 6 Meter. Das ergibt ein Geflecht aus unterschiedlichen Texten, eine graphische Arbeit entsteht auf dem Boden, die den Ausstellungsraum in verschiedene Abschnitte unterteilt. Als BetrachterIn kann ich den Raum betreten und mich darin bewegen. Jeder dieser Texte führt mich, während ich ihn lese und ihm während des Lesens folge, zu dem Video, dem er entnommen ist. Auf diese Weise kann ich mir nach meinen eigenen Interessen und Vorlieben dieses nicht-strukturierte, nicht-hierarchische Archiv erarbeiten. Dabei gebe ich nicht eine bestimmte Reihenfolge oder Hierarchie vor, sondern stelle lediglich Materialien zur Verfügung, die ich für wichtig erachte, wenn wir über alternative Gesellschaften und alternative Ökonomien nachdenken.

Michael Halfbrodt: Bei den Aussagen derer, die du interviewst, kommt es zwangsläufig dazu, dass sich Überschneidungen, Korrespondenzen, aber auch Widersprüche ergeben. Reagierst du in der Form darauf, dass du kommende DiskussionspartnerInnen darauf gezielt ansprichst? Versuchst du, im Laufe der Zeit so etwas wie einen imaginären Dialog zwischen den Interviewten herzustellen?

Oliver Ressler: Das ist ein Aspekt, der mich extrem reizen würde. Aber ich stehe dabei vor einem großen Problem: Bei manchen dieser Modelle oder Theorien habe ich es mit Personen zu tun, die darüber ein 500seitiges Buch und 100 Artikel geschrieben haben. Ich treffe diese Leute für ein paar Stunden und sage von vornherein, dass ich ein 20-30 minütiges Video produziere. Es gibt also eine zeitliche Begrenzung, und innerhalb dieses knappen Rahmens versuche ich, meinen GesprächspartnerInnen den Raum zu geben, die primären Komponenten ihrer Theorie/ihres Modells zu erläutern. In manchen Fällen stelle ich aber doch Querbezüge her. So habe ich etwa bei den Aufnahmen zu „Participatory Economy“ Michael Albert, der in seinem Modell eine Arbeiterselbstverwaltung befürwortet, nach der Arbeiterselbstverwaltung im Jugoslawien der 1960er und 70er Jahren gefragt, zu der ich ein paar Monate zuvor bereits ein Video mit einem Soziologen in Belgrad durchgeführt habe. Albert hat dieses jugoslawische Modell sehr kritisch kommentiert, wie im Video zu hören ist.

Michael Halfbrodt: Hast du deinen GesprächspartnerInnen gegenüber inhaltliche Vorgaben gemacht? Hast du mit ihnen vorher abgesprochen, auf welche Aspekte ihres Werkes du hinaus willst, welche Schwerpunkte du setzen möchtest, oder hast du das ihnen selbst überlassen?

Oliver Ressler: Aufgrund der Kürze der Videos war es hauptsächlich ich, der die Schwerpunkte festgelegt hat, einfach, indem ich die Bücher gelesen und mir dazu zehn zentrale Fragen überlegt habe. Die sind natürlich vom Inhalt der Bücher beeinflusst, stellen aber dennoch eine subjektive Auswahl dar, die daher sicher auch meine persönlichen Interessen widerspiegelt.

Michael Halfbrodt: Mit deiner Interviewtechnik setzt du dich schon formal von den gängigen Standards der Massenmedien ab. In Fernsehinterviews werden Intellektuelle immer vor prall gefüllte Bücherregale gesetzt. Auf symbolischer Ebene bedeutet das: das gesammelte Wissen dieser Bücher fließt sozusagen als autoritative Wahrheit durch den Mund der Befragten. Stattdessen interviewst du bevorzugt im Freien. Was ist hier die symbolische Botschaft?

Oliver Ressler: Die Überlegung war, dass die Beschäftigung mit alternativen Ökonomien oder Gesellschaften den persönlichen Arbeitsplatz der GesprächspartnerInnen verlassen und in den Außenraum getragen werden sollte. Das habe ich symbolisch plakativ dargestellt, indem ich alle Gespräche im Außenraum aufgenommen habe. Es handelt sich zwar um Gespräche, insofern ich mit den Leuten gesprochen habe, die Videos selbst sind aber kurze Filme, die auf Statements und Gesprächsfragmenten der Interviewten beruhen. Ich habe die Interviewsituation nicht in die Videos hineingebracht. Das hätte ich schon aus pragmatischen Gründen nicht leisten können, da ich neben dem Interview immer auch selber das Bild und den Ton mit der Videokamera aufgenommen habe. Daher habe ich mich für eine Form entschieden, an Orte zu gehen, die im Idealfall mit der Thematik des Gesprächs zu tun haben, und den Leuten den Raum zu geben, über ihr Forschungsgebiet zu sprechen.

Michael Halfbrodt: Wird damit, durch das Verlassen des geschlossenen Raums und das Hinausgehen ins Freie, auf symbolischer Ebene auch das Offene des Gesellschaftsentwurfs betont, der ja eine Projektion in die Zukunft ist?

Oliver Ressler: Klar, das war eine weitere Überlegung, die dahinter stand. Allerdings gehe ich dann mit den Ausstellungen doch wieder in einen geschlossenen Raum zurück, um die Arbeit präsentieren zu können. Wenn man Videos von einer gewissen Länge macht und in einer Installation zeigt, ist man auf einen (Innen)Raum angewiesen, wo man eine gewisse Zeit verbringen kann, und ein Kunst-Raum bietet sehr gute Voraussetzungen für eine solche Arbeit. Ich habe auch eine Posterserie entwickelt, für die ich einige ganz zentrale Statements aus „Alternative Economics, Alternative Societies“ verwende und in verschiedenen Städten in Europa im öffentlichen Raum als Plakate zeige. Zum Teil verweisen diese Plakate auch auf die Ausstellung, um Leute zu erreichen, die man mit Rundmails und anderen Verteilern nicht erreicht. Das Projekt hat ja ein Thema, das eigentlich jeden interessieren sollte, auch wenn mir klar ist, dass bei Interviews mit ÖkonomInnen oder SozialwissenschaftlerInnen eine gewisse Barriere vorhanden ist und manche Leute sich das nicht so gerne anhören.

Michael Halfbrodt: Auf Video aufgezeichnete Interviews bilden einen Kernbestand dessen, was du machst. Sie finden sich in vielen deiner Projekte wieder, sei es direkt als Film, sei es als Bestandteil von Installationen. Was fasziniert dich an sprechenden Menschen? Was meinst du, mit solchen Interviews darstellen zu können, was du mit anderen Mitteln nicht oder nicht so gut könntest?

Oliver Ressler: Bei den Projekten, die Widerstandsformen gegen den Kapitalismus zum Thema hatten, ging es mir darum, ProtagonistInnen von sozialen Bewegungen Raum für deren Überlegungen zu geben und ihnen über die Videos vielleicht auch den Zugang zu einem Publikum zu ermöglichen, das sie vielleicht sonst nicht erreichen. Video ist einfach ein Werkzeug, um bestimmte Inhalte, Vorstellungen, Ideen vermitteln zu können. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, ein Video oder eine filmische Arbeit zu machen, die nicht auf Interviews basiert, allerdings weiß ich nicht, ob ich es schaffe, auch ohne Interviews zu einer entsprechenden inhaltlichen Klarheit zu gelangen.

Michael Halfbrodt: Viele deiner Projekte hätten so oder ähnlich auch in einem rein politischen Kontext entstehen können. Was ist der Vorteil, sich als Künstler zu positionieren und von der Kunst auszugehen?

Oliver Ressler: Zunächst mal sind manche meiner Projekte auch in Zusammenarbeit mit politischen Gruppierungen entstanden, z.B. das mit Martin Krenn herausgegebene „Neue Grenzblatt“ im Rahmen des Projekts „Dienstleistung: Fluchthilfe“ mit acht antirassistischen Gruppen und MigrantInnenorganisationen. Aber es ist schon klar, ich habe einen Background als Künstler und bewege mich im Kunstfeld. Und bei dem, was ich mache, habe ich immer im Hinterkopf, dass ich das auch als Künstler präsentiere. Wenn ich ein Plakat im öffentlichen Raum affichiere, mache ich das als Künstler, auch wenn es für viele PassantInnen nicht als Kunst wahrgenommen wird und als politische Agitation von einer Gruppe erscheint, die in der Regel nicht bestimmbar ist.

Michael Halfbrodt: Hat es auch den Vorteil, dass man andere Gruppen erreicht, als wenn man sich in einem rein politischen Kontext verorten würde, z.B. Leute, die eher künstlerisch orientiert sind, bei denen man die Hemmschwellen abbaut, sich auf solche politischen Thematiken einzulassen?

Oliver Ressler: Solche Gruppen erreicht man schon. Man darf nicht vergessen, dass das Kunstfeld zum Teil ein ziemlich konservatives, bürgerliches ist, wo auch Arztgattinnen mit ihren Freundinnen in ihrer Freizeit verkehren. Nicht, dass solche Ausstellungsorte die zentralen Kunstinstitutionen wären, mit denen ich kooperiere und wo ich ausstelle, aber es gibt doch immer wieder Überschneidungen. Dieses konservative Publikum kann man dann zumindest mit Sichtweisen konfrontieren, mit denen sie im Normalfall nicht konfrontiert werden. Und in der Regel versuche ich außerdem, auch die politischen Gruppen und Individuen, die sich für die Thematik interessieren, in den Kunstraum hineinbringen.

aus: Direkte Aktion, 5/6 2005