Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Lay Lady Lay ohne Bühne keine Rosen (de)

Interview by Emanuel Danesch

Emanuel Danesch: In der Ausstellung läuft der Film „What Would It Mean To Win?“ – eine Gemeinschaftsproduktion von dir und Zanny Begg. Ihr versucht dabei drei Fragen auf den Grund zu gehen: Wer sind wir? Was ist unsere Macht? Was würde es bedeuten zu gewinnen? Ich würde diese Fragen, die ihr im Kontext der Antiglobalisierungsbewegung stellt, gerne umformulieren und für den Kunstkontext stellen:

– Wer bin ich – wie verorte ich mich im heterogenen Feld der Kunst bzw. wo stehe ich in diesem teils sehr elitären Feld der Bedeutungsproduktion?

– Was ist meine Macht – was kann ich mit meiner künstlerischen Produktion erreichen, sprich welche Einflüsse kann oder möchte ich mit meiner Arbeit ausüben?

– Was würde es bedeuten zu gewinnen – ist meine Arbeit ein Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation und was wäre mein Wunsch oder Ziel?

Oliver Ressler: Ich sollte zum allgemeinen Verständnis des Films vielleicht ergänzen, dass die erwähnten Fragen auch die zentralen drei Fragen waren, die wir den AktivistInnen in den Camps und bei den Blockaden des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 gestellt haben. Im Schnitt haben Zanny und ich uns dann entschieden, diese Fragen als Kapiteln für den Film einzusetzen, wobei jedes mit einer ca. eine Minute langen für den Film entstandenen Animation eingeleitet wird.

Zur Frage meiner persönlichen Verortung im künstlerischen Feld: Ich bewege mich wohl in jenem relativ marginalen Segment der Kunst, das an politischen Fragestellungen interessiert ist, in einem regen Austausch mit sozialen Bewegungen steht und sich irgendwo zwischen Kunst und Aktivismus verortet. Manche der Formate, die meine Arbeit annehmen kann, verbleiben im künstlerischen Feld, das du wohl nicht ganz zu unrecht als elitär beschreibst, während einige meiner Filme z. B. auch regelmäßig in Veranstaltungen von politischen Gruppen gezeigt werden.

Der Einfluss einer künstlerischen Arbeit ist natürlich schwer abzuschätzen… Während manche Filme hunderte Male in unterschiedlichen Zusammenhängen gezeigt wurden, gibt es auch Arbeiten, bei denen sich ein unmittelbares Interesse an ihnen schwerer ablesen lässt. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass diese über einen längeren Zeitraum trotzdem irgendwie eine Wirkung entfalten. Es ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt in meinen Arbeiten, dass diese auch unter der Voraussetzung funktionieren sollen, dass sie nicht als Kunst wahrgenommen werden.

Zur letzten Teilfrage: Klar liegt meiner Arbeit der Wunsch zugrunde, soziale Prozesse zu begleiten und zu unterstützen und damit letztlich an einer gesellschaftlichen Transformation mitzuwirken. Mit Simon Sheikh soll die Wissensproduktion durch „Räume für das Denken” abgelöst werden, was für viele meiner Arbeiten eine zentrale Überlegung ist. Denken verweist im Gegensatz zu Wissen auf Netzwerke der Nichtdisziplinarität und utopische Fragestellungen, was mir sehr wichtig erscheint.

Emanuel Danesch: In welchem Zusammenhang bzw. in welchem Verhältnis steht für dich „What Would It Mean To Win?“ zur Thematik der Ausstellung?

Oliver Ressler: Die Kuratorinnen Luisa Ziaja und Charlotte Martinz-Turek schlagen vor, Institutionskritik als kritische Haltung und instituierende Praxis zu verstehen. Die Ausstellung in der Kunsthalle Exnergasse versammelt demnach eine ganze Reihe spannender KünstlerInnen, die einen klaren Bezug zu politischen und aktivistischen Praxen haben, und mit denen mich das Interesse an ähnlichen Themen und Fragestellungen verbindet. Die Ausstellung bietet daher einen ausgezeichneten Kontext für die erste Präsentation des Films in Österreich.

Emanuel Danesch: Gibt es alternative Orte, die dich neben den üblichen Repräsentationsorten wie Kunstinstitutionen, „Kunst-im-öffentlichen-Raum-Orte“ und Galerien interessieren und an denen du deine Arbeit gerne rezipierbar machen würdest oder machst?

Oliver Ressler: Neben zahlreichen Präsentationen meiner Filme etwa auf Filmfestivals oder bei diversen Veranstaltungen von politischen Gruppen habe ich z. B. Mal in Zusammenarbeit mit Martin Krenn als künstlerisches Projekt eine Postwurfsendung zum Thema Fluchthilfe realisiert, in der acht Texte von anti-rassistischen Organisationen und MigrantInnengruppen eigens für die Zeitung geschrieben wurden. Gemeinsam mit David Thorne habe ich Transparente für eine Demonstration gegen das World Economic Forum in New York 2002 entwickelt. Oft ergibt sich der Präsentationsort einfach aufgrund bestimmter Interessen an Themenstellungen. Für die Zukunft würde es mich interessieren, mal eine permanente Arbeit für den öffentlichen Raum zu entwickeln, so etwas wie ein Mahnmal. Da ist natürlich eine völlig andere Herangehensweise gefragt wie mit den von mir realisierten Plakaten oder Plakatserien, die sich zeitlich begrenzt in den Stadtraum einschreiben.

Emanuel Danesch: Du arbeitest zunehmend in filmischen Formaten. „5 Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela“, „The Fittest Survive“ und „What Would It Mean To Win?“ wären Beispiele dafür. Würde es dich interessieren, diese Produktionen auch im TV-Format zu zeigen?

Oliver Ressler: Klar würde es mich interessieren, meine Arbeit über das Fernsehen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Allerdings weißt du ja so gut wie ich, dass das Format Fernsehen stark gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt und dadurch entsprechende Ein- und Ausschlüsse produziert. In Venezuela gelang es Dario Azzellini und mir, den ersten Film über Venezuela in drei staatlichen Fernsehsendern auszustrahlen. In Europa und den USA werden meine Filme allerdings nur in alternativen Kanälen oder in Stadtfernsehsendern gezeigt, wenn ich nicht wie 2002 einen Kunstpreis gewinne, mit dem die Ausstrahlung in Fernsehstationen wie ARTE und 3SAT verbunden ist. Da ich wenig Lust verspüre, in meinen Filmen inhaltliche oder formale Zugeständnisse an Fernsehsender zu machen, werden meine Filme in diesem Medium wohl auch in Zukunft nur sehr marginal präsent sein.

Emanuel Danesch: Was bedeutet für dich persönlich „Institutionskritik“ und macht diese Sinn?

Oliver Ressler: Auch wenn „Institutionskritik“ grundsätzlich politisch gemeint ist, befriedigt sie recht oft einfach das Bedürfnis von Kunstinstitutionen nach Selbstreflexion. Wie einige Beispiele zeigen, rutschen viele KünstlerInnen dabei in die Rolle eines Dienstleisters, dem es an Distanz zum Auftragsgeber mangelt und dessen künstlerische Arbeit das Renommee der beauftragenden Institution erhöht. Solange sich „Institutionskritik“ auf Interventionen beschränkt, die sich etwa auf den Ausstellungsraum oder die Sammlung beziehen, ist das eine richtige „win-win“ Situation für die Kunstinstitution. Für mich wird es eigentlich erst wirklich interessant, sobald die künstlerische Analyse auf eine Weise konkret wird, die für die Kunstinstitution nicht mehr zum Vorteil gereicht, also z. B. verborgene finanzielle Abhängigkeiten oder konkrete Namen genannt werden, wie das Hans Haacke für seine Guggenheim-Ausstellung exemplarisch vorexerzierte – die dann auch zensuriert wurde.

Emanuel Danesch: Hattest du selbst schon Erfahrungen im umgekehrten Fall: mit Kritik an deiner Arbeit ausgehend von Institutionen?

Oliver Ressler: Damit sich Kunstinstitutionen nicht mit dem für sie unangenehmen Vorwurf der Zensur missliebiger Arbeiten auseinandersetzen müssen, gibt es im hierarchisch strukturierten Kunstfeld bereits im Vorfeld von Ausstellungen eine Vielzahl von Mechanismen, die allzu kritische Arbeiten von den etablierten Museen und Biennalen fernhalten. So ist es mir schon passiert, dass ich von Biennalen eingeladen wurde, Konzepte für meinen Ausstellungsbeitrag auszuarbeiten, die dann aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen abgelehnt wurden, so dass die Arbeiten erst gar nicht entstehen konnten. Im Vergleich zu anderen Feldern ermöglichen aber Kunstinstitutionen in der Regel allerdings noch eine relativ unzensurierte Artikulation. Mit Kunstvereinen, Kunsthallen und anderen Ausstellungsräumen hatte ich überhaupt nie irgendwelche Probleme, eine bestimmte inhaltliche Position mit meiner künstlerischen Arbeit auszustellen. Alle paar Jahre ergeben sich allerdings doch Konstellationen, wo ich scheinbar eine gewisse Grenze überschritten habe und Museen mit Unterdrückung von Inhalten, Repression gegen Beteiligte oder schlicht Zensur reagierten. So wurde meine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt im Jahr 2000 ohne Angabe von Gründen und ohne mich darüber zu informieren vorzeitig geschlossen. 2006 konnte der Kurator Chris Gilbert seinen Ausstellungszyklus in Solidarität zum bolivarianischen Prozess in Venezuela nicht fortführen, da ihm das Berkeley Art Museum die Unterstützung entzog, ihm das Arbeiten verunmöglichte und er als Konsequenz kündigte. Die erste Ausstellung dieses nach der zweiten Ausstellung abgebrochenen Zyklus war die 6-Kanal Videoinstallation „5 Factories–Worker Control in Venezuela“, eine Kollaboration zwischen Dario Azzellini und mir.

Aus: WUK Info-Intern, 2/2008