Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Nachhaltige Kunst – Zu Oliver Resslers Expo 2000 Projekt (de)

Werner Fenz

Politische und/oder systemkritische Kunst setzt nicht erst mit den Projekten von Hans Haacke oder Joseph Beuys, auch nicht mit Pablo Picassos “Guernica” aus den späten dreissiger oder den anklagenden Bildern von George Grosz aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein, sie setzt auch nicht erst mit den mehr als fünfzig Jahre zuvor entstandenen Serien “Desastres de la guerra” von Francisco de Goya ein. Auch in den langen Zeiten einer vornehmlich der Repräsentation von Kirche und Staat dienenden Kunst gibt es immer wieder Beispiele (wie den scheinbar unverfänglichen “Genter Altar” der Brüder van Eyck), in denen der Künstler im Auftrag diverser Gruppierungen in die vertraute Ikonographie Bildsymbole einschleust, die ideologiekritisch zu lesen sind. Dieser Verweis darf freilich nicht als unreflektierter direkter Vergleich über die Jahrhunderte hinweg missverstanden werden. Vor allem dann nicht, wenn wir das an die jeweilige Zeit gebundene künstlerische Handeln als wesentliches Kriterium für Aufmerksamkeit und Qualität außer Streit stellen. Deshalb sind in die Koordinaten eines entwicklungsgeschichtlich determinierten “Kunstplans” seit der Französischen Revolution sukzessive die Daten für wachsende Subjektivität und Eigenverantwortung im 19. Jahrhundert, für das sogenannte autonome Kunstwerk der Klassischen Moderne, für Propaganda- und Widerstandskunst im Europa der dreißiger Jahre und – in Form von Wellenbewegungen – die Kunstentwicklungen seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts einzutragen.

Insbesonders in den letzten zehn Jahren rückte in künstlerischen Produktionen die Verantwortung der KünstlerInnen gegenüber der Gesellschaft auf unterschiedlichsten Ebenen wieder in den Vordergrund. Dabei wurde einerseits die Kunst als ein notwendigerweise mit anderen Systemen des Lebensraums korrelierendes System analysiert und visualisiert, andererseits der direkte Zugriff auf “Umwelt-Daten” nicht als heile Welt, sondern in der Weise forciert, dass über die Kunst Orientierungen innerhalb der ständig wachsenden Daten(=Erfahrungs)Mengen angeboten werden.

In einem solchen Beziehungsgefüge sind seit einiger Zeit die Werkgruppen von Oliver Ressler angesiedelt. Ohne Umschweife rückt er (bildungs-, gesellschafts- und sozial-)politische Bezugssysteme in den Mittelpunkt seiner gestalterischen Auseinandersetzungen. Das hier eingesetzte Instrumentarium besteht in erster Linie aus grundlegenden Recherchen zu so brisanten Zeitphänomenen wie Ökologie und Ökonomie. Mit dem sorgfältig aufgebauten Informationsmaterial ergreift Ressler Partei, lässt so gut wie keinen Interpretationsspielraum beim Decodieren seiner Botschaften, sondern fordert jedem einzelnen von uns eine Haltung, eine Stellungnahme zum Thema ab. Auch in der an mehreren Orten (Nürnberg, Berlin, Frankfurt, Wien) präsentierten, hier erstmals publizierten, Arbeit “Nachhaltige Propaganda” wird der Gestaltungsmodus offen gelegt.

Inhaltlich handelt es sich nicht um den Sinn oder den Unsinn von Weltausstellungen an der Wende zu einem neuen Jahrtausend – es handelt sich konkret um die Expo 2000 in Hannover. Dieser eindeutige Bezug und die Auseinandersetzung mit den aufwendigen Inszenierungen des Kapitals, der Wirtschaft und der Technik lassen für Ressler nur unmissverständliche Möglichkeiten der visuellen Darstellung zu: Er entscheidet sich, das System Kunst im Sinne der Entcodierung von Zusammenhängen mit den Systemen Informationsverarbeitung (Computersymbole als Navigationsanweisungen) und Repräsentationsästhetik (Bilder aus den offiziellen Broschüren) zu überlagern. Mit dieser digitalen Collage fokussiert er den vorgegebenen Inhalt “Mensch – Natur – Technik” optisch auf eine beziehungsreiche Mehrdimensionalität, wobei er bereits in der bildlichen Konfiguration keinen Zweifel an seinen Präferenzen lässt: Das Werbebild wird von den inhaltlich klar strukturierten Textfeldern in den Hintergrund gedrängt. Aber nur so weit, dass es als Ausgangspunkt und Anlass der künstlerischen Intervention erhalten bleibt. “Nachhaltige Propaganda” überschreibt die nicht nur im Prospektmaterial deutlich als Oberfläche apostrophierte Darstellungsform der Veranstaltung. Die nicht selten als plakativ eingestufte politische Kunst reicht zumindest in dem vorgestellten Beispiel diesen Vorwurf an die in der aufgezeigten Form verhandelten zentralen politischen Themen weiter.

aus: Lichtungen, Herbst 2000