Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Setting the Pace (de)

Stella Rollig

Einerseits fällt es leicht, über Oliver Resslers Arbeit zu sprechen. Man braucht nicht um Beschreibungen zu ringen in der Art von “Sieht aus, als würde es sich bewegen… aber darüber ist eine Lackschicht gelegt… und das ist dann so schräg in den Raum gestellt…”. Man sagt einfach: Oliver Ressler beschäftigt sich unter anderem mit staatlich institutionalisierten Rassismen, mit Widerständen gegen die Durchsetzung von Genmanipulation oder zuletzt mit der ökonomischen Globalisierung. Schwierig wird es erst, wenn darauf die Frage kommt: Und was ist daran Kunst?

Nach etwa dreissig Jahren politisch motivierter Konzeptkunst sollte man diese für durchgesetzt halten. Sie ist im Kanon der Geschichtsschreibung sanktioniert, ist handel- und sammelbar geworden. Wenn eine dreiviertel Million Kunstinteressierte auf der documenta X Hans Haackes “Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, Real Time Social System” von 1971 gesehen hat, dann ist damit eine Recherche über Immobilien-Besitzverhältnisse auf New Yorks Lower East Side als Kunstwerk massentauglich geworden. Trotzdem muss erstaunlich oft von neuem für Kunst mit Anspruch auf realpolitische Intervention argumentiert werden.

Journalismus, Kommentar, Investigation, Kunst?

An Resslers Arbeit lässt sich demonstrieren, wie Bewusstseinsbildung mit künstlerischen Verfahrensweisen sich von nur journalistischen und aktivistischen unterscheidet.

Von seinen ersten Projekten an, von denen einige mit Martin Krenn durchgeführt wurden, war die bildnerische Umsetzung einer politischen Argumentation wichtig. Gegründet wurde diese Argumentation jeweils auf eine Analyse von Selbstdarstellungen, von Rhetorik und Sprachregelungen, von Präsentationsformen gesellschaftlicher Instanzen: Autoren / Verlage, die Biotech-Industrie, die staatliche Legislative. Während der Journalismus vorrangig damit befasst ist, die Realpolitik von Tag zu Tag zu begleiten und zu kommentieren, zeigt Ressler die subtilen Verfahrensweisen ideologischer Stimmungsmache. Wenn deren Wirkung von den Medien diagnostiziert und etikettiert wird – etwa grosso modo als “Rechtsruck”, als “backlash”, oder mit ähnlich geläufig gewordenen Bezeichnungen für die Reduzierung von Solidarität und demokratischen Mitsprachemöglichkeiten – dann ist die Bewusstseinsbildung über das Entstehen solcher Phänomene bereits versäumt.

Ressler deklariert sich als parteiisch, und er zeigt, wie die Gegenseite manipuliert und welche Interessen sie zu verschleiern sucht. Dabei betreibt er eine parallele Positionierung: in einer nichtspezifischen “Öffentlichkeit” und im Kunstbetrieb. Die meisten Projekte sind an Kunstinstitutionen gekoppelt (über Finanzierungen und Präsentationen) und nutzen gleichzeitig den sogenannten öffentlichen Raum. Die mit Martin Krenn realisierten Aktionen “Gelernte Heimat” (1996) und “Institutionelle Rassismen” (1997) zu nationalistischen Stereotypen in Schulbüchern bzw. rassistischen Grundmustern in der österreichischen Gesetzgebung adressierten mit Plakatobjekten PassantInnen und mit weiterführenden Materialien (Videos, Interviews, Texte) das Publikum von Neuer Galerie und Kunsthalle Exnergasse.

The global 500” wurde im Frühjahr 1999 in der Galerie Stadtpark in Krems vorgestellt. Die Ausstellung bestand aus drei Elementen: Zitate aus Jahresberichten einiger der grössten transnational agierenden Konzerne, ein Video mit Interview-Statements von Mitarbeitern von Gewerkschaften und NGOs, einem Medientheoretiker, einem Analytiker der Globalisierung und einer Ökonomin und eine fotografische Komponente mit bearbeiteten Fotos aus den erwähnten Selbstdarstellungen der Konzerne.

Die bildnerische Strategie, mit der Oliver Ressler seine Botschaft visuell formuliert, könnte man als Sabotage bezeichnen. Vorlage sind die Stärke, Fortschritt und Machbarkeit signalisierenden Fotos aus den internen Broschüren für Aktionäre und (in zweiter Linie) Angestellte, deren visuelle und sprachliche Rhetorik die der öffentlicheren Werbekampagnen an Machtdemonstration und forschem Eroberungswillen noch um einiges übertrifft. “The entire world is our marketplace” (Wal-Mart). Kleine Manipulation, gelungene Wirkung: Die Druckseiten werden zerknüllt und abfotografiert. Eine antiautoritäre Geste, die mit Witz und Leichtigkeit die siegessicheren Firmen-Slogans und deren intellektuelle Analysen durch die Interview-PartnerInnen begleitet, austariert.

Die Rezeption der Arbeit funktioniert im Zusammen- und Gegenlesen von Zitaten, fachkundigem Kommentar, bearbeitenen Fotos und deren ästhetischer Kombination. Die Materialien des Projekts können immer wieder neu konfiguriert werden: als Ausstellung, als Fernsehsendung, als Magazin-Beitrag. Für 1999 und 2000 sind Präsentationen in Amsterdam und Calgary/Kanada vereinbart. Sie werden auch dann noch nicht nur künstlerisch interessant, sondern auch politisch relevant sein. Zur Zeit, in der Mitte des Jahres 1999, wird unter weitgehender Ignoranz der Öffentlichkeit die “Transatlantic Economic Partnership” verhandelt, die transnationale Konzerne von nationalstaatlichen Beschränkungen befreien soll.

Stella Rollig, Setting the Pace, Eikon Nr. 29, 1999