Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

So sieht Demokratie aus! (de)

Brita Polzer

“Ich bin ein alter 68er, war bei der Antiatomkraftbewegung und Hausbesetzungen dabei. Als das alles irgendwie zu Ende ging und sich depressive Stimmung breit machte, entschied ich, den ja noch immer relevanten Inhalten unter anderen Vorzeichen Gehör zu verleihen. Ich erfand eine Utopie.” p.m., den man so – frei zitiert – in einem Video hört, entwarf bolo‘bolo: ein Konzept für das Zusammenleben in fast souveränen Wohneinheiten, fünfhundert Personen umfassend, keine Kommunen sondern Beitrittsvereine, die in acht Stockwerk hohen, hundert Meter langen, zwanzig Meter tiefen Volks- oder Ökopalästen ökologischen Ansprüchen genügen würden und sich auf ca. neunzig ha Land mit Mischwirtschaft selbst versorgen könnten. Und – wie es sich für die Schweiz gehört – wäre alles mit klaren Verträgen geregelt.

p.m., der in den 80ern in der Schweiz mit seinem Buch bolo‘bolo von sich reden machte, taucht jetzt im Kontext einer Sammlung zu alternativen Ökonomien auf, die vom Künstler Oliver Ressler per Video aufgezeichnet wurden und aktuell in Graz im Rahmen des steirischen herbst zu sehen sind. In mein Kenntnisfeld geriet der in Wien lebende Künstler (geb.1970 im steirischen Knittelfeld) als er eine Broschüre mit dem Titel “Neues Grenzblatt” verschickte. Die bewusst populär und in Anlehnung an volkstümliche Vereinszeitungen gehaltene Publikation war Teil eines Projekts mit dem Titel “Dienstleistung: Fluchthilfe”, in dem er in Zusammenarbeit mit Martin Krenn kritisch auf die verschärfte Abschottung Europas durch den Schengen Vertrag aufmerksam machte. In einem Video liess Ressler Flüchtlinge sich selbst repräsentieren, AkteurInnen aus antirassistischen Organisationen sprechen aber auch Abschiebebeamte zu Wort kommen. Das “Neue Grenzblatt” wurde als Postwurfsendung entlang der gesamten EU-Aussengrenze der Steiermark an 12000 Haushalte versandt mit der Intention, direkt vor Ort und ausserhalb des Kunstkontextes ein anderes Denken über Flucht und Grenzüberschreitung zu vermitteln. Jenseits der medial gestreuten Vorstellungen in Richtung “Schlepperunwesen” und “Menschenschmuggel” wurde Fluchthilfe verständlich gemacht.

Ressler hat sich von Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit bis heute für politische Anliegen eingesetzt. Er thematisierte im Video “This ist what democracy looks like!” die repressive Polizeigewalt anlässlich der Proteste gegen das World Economic Forum in Salzburg 2001 oder lancierte eine Plakataktion anlässlich der Einschränkung demokratischer Rechte im Kontext der NATO Sicherheitskonferenz in München einhergehend mit einer Bürgermeisterwahl. Seine im öffentlichen Raum angebrachten Plakate waren kaum von SPD Plakaten zu unterscheiden und lösten Verunsicherung und Nachdenken über das befremdliche Vorgehen der SPD aus.

In all seinen Projekten, die innerhalb und ausserhalb von Kunsträumen, in Kooperation mit anderen Künstlern, engagierten Einzelpersonen oder verschiedenen politischen Gruppierungen stattfinden, will Ressler verständlich sein und er will Inhalte vermitteln. Ökonomie und Ökologie, Gentechnologie, Demokratien unter dem Diktat transnationaler Wirtschafts- und Medienkonzerne, aktuell auch ein Projekt zur Privatisierung von Gefängnissen, sind die Themen, mit denen er sich seit 10 Jahren beschäftigt. Während Recherchen, die Voraussetzung der Projekte sind, sucht Ressler Betroffene, Mitwirkende, ExpertInnen auf, und bringt ihre Analysen oder Erfahrungsberichte in die verschiedenen, dem jeweiligen Kontext angepassten Formate ein. Häufig zeichnet er die Aussagen mit Video auf, weil so die Projektion in verschiedenste Räumlichkeiten und Kontexte möglich wird. Resslers Videos werden auch auf Videofestivals, bei politischen Veranstaltungen und manchmal auch im Fernsehen gezeigt.

Die von Ressler kuratierte Ausstellung “There must be an alternative” im Forum Stadtpark in Graz referiert in ihrem Titel auf den Slogan “there is no alternative” der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher, die damit in den achtziger Jahren den Sozialabbau in Grossbritannien rechtfertigte. Es gibt keine Alternative zu Kapitalismus und Wirtschaftliberalismus, zur Macht der Konzerne und den um sich greifenden Privatisierungstendenzen: eine Meinung, die weit verbreitet ist. Der globalisierter Kapitalismus wird als eine Art schicksalhafte Gegebenheit dargestellt. Für seinen in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Beitrag „Alternative Economics, Alternative Societies“ begann Ressler vor zwei Jahren, Gegenentwürfe zu sammeln, Positionen der Kritik und Analyse bestehender kapitalistischer Strukturen, Konzepte, die grundlegend andere Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben anvisieren und die im Rahmen eines umfassenden demokratischen Prozesses stattfinden können. Ressler nahm Kontakt mit Wirtschafts- und GesellschaftstheoretikerInnen auf und bat sie, ihre Ideen im Video möglichst verständlich darzustellen. Das Projekt, mittlerweile auf zehn Positionen angewachsen, wird kontinuierlich fortgeführt und ist als Diskussionsgrundlage gedacht, als Anregung für die “leider viel zu wenig stattfindenden Diskussionen über zukünftige Gesellschaften”.

Im Monitor sieht man jeweils ein Gesicht, das von einem Lebensmodell erzählt. Marge Piercy beispielsweise spricht über feministisch-anarchistische Utopien, in denen Kindererziehung sozialer und offener praktiziert wird. Michael Albert, in violettem T-Shirt, mit Sonnenbrille und Cowboyhut, an dem er sich ab und zu zart kratzt, stellt seine “Participatory Economics” vor, die auf “equity, solidarity, diversity, self-management” basiert, und John Holloway, auch in violettem Hemd, spricht sich für “change the world without taking power” aus. In Anlehnung an das zapatistische” preguntando caminamos”, fragend gehen wir voran, müsse Revolution eher eine Frage als eine Antwort sein. Gesellschaft kann sich nicht durch den Staat selbst, durch staatliche Macht verändern, sondern nur durch grundsätzlich andere Denk- und Handlungsweisen. Die Zapatistas verweigerten die Symmetrie mit der herrschenden Macht, liessen sich nicht in bestehende Rituale und Denkfelder einpassen, nicht von Zeitvorgaben erpressen. Zeit beispielsweise würden sie nicht als numerische Grösse sehen, sondern als Raum, den man braucht, um zu kommunizieren und sich eine Meinung zu machen.

Zeit ist auch als Faktor in der Ausstellung in Graz relevant. Nicht nur die zehn von Ressler vorgestellten Videos dehnen sich jeweils zwanzig bis vierzig Minuten aus, auch die Arbeiten der anderen, von Ressler miteinbezogenen Künstler, die wie er nach Alternativen suchen, wollen nicht schnell konsumiert sein. Wer guckt sich so was an? Die interessiertesten BesucherInnen kommen sehr oft nicht aus dem Kunstpublikum, sondern eher aus anderen Bereichen, formuliert Ressler seine Erfahrungen. In Kunsträumen zeigt er seine Projekte, weil man dort Gelder zur Verfügung stellt und weil sie ein Forum für Informationen bieten, die in den Massenmedien nicht zu finden sind. Der Kunstraum ist ein Möglichkeitsraum, um auch hier Alternativen zu entwickeln. Und die Grenze zwischen Kunst und Aktivismus kann fliessend sein. Befragt, was er von Michael Moore halte, antwortet Ressler, Moore sei ein genialer Unterhalter, allerdings setze er zu vereinfachende Mittel ein, und dass die Demokraten nicht die Alternative seien, müsse auch Moore wissen. Alternative Projekte könnten nur über die Schärfung kritischen Wissens funktionieren. Vorgefertigte Konzepte, die man nur noch umsetzen müsse, lehne er komplett ab.

Über das Archiv der alternativen Ökonomien lässt sich in relativ kurzer Zeit ein lebendiger und umfassender Einblick in verschiedene Konzepte gewinnen. Resslers Projekt will ein Einstiegsangebot sein, ein kleiner Beitrag, um die Diskussion zu initiieren und eigene Ideen zu entwickeln. Während alle anderen Projekte von einem Gesicht vorgetragen werden, bleibt der Schweizer p.m. bedeckt. Er gibt seinen wirklichen Namen und sein Gesicht nicht Preis. “Ich bin in der Schweiz geboren, lebe in Zürich und unterrichte am Gymnasium”, heisst es. Mehr erfährt man nicht. Allerdings ist p.m. in Zürich nicht unbekannt. Es heisst, bolo‘bolo Ideen seien in die Wohnsiedlung Kraftwerk eingeflossen.

Das Projekt “There must be an alternative” im Forum Stadtpark (bis 28.11.) wird im Rahmen des interdisziplinären Festival-Projekts steirischer herbst in Graz gezeigt, übergeordnetes Thema: “Krise”. Neben der Arbeit von Ressler sind Arbeiten folgender KünstlerInnen oder KünstlerInnengruppen zu sehen: Bernadette Corporation (USA, F, D), bureau d’études (F), Etcétera (ARG), Aernout Mik (NL), The Yes Men (USA)

Am 10.10 fand ein Roundtable mit den beteiligten KünstlerInnen statt. Nachzuhören unter Radio Helsinki Graz

aus: WOZ – Die Wochenzeitung, Nr. 43, Okt. 2004