Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

The global 500 (de)

Patrizia Grzonka

Oliver Resslers neuestes Projekt »The global 500« basiert auf einer Auswertung der Imagewerbung und Selbstdarstellung der fünfhundert größten Konzerne der Welt. Ausgehend von einem Ranking im Wirtschaftsmagazin »Fortune«, wo diese Liste jedes Jahr publiziert wird, recherchierte Ressler in deren Jahresberichten und Websites, um markante Statements und Argumentationslinien in Bezug auf ökonomische Globalisierungsstrategien herauszufiltern und quasi leitmotivisch zu präsentieren. Die Ausstellung in der Kremser Galerie Stadtpark gliederte sich optisch und thematisch in zwei Teile: zum einen die affirmativen Textelemente der Firmen, die auf einfachen weißen Papierstreifen die Wände bedeckten – »illustriert« mit bearbeiteten (zerknüllten), aus dem Internet heruntergeladenen Werbefotos der Konzerne; zum anderen bewegte Statements in Form eines Videos, in dem Ressler Interviews mit GlobalisierungskritikerInnen führt. Die reduzierte, minimalistische Ästhetik – keine umfangreichen Text-Kompilationen, keine Überdosis an aufbereitetem Material – wirft zwangsläufig die Frage nach inhaltlichem Reduktivismus eines an sich komplexen Themas wie jenem der Globalisierung auf. Sie kann aber auch als Versuch verstanden werden, einfache, ökonomistische Heilsbotschaften als genau solche zu entlarven.

So findet sich denn in den Strategiebekundungen dieser »Global Players«, die Ressler zitiert, ein nahezu unverhüllter kapitalistischer Eroberungswille, wie er zum Beispiel aus dem Enron-Jahresbericht von 1997 hervorgeht: »In developing countries around the world – places such as Brazil, China and India – we are witnessing a trend toward the liberalization of economic policies. For the first time in many nations, governments are altering their policies in favor of private energy infrastructure investments that will strengthen their economies and position them to compete in the global marketplace.« Dieser Argumentationslogik, die auf Deregulierung und Markt-Liberalisierung beruht, wird auf der Website und im Video mit einer Äußerung von Arjun Appadurai entgegnet: »Opening up markets is of course a very particular understanding of the principle of freedom.« Argument trifft auf Gegenargument. Ressler verzichtet weitgehend auf zusätzliche Kommentare, Analysen oder Infomaterial. Ohne Schwerstarbeit leisten zu müssen und ohne sich in endlosen Lesestrecken zu verlieren, kann man sich für kurze Zeit der Illusion hingeben, die Kunst biete auch angesichts politischer Themen einen erholsamen »Third Space« jenseits allzu strapaziöser Welterklärungsmodelle. Eine klassische White-Cube-Erfahrung.

In diesem aufklärerischen Habitus der sechziger Jahre stellt sich denn auch eine funktionierende Kommunikation mit dem Umraum ein. Die modernistische Architektur der Kremser Galerie Stadtpark korrespondiert mit der modernistischen Aufbereitung von »The global 500« und suggeriert einmal mehr das Vorhandensein eines klar umrissenen, didaktisch aufbereiteten Projektionsraumes: Die ökonomische Globalisierung ist eine einheitliche Weltordnung, der wir kritisch gegenüberstehen.

Das Projekt soll noch an weiteren Orten gezeigt werden: bis Mitte Oktober in W139 in Amsterdam, ab Jänner 2000 in der Truck Gallery in Calgary, Kanada. Die minimalistische Umsetzung wird dabei Bestandteil der Arbeit bleiben, ob sie aber in ihrer stringenten Logik auch an eine bestimmte Architektur gebunden ist, bleibt zu überprüfen. Aber es stellen sich auch so Fragen, die nicht unbedingt an die abgehobene White-Cube-Atmosphäre gebunden sind: An welches Publikum ist die Arbeit adressiert, und welche Konsequenzen ergeben sich aus ihrem Dienstleistungscharakter für die RezipientInnen? (9. Juni bis 17. Juli 1999)

aus: springerin, Band V, 3/1999