Installations, videos and projects in public space


by Oliver Ressler

Was bewegt die Kunst? (de)

Silvia Süess

Wie könnte eine alternative Gesellschaft aussehen? Der österreichische Künstler Oliver Ressler beschäftigt sich seit Jahren damit. Erstmals ist das Resultat seiner Recherchen in Deutsch erschienen.

Grotesk und unausstehlich ist er: Oliver Ressler. Dies zumindest schreibt der Künstler Gregory Sholette in der Einleitung zu Resslers Buch «Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften». Denn: «Was nicht geduldet wird, sind solche KünstlerInnen, die über Dinge sprechen, die nicht ihrer Position entsprechen, wie beispielsweise Politik oder Ökonomie.» Und, so Sholette weiter, «diese Art von Künstler ist mehr als unausstehlich, sie ist grotesk.»

Der 1970 geborene und in Wien lebende Österreicher Oliver Ressler beschäftigt sich in seiner Kunst seit den neunziger Jahren konsequent mit gesellschaftspolitischen Fragen: «In der Ausstellung ‹The global 500›, die ich 1999 realisierte, setzte ich mich mit transnationalen Konzernen auseinander. Die Arbeit war eine Analyse und eine Kritik an den bestehenden ökonomischen Verhältnissen.» Anschliessend konzentrierte er sich auf die Formen des Widerstands gegen den Kapitalismus und produzierte drei Videos zur Antiglobalisierungsbewegung. «Die logische Folge war, dass ich mich mit Ideen und Konzepten auseinandersetzte, wie Gesellschaft anders organisiert werden könnte.» Diese Ideen und Konzepte sind nun auf Deutsch und in Ungarisch in einem Buch erschienen.

Zwischen Utopie …

Das Buch «Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften» basiert auf dem gleichnamigen Ausstellungsprojekt, an dem Ressler seit 2003 arbeitet, und das er kontinuierlich erweitert. Er hat Interviews mit sechzehn GesellschaftstheoretikerInnen, ÖkonomInnen und HistorikerInnen geführt und daraus Videos produziert. Die Transkriptionen dieser Videos sind nun im Buch zu lesen. «Das Gemeinsame der Konzepte ist, dass ihnen anarchistische und sozialistische Wurzeln zugrunde liegen», sagt Ressler.

«Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften» ist ein Sammelsurium von Ideen, Utopien und konkreten Konzepten, wie eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aussehen könnte. Eine Gesellschaft etwa, in der nicht ein paar wenige auf Kosten vieler reich werden, in der die Demokratisierung auf allen Ebenen stattfindet – auch in der Ökonomie – und in der soziale Gerechtigkeit herrscht.

Unter den sechzehn InterviewpartnerInnen Resslers findet sich die US-amerikanische Science-Fiction-Autorin Marge Piercy, die über ihre utopischen feministischen Visionen spricht. Oder der Zürcher P.M., der seine «bolo’bolo»-Utopie vorstellt. Vertreten ist auch der Wirtschaftstheoretiker Michael Albert mit seiner Vision von einer partizipativen Ökonomie, die auf Gleichheit, Solidarität, Vielfalt und Selbstverwaltung basiert.

… und gelebter Praxis

Dass alternative Gesellschaftsformen nicht Utopien bleiben müssen, wird an anderen Beispielen sichtbar. So basiert ein Kapitel auf Interviews mit Mitgliedern einer «Junta de buen gobierno», einer «Versammlung der Guten Regierung» der Zapatisten. Die Mitglieder in diesen regionalen Regierungen rotieren, damit kein Berufspolitikertum und keine Hierarchien entstehen.

Ein anderes konkretes System ist das der jugoslawischen ArbeiterInnenselbstverwaltung, das Todor Kuljic als eine Mischung von Plansozialismus und reiner Marktökonomie vorstellt: Auf der einen Seite die relativ strenge Kaderverwaltung der Partei, auf der andern die unmittelbare Demokratie in den Betrieben. So konnte zum Beispiel ein Arbeiter seine Stelle nicht verlieren, ohne dass der Arbeitsrat eingeschaltet wurde.

Natürlich haben die meisten vorgestellten Konzepte und Utopien Mängel und Schwachstellen. Resslers InterviewpartnerInnen erwähnen diese jeweils gleich selber und diskutieren sie auch.

Kunst politisch machen

Durch die Finanzkrise sei das Interesse der Leute, sich mit alternativen Gesellschaftsmodellen auseinanderzusetzen, grösser geworden, meint Ressler. Aber er glaubt nicht, dass in unmittelbarer Zeit eine der Alternativen umgesetzt wird: «Die Modelle und Theorien im Buch funktionieren alle so, dass es eine starke soziale Bewegung braucht, die die Veränderung bringt. Doch im Moment ist keine solch starke Bewegung wahrnehmbar.»

Nebst den Texten zeigt das Buch farbige Fotos von Ausstellungen in Wien, Genf, Istanbul, Taipei, Lima und anderen Orten, in denen die Videos zu sehen waren. So klingt der künstlerische Raum, den Ressler mit den Videos geschaffen hat, auch im Buch an. Als Installation bestand «Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften» aus drei Elementen: Plakate mit dem Logo der Ausstellung zierten die Galeriewände. Die Interviews liefen auf sechzehn Monitoren verteilt. Zitate aus den einzelnen Videos führten die BesucherInnen zum zugehörigen Monitor.

«Es ist für mich wichtig, dass das Projekt innerhalb eines künstlerischen Kontextes stattfindet,» sagt Ressler. «So kann ich auch viele Leute, die sich ausserhalb aktivistisch-politischer Kontexte befinden, direkt ansprechen.» Sich selber sieht er nicht primär als politischen Aktivist, sondern als Künstler, der einen Teil seiner Arbeit in Verbindung zum Aktivismus stellt.

Was als Kunst bezeichnet wird, ist für Ressler ohnehin einfach eine gesellschaftliche Vereinbarung – ein Diskurs, der sich in den letzten Jahren allerdings verschoben hat: «In den neunziger Jahren wurde an meinen Ausstellungen häufig darüber diskutiert, ob das, was ich mache, nun Kunst sei oder nicht.» Heute stelle sich diese Frage weniger, da politische Kunst besser akzeptiert sei. Auch wenn Ressler eigentlich gar keine politische Kunst macht, wie Gregory Sholette abschliessend feststellt: Er macht Kunst politisch.

Oliver Ressler (Hg.): «Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften. Alternatív Gazdaságok, alternatív Társadalmak». Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft. 2008. 228 Seiten.

aus: WOZ – Die Wochenzeitung, Nr. 48., 2008