Installationen, Videos und Projekte im öffentlichen Raum


von Oliver Ressler

Everything’s coming together while everything’s falling apart

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Ein fortlaufendes Filmprojekt von Oliver Ressler / 3-Kanal Videoinstallation

 

Vor nicht allzu langer Zeit war die Erderwärmung noch ein Thema der Science Fiction. Mittlerweile ist sie eine Naturwissenschaft und eine Wirklichkeit, in der wir leben. Nach neuesten Berichten des eher nüchternen Weltklimarats (IPCC) nähert sich der Planet möglicherweise schneller als angenommen zahlreichen Schwellen, deren Überschreitung zu unumkehrbaren Schäden führen wird.

Der Titel „Everything’s coming together while everything’s falling apart” (Alles fällt auseinander und alles kommt zusammen) bezieht sich auf eine Situation, wo die notwendige Technologie für ein Ende der Ära fossiler Brennstoffe schon existiert. Die Frage, ob die momentane ökologische, soziale und ökonomische Krise überwunden werden kann, ist vor allem eine Frage politischer Macht. Die Klimabewegung ist stärker als je zuvor. Sie behinderte Pipeline Projekte, wie die Keystone XL Teersande Pipeline. Sie verhinderte Bohrungen in der Arktis und blockierte das Fracking auf der ganzen Welt. Kohlekraftwerke mussten wegen Widerstandsaktionen schließen und die Divestment Bewegung übt mit großem Erfolg Druck auf Institutionen aus, ihre Aktien von Konzernen abzustoßen, die mit fossilen Energieträgern Geschäfte machen.

Die Geschichte dieses fortlaufenden Filmprojekts wird vielleicht eines Tages als die Geschichte vom Beginn der Klimarevolution gelesen werden, dem Moment, als der Widerstand der Bevölkerung zur Umgestaltung der Welt führte. Das Projekt folgt der Klimabewegung bei ihrem Kampf gegen ein wirtschaftliches System, das durch seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen gezeichnet ist. Das Projekt dokumentiert Schlüsselmomente für die Klimabewegung und verknüpft viele Situationen, Kontexte, Stimmen und Erfahrungen. Die ersten beiden Momente – für jeden gibt es einen Film – sind die Aktionen während des COP21 Treffens in Paris im Dezember 2015 und die Blockade eines Braunkohletagebaus in Deutschland im Mai 2016.

Im ersten Film (17 Min., 2016) protestieren AktivistInnen gegen die UN Klimakonferenz in Paris, wo zu dem Zeitpunkt ein Ausnahmezustand herrschte. Wie die zwanzig davor gescheiterten jährlichen Klimakonferenzen diente COP21 als Beweis der Unfähigkeit von Regierungen, sich zu einem Abkommen zu verpflichten, durch das die Erderwärmung mit einer konkreten Strategie zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen aufgehalten werden könnte. Das resultierende Klimaabkommen vermeidet alles, was den wirtschaftlichen Interessen von Konzernen entgegensteht. Dieselben Regierungen, die jetzt so tun, als könnten unverbindliche Abkommen den Klimawandel aufhalten, machen lokale Umwelt- und Klima-Gesetze durch ihre verbindlichen Freihandelsabkommen zu leeren Phrasen.

Im Film über die Aktion Ende Gelände (12 Min., 2016) geht es um den massiven Einsatz von zivilem Ungehorsam beim Braunkohletagebau in der Lausitz (bei Berlin). 4000 AktivistInnen drangen in einen Tagebau ein, blockierten die Verladestation und Eisenbahnschienen zu einem Braunkohlekraftwerk. Die Blockaden stoppten die Kohlelieferungen und zwangen den schwedischen Eigentümer Vattenfall, das Kraftwerk herunterzufahren. Die Aktion war Teil einer gegen die fossile Brennstoffindustrie gerichteten „weltweiten Eskalierung”. Diese ruft zum „Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas” auf und setzt das direkt in die Praxis um.

Im dritte Film geht es um die ZAD (33 Min., 2017), er legt den Fokus auf Europas größtes autonomes Gebiet, das sich in der Nähe der französischen Stadt Nantes befindet. Die ZAD (zone à défendre/zu verteidigende Zone) erwuchs aus dem Widerstand gegen den Bau eines neuen Flughafens. Als die französische Regierung 2012 die Zone räumen lassen wollte, stellten sich mehr als 40.000 Menschen dagegen – die Polizei hat die ZAD seither nicht mehr betreten. Aktuell leben 250 Personen aus 60 Kollektiven dauerhaft auf der ZAD und besetzen die Auen, Felder und Wälder. Die ZAD ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, dass die Schaffung von Alternativen und der Widerstand Hand in Hand gehen sollten. Während sich die Menschen dort mit selbstorganisierten Bäckereien, Werkstätten, einer Brauerei, einem Naturheilkräutergarten, einem Rap-Studio, einer wöchentlichen Zeitung und einer Bibliothek die Kontrolle über ihren Alltag wiedererlangten, verhindern sie gleichzeitig einen unnötigen, ökologisch verheerenden Flughafen. Der Film ist um eine Diskussion mit einer Gruppe von AktivistInnen aufgebaut, die auf der ZAD leben.

Regierungen und Unternehmens-PR können uns noch so viel vormachen: Ob und wann wir auf fossile Brennstoffe verzichten, wird vor allem von sozialen Bewegungen und dem Druck, den sie auf die Institutionen ausüben, abhängen. Machtvolle Strukturen zwängen uns in ein Leben hinein, das unsere Lebensgrundlage zerstört. Diese Strukturen müssen geändert werden: nur unser gemeinsames Handeln kann sie verändern.

„Everything’s coming together while everything’s falling apart“ wurde zunächst in Form einer 2-Kanal Videoinstallation als Teil von Oliver Resslers Einzelausstellung „Property is Theft” im MNAC – National Museum of Contemporary Art in Bukarest gezeigt. 2017 wurde das Projekt um einen dritten Film ergänzt. Später folgende Episoden werden sich mit kommenden Ereignissen im Kampf gegen eine von fossilen Brennstoffen abhängige Ökonomie befassen.

 

Regie und Produktion: Oliver Ressler
Kamera: Thomas Parb, Oliver Ressler
Narration: Oliver Ressler & Matthew Hyland
Schnitt: Oliver Ressler
Sprecherin: Renée Gadsden
Farbkorrektur and Bearbeitung: Rudolf Gottsberger
Sounddesign und Musik: Vinzenz Schwab

Das Projekt wurde unterstützt von: ERSTE Stiftung, BKA – Kunst, Otto Mauer Fonds, MNAC – National Museum of Contemporary Art in Bucharest, 3. Berliner Herbstsalon / Maxim Gorki Theater, < rotor > Zentrum für zeitgenössiche Kunst.

Mit besonderem Dank an: Calin Dan, TJ Demos, Ende Gelände, Christiane Erharter, Matthew Hyland, John Jordan, Erden Kosova, Anton Lederer, Max Liljefors, Margarethe Makovec, Adriana Oprea, Johanna Schwanberg, Walter Seidl, und Janet Stewart.

 

5 Min. langer Ausschnitt des Films “Everything’s coming together while everything’s falling apart: COP21” (17 Min., 2016)

5 Min. langer Ausschnitt des Films “Everything’s coming together while everything’s falling apart: Ende Gelände” (12 Min., 2016)

8 Min. langer Ausschnitt des Films “Everything’s coming together while everything’s falling apart: The ZAD“ (36 Min., 2017)