Stranded

Eine Fotoserie von Oliver Ressler

2015

Denkt man an leblose an der Küste liegende Körper, assoziieren die meisten Menschen heute damit Flüchtlinge, deren Bote während der gefährlichen Meeresüberfahrt auf dem Weg in die Europäische Union sanken. 2015 hat die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge 2.500 erreicht. Die Tötung dieser Männer und Frauen kann als direkte – und beabsichtigte – Konsequenz der EU-Politik gesehen werden, wobei die Grenze zwischen Afrika und Europa zur tödlichsten Grenze der Eder wird.

“Stranded”. Installation view: Who Throws Whom Overboard?” (solo show), SALT Galata, Istanbul, 2016
“Stranded”. Installation view: Who Throws Whom Overboard?” (solo show), SALT Galata, Istanbul, 2016

Die Fotoserie „Stranded“ zeigt Männer, die bewegungslos an einem leeren Strand liegen. Aber anders als Flüchtlinge tragen diese Männer Geschäftsanzüge, die standardisierte Kleidung von Politikern und Managern. Ihre Körper befinden sich zum Teil im Wasser, zum Teil am Land; sie sind offenbar gestrandet. Diese Bilder könnten als Darstellung der Verantwortlichen für jene Politik gesehen werden, die bewirkt, dass Flüchtlinge ertrinken. Die aktuellen Maßnahmen der Europäischen Union gehen über die „Abschreckung von Flüchtlingen“ hinaus. Heute macht sich die EU die Katastrophe zunutze, die sie selbst verursacht hat (durch ihre Unterstützung für Diktatoren, politische Intervention in Aufständen, kontinuierliche Kriege gegen den Terror und die wirtschaftliche Strangulierung Afrikas und des Nahen Ostens), um eine neue militärische Intervention hinter dem Rücken der Bevölkerung vorzubereiten. Währenddessen haben CEOs seit Jahrzehnten ihre globale ökonomische Stärke benutzt, um sich und die Aktieninhaber_innen auf Kosten von Umwelt, sozialen und arbeitsrechtlichen Standards zu bereichern. Das hat dazu geführt, dass ganze Regionen in Armut versinken.

“Stranded”. Installation view: Artwall Gallery, Prague, 2015

Die Fotoserie „Stranded“ verweist auf etwas, das in der Zukunft liegt, wenn der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems, wie wir es kennen, weiter voranschreitet. Dieser ökonomische Zusammenbruch hat bereits begonnen: wie er sich ausbreitet und vertieft, nehmen Katastrophen, Kriege und Aufstände aller Arten zu. „Stranded“ imaginiert, was passieren könnte, sollten die Manager der heutigen Ökonomie – jene, für die keine Alternative zum Konzernprofit und menschlichen Verlusten existiert – selbst hinausgeschmissen und von den Menschen über Bord geworfen werden.

“Stranded”. Artwall Gallery, Prague, 2015 (Photo: Lenka Kukurová)
„Stranded“. Poster “Property is Theft” (solo show), MNAC – National Museum of Contemporary Art, Bucharest, 2016