Carbon and Captivity

Ein Film von Oliver Ressler

4K, 33 min., AT/CH/NO 2020

Jahrzehntelang beweisen Nationalstaaten und Politiker_innen nun schon, dass es ihnen nicht gelingt, die Wirtschaft zu entkarbonisieren. Ölkonzerne finanzierten ein viertel Jahrhundert lang die Leugnung des Klimawandels, während ihnen gleichzeitig ihre eigenen Wissenschaftler_innen immer wieder Beweise für das Desaster geliefert haben. Zu einer Zeit, wo die meisten Menschen die Auswirkungen des Klimawandels in ihrem eigenen Leben zu spüren bekommen, setzen die Ölkonzerne auf eine neue Strategie und drängen auf eine Ausweitung der Anwendung technologischer Verfahren, die es ihnen erlauben, mehr Öl zu fördern.

„Carbon and Captivity“, still

CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) wird als technische Lösung zur Verhinderung von katastrophaler Klimaerwärmung präsentiert. Bei dem Verfahren soll CO2 im Raffinerievorgang extrahiert, dann transportiert und in Formationen unter dem Meeresboden gespeichert werden. Aber CCS ist eine noch ziemlich unausgereifte Technik: 2013 zeigten sich bei Untersuchungen Risse im Gestein auf dem Nordseemeeresboden, dort wo CO2 in Einsatzproben gespeichert worden war. Dies deutet auf die Wahrscheinlichkeit von Lecks und eine mögliche Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre hin. Außerdem verbraucht die Technologie unmäßig viel Energie und ist daher viel zu teuer, als dass sie großangelegt eingesetzt werden könnte.

„Carbon and Captivity“, still

Die weltweit größte Anlage zur Erprobung von CO2-Abscheidungstechnik in industriellem Ausmaß ist das Technology Centre Mongstad (TCM), 67 km nördlich von Bergen in Norwegen. Dort wurde dieser Film gedreht. TCM ist seit 2012 in Betrieb. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt vom Staat Norwegen, Equinor, Shell und Total.
Die Attraktivität von CCS für die Brennstoffindustrie liegt in der Aussicht auf hohe neue Subventionen. Öl und Gas sollten im Boden bleiben, ein voll finanzierter Übergang zu einer ölunabhängigen Wirtschaft muss sofort beginnen, aber die Einführung von CCS in großem Ausmaß würde die notwendige Entkarbonisierung weiter verzögern und unsere Abhängigkeit von der Brennstoffindustrie noch vertiefen. Der Titel des Films nimmt Bezug auf die „Gefangenschaft“ der Menschheit in der Logik des Kapitalismus, wo der Extraktivismus weitergeführt wird, bis es kein Zurück mehr gibt.

„Carbon and Captivity“ (Kohlenstoff und Gefangenschaft) ist in vier Kapitel aufgeteilt, in denen verschiedene Stimmen unterschiedliche Perspektiven einbringen. Der Film verwebt Bildmaterial in und um das Technologiezentrum Mongstad mit einer Führung durch die Anlage, einer poetisch-politischen Erzählstimme und dichtem Sounddesign.

“Carbon and Captivity”, 33 min., 4K, AT/NO 2020 (excerpt)

Regie und Produktion: Oliver Ressler
Kamera: Sjur Pollen
Ton: Sjur Pollen, Oliver Ressler
Schnitt: Oliver Ressler
Text: Oliver Ressler, Matthew Hyland
Sprecher: Tim Goldie
Tonstudioaufnahme: John Hannon
Farbkorrektur: Rudolf Gottsberger
Sound Design und Musik: Vinzenz Schwab
Titeldesign: Nils Olger

Dieser Film wurde ermöglicht durch Entrée, Bergen und unterstützt von Arts Council Norway, Gwärtler Stiftung und Stadt Wien.
Besonderen Dank an: Randi Grov Berger, Alexander Behr, Lisbeth Kovačič, Lenka Kukurova, Ernst Logar, Gregory Sholette, Imre Szeman.

“Carbon and Captivity”, film, 2020 (Installation view: “Stress Rehearsal”, Das Weisse Haus, Vienna; photo: Theresa Wey)
“Carbon and Captivity”, lenticular print on aluminum behind acrylic glass, 80 x 45 cm, 2020
“Carbon and Captivity”, lenticular print on aluminum behind acrylic glass, 80 x 45 cm, 2020
“Carbon and Captivity”, lenticular print on aluminum behind acrylic glass, 80 x 45 cm, 2020