It’s the Political Economy, Stupid

Ein Ausstellungszyklus kuratiert von Oliver Ressler und Gregory Sholette

2011-2016

Globalisierung, Privatisierung, flexible Arbeitspläne, deregulierte Märkte; 30 Jahre neoliberaler Kapitalismus haben die meisten Regierungen der Welt dazu veranlasst, ihre frühere Rolle als Schiedsinstanzen zwischen der Sicherheit der Mehrheit und dem Profitstreben des Unternehmenssektors teilweise oder völlig aufzugeben. Daher überrascht es keinesfalls, dass in dem Augenblick, als Probleme im amerikanischen Immobilien- und Finanzsektor 2008 zu einer globalen Finanzkrise führten, Regierungen in der ganzen Welt Billionen von Dollars in Banken und Versicherungsgesellschaften pumpten und damit tatsächlich den größten Kapitaltransfer in den Privatsektor schufen, den es je gegeben hatte. Ein oft zitiertes Argument dieser noch nie da gewesenen Aktion lautete, dass viele dieser transnationalen Unternehmen zu groß seien, um Bankrott zu gehen (“too big to fail”). Trotz dieser enormen Ausgaben verloren jedoch bald Millionen von Menschen ihr Heim und ihre Existenzgrundlage, und der wirtschaftliche und soziale Schaden ist bis heute nicht beendet.

Zanny Begg & Oliver Ressler “The Bull Laid Bear”; Linda Bilda, “Labor and Capital”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Austrian Cultural Forum, New York, 2012 (Photo: David Plakke)
Linda Bilda, “The Future and End of the Golden World”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Austrian Cultural Forum, New York, 2012 (Photo: David Plakke)

Die Kosten dieser Rettungsaktionen sind niederschmetternd. Staaten borgten sich Kapital aus, um Finanzinstitute zu retten, was zu einer steigenden Staatsschuld und der faktischen Insolvenz einiger Länder führte. Diese Budgetdefizite hätten wohl gemanagt werden können, wenn reiche transnationale Unternehmen gezwungen worden wären, die Wirtschaft zu stützen. Stattdessen entschieden sich die neoliberalen Regierungen dafür, Sparprogramme einzuführen, die die öffentlichen Dienste und Sozialleistungen radikal kürzten. Es braucht nicht extra erwähnt zu werden, dass diese Sparmaßnahmen nicht unbedingt den Willen der Mehrheit darstellen und so gehört die wachsende Apathie der Wähler_innen zu den ernsthaften Nebenwirkungen dieser Top-Down-Entscheidungsfindung.

Noel Douglas, “Abstract Forces”; Libia Castro & Ólafur Ólafsson, “Lobbyists”; Zanny Begg & Oliver Ressler, “The Bull Laid Bear”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Galerija Nova, Zagreb, 2014

Heute sind wir mit einer Katastrophe des Kapitalismus konfrontiert, die auch eine bedeutende Krise der repräsentativen Demokratie geworden ist. Die Idee des modernen Nationalstaates ist in Gefahr, wenn der entterritorialisierte Fluss des Finanzkapitals all das, was solide war, in Rohmaterial für Marktspekulation und biopolitische Vermögensbildung verschmilzt. Die soziale Ordnung und die Vorstellung von Regierung mit ihrem archaischen Versprechen von Sicherheit und Glück sind zu einer weiteren Form des modernen Ruins geworden. Der Theoretiker Slavoj Žižek drückt das so aus: „Die zentrale Aufgabe der regierenden Ideologie in der derzeitigen Krise besteht darin, ein Narrativum zu verhängen, welches die Schuld für den Kollaps nicht dem globalen kapitalistischen System als solchem geben wird, sondern sie auf sekundäre und zufällige Abweichungen abschiebt (allzu laxe Rechtsvorschriften, die Korruption großer Finanzinstitutionen usw.).” [1]

Noel Douglas, “Abstract Forces”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Center for Cultural Decontamination, Belgrade, 2013 (Photo: Vladan Jeremic)

„It’s the Political Economy, Stupid“[2] versammelt eine Gruppe herausragender Künstler_innen, die sich nachhaltig und kritisch mit der augenblicklichen Krise auseinandersetzen. Anstatt sich in die Katastrophe zu fügen, fragt diese Ausstellung, ob es nicht an der Zeit sei, die disziplinarischen Diktate der kapitalistischen Logik zurückzudrängen und gleichsam durch eine Art künstlerische Zauberei eine Rettung des Begriffs des Sozialen einzuleiten.

[1] Slavoj Žižek, First as Tragedy, Then as Farce. Verso Books, London/New York 2009, S. 19
[2] Der Ausstellungstitel It’s the Political Economy, Stupid basiert auf Slavoj Žižeks Umformulierung der weitverbreiteten Redewendung „It’s the economy, stupid”, die während der erfolgreichen Präsidentschaftskampagne von Bill Clinton 1992 gegen den amtierenden Präsidenten George Bush Senior zirkulierte.

Filippo Berta, “Homo Homini Lupus”; Sherry Millner & Ernie Larsen, “Rock the Cradle”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Pori Art Museum, Pori, 2013
Field Work, “The Revenge of The Crystals”. Installation view: “It’s the Political Economy, Stupid”, Pori Art Museum, Pori, 2013

Die Ausstellung wird von der Publikation “It’s the Political Economy, Stupid: The Global Financial Crisis in Art and Theory” (Pluto Press, 2013) begleitet, die Essays von Slavoj Žižek, Brian Holmes, Judith Butler, David Graeber, Julia Bryan-Wilson, John Roberts und anderen beinhaltet.

“It’s the Political Economy, Stupid” wurde in den folgenden Kunstinstitutionen gezeigt:

Open Space, Open Systems, Wien (AT), 2011
Teilnehmende Künstler_innen: Zanny Begg, Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Damon Rich, Superflex

Austrian Cultural Forum, New York (US) 2012
Teilnehmende Künstler_innen: Linda Bilda / Julia Christensen / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Institute for Wishful Thinking / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott

Centre of Contemporary Art, Thessaloniki (GR), 2012
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Linda Bilda / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Julia Christensen / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Institute for Wishful Thinking / Sherry Millner & Ernie Larsen / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott

Pori Art Museum, Pori (FI), 2013
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Julia Christensen / Field Work / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Institute for Wishful Thinking / Sherry Millner & Ernie Larsen / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott / Superflex

Center for Cultural Decontamination, Belgrad (RS), 2013
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Paolo Cirio / Field Work / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Sherry Millner & Ernie Larsen / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott / Julia Christensen / Institute for Wishful Thinking / Noel Douglas

Gallery 400/University of Illinois at Chicago (US), 2013
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Julia Christensen / Field Work / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Institute for Wishful Thinking / Sherry Millner & Ernie Larsen / Zanny Begg & Oliver Ressler / Dread Scott.

Galerija Nova, Zagreb (HR), 2014
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Julia Christensen / Paolo Cirio / Field Work / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Sherry Millner & Ernie Larsen / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott / Institute for Wishful Thinking / Noel Douglas

NeMe Arts Centre, Limassol (CY), 2014
PTeilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Christopher Christou / Noel Douglas / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Paolo Cirio / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / Field Work / flo6x8 / Melanie Gilligan / Institute for Wishful Thinking / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Sherry Millner & Ernie Larsen / Suzanna Phialas / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott / Marios Theophilides / Pavlos Vrionides

DAAP Galleries, University of Cincinnati, Cincinnati (US), 2016
Teilnehmende Künstler_innen: Filippo Berta / Libia Castro & Ólafur Ólafsson / Paolo Cirio / Noel Douglas / Field Work / Yevgeniy Fiks & Olga Kopenkina & Alexandra Lerman / flo6x8 / Sylvain George / Melanie Gilligan / Jan Peter Hammer / Alicia Herrero / Institute for Wishful Thinking / Sherry Millner & Ernie Larsen / Zanny Begg & Oliver Ressler / Isa Rosenberger / Dread Scott